Frage: Herr Reiche, Ihre Predigt an Heiligabend hat die Gemüter derart erhitzt, dass nun bundesweit und über die Kirchengrenzen hinaus diskutiert wird, wie politisch eine Predigt sein darf. Überrascht Sie das?

Steffen Reiche: Das ist gut so. Eine Predigt, die keine Diskussion auslöst, ist nicht richtig gehalten worden. Für die Multiplikation wollte ich Herrn Poschardt auch schon danken, aber seine Redaktion ließ mich nicht bis zu ihm durchdringen.

Frage: Was ist dran an seinem Vorwurf, Ihre Predigt wäre eher eine Parteitagsrede gewesen?

Reiche: Viele Gemeindemitglieder sehen das offenbar anders. Sie waren dankbar, dass ich so klare Worte gefunden und Balance gehalten habe. Mir ging es darum, zu zeigen, was wir bewahren und wann wir Veränderung wagen sollten. Mal bin ich ein konservativer, mal ein progressiver Prediger. Im Dialog mit dem Islam beispielsweise sollten wir wahrhaftig bleiben und müssen auch über die kritischen Dinge reden und nicht immer die Augen verkleistern, wie viele Kirchenleitende das aktuell tun. Es reicht nicht, nur auf die Menschenrechte und die Religionsfreiheit zu verweisen, solange sie in mehrheitlich muslimischen Regionen nicht in gleicher Weise gewahrt oder gelehrt werden. Gute Nachbarschaft gelingt nur dort, wo man auch den Mut zur Klarheit hat, so hat es die in der Frage wichtigste Denkschrift der EKD genannt.

Frage: Sie kennen als Pfarrer und ehemaliges Mitglied des Bundestages ja beide Sphären, die pastorale und die politische. Was unterscheidet Ihre Predigt denn nun von einer Parteitagsrede?

Reiche: Das Bekenntnis zu Christus. Hätte ich eine solche Rede auf einem Parteitag gehalten, egal ob bei der CDU, bei der SPD, bei den Grünen oder bei den Linken, sie hätten mich zu Recht ausgepfiffen. Als Pfarrer mache ich keine politischen Vorschläge, aber im Sinne der Bekennenden Kirche spreche ich natürlich in die Zeit hinein. Nach dem Gottesdienst haben mich Dutzende Mails von Menschen erreicht, sie hätten an Weihnachten noch nie so intensiv diskutiert. Unsere Kirchen sind ja nicht zufällig leer, sie sind leer gepredigt worden. Das Gerede, manchmal ist es gar Gewäsch, das einige Kolleginnen und Kollegen verbreiten, hilft den Menschen in ihrem Alltag doch nicht! Kirche soll keine Politik machen. Aber wenn eine Predigt keine Wirkung im politischen Raum hat, dann ist es auch nicht die Botschaft Jesu.

Frage: Aber muss das denn auch an Heiligabend um 23 Uhr sein, in einer Christmette? Ich will Ihnen einmal aufzählen, welche politischen Themen Sie angesprochen haben ...

Reiche: Darf ich noch einen Satz vorher sagen?

Frage: Bitte.

Reiche: Ich vermute, Herr Poschardt hat bei der Predigt schon ab da nicht mehr richtig zugehört, wo er sich über einen Scherz aufgeregt hat, den ich vor der Predigt gemacht habe. Da habe ich von der Idee einer AfD-Krippe erzählt, in der kein Jude, kein Araber, kein Afrikaner und kein Flüchtling drin ist – es bleiben nur noch Ochs und Esel. Das hat ihn womöglich so sehr provoziert, dass er nicht mehr richtig zuhören wollte. Mich überrascht bei einem so weltoffenen Mann, der ein so gutes Blatt wie die "Welt" verantwortet, dass er da nicht stärker differenzieren wollte.

Frage: In Ihrer Predigt ging es dann jedenfalls nach etwas Einführung in die Weihnachtsgeschichte um eine Vielzahl politischer Themen: Sie sprechen über Steuererhöhungen in den USA, die Verlegung der US-Botschaft nach Jerusalem, die Schoah, den Völkermord an den Armeniern, das Reformationsjubiläum, die russische Revolution, den Mauerfall, Putin und die dopenden russischen Sportler, den Streit um die Mohammed-Karikaturen, den Marshallplan, den IS, die Charta der Menschenrechte, Papst Franziskus und die Fehden im Vatikan, die Übersetzung des Vaterunsers – ist da nicht doch der Politiker mit Ihnen durchgegangen?

Reiche: Nein, da hat der Zeitgenosse geredet. Ich habe versucht, Dinge, die uns im vergangenen Jahr begegnet sind, im Licht der Weihnacht neu zu ordnen und das Licht der Krippe drauf scheinen zu lassen. Das ist doch die großartige Möglichkeit, die uns Pfarrern gerade zu Weihnachten gegeben ist, wo die Kirchen voll sind: Das, was uns als Menschen bewegt, im Licht der Weihnacht, im Licht des Kindes in der Krippe, aber auch im Licht des Kreuzes, miteinander neu zu bedenken und zu ordnen.

Frage: Ihre Predigt dürfte locker eine halbe Stunde gedauert haben.

Reiche: 25 Minuten.

Frage: Ist eine Christmette um 23 Uhr an Heiligabend der richtige Ort, um so weit auszuholen?

Reiche: Das muss jeder Prediger für sich verantworten. Meine Gemeinde scheint das mit Ja zu beantworten. Die Gottesdienste zu Weihnachten waren bisher jedes Jahr voller als im Jahr zuvor. Es gibt ja auch einige CDU- und FDP-Wähler in meiner Gemeinde, die sagen: Wir können Ihnen deshalb so gut zuhören, weil Sie keine Parteipolitik machen. Wer aber erwartet, dass ich den Menschen in der Christmette das "Herze-Jesu-Kind" auf die Knie lege, damit sie es eine halbe Stunde schaukeln dürfen, um ein gutes Gefühl zu bekommen, ist bei mir nicht richtig.