Aus dem Wohnzimmer hat sie alle Bücher verbannt, sie sind woanders. Im Flur, im Arbeitszimmer, im Kinderzimmer. Und natürlich in ihrem Kopf. Ein paar Tausend dürften es sein, plus das eine, das sie selbst gerade veröffentlicht hat: Eine Weltgeschichte der deutschsprachigen Literatur. 486 Seiten Text, 241 Seiten Anhang, macht 1.052 Gramm. Ein unhandliches Format, es raubt Platz im Regal und verstaubt.

Es gibt das Buch auch als elektronische Ausgabe – null Gramm, null Staub –, allerdings wird es als solches niemals in einem Regal stehen. Weder in einem Arbeitszimmer noch in einem Archiv. Oder doch? Um diese Frage geht es: Wie sammeln wir unsere Bücher – und das Wissen, das sich in ihnen materialisiert?

Sandra Richter ist die Frau, die hierauf Antworten zu liefern hat, am besten so bald wie möglich. Die Digitalisierung zieht wie ein Tornado durch die akademischen Bücherhallen des Landes: durch Universitätsbibliotheken, Forscherstuben und auch durch das Deutsche Literaturarchiv Marbach. Zu dessen neuer Direktorin wurde die Stuttgarter Literaturwissenschaftlerin vor Kurzem gewählt.

Die Stelle ist nicht irgendein Amt in irgendeinem Archiv, sondern gehört zu den wenigen glamourösen Posten der deutschen Wissenschaft. Wer Marbach leitet, wacht über die Geistesgeschichte dieses Landes. Das Bewahren und Behüten aber, eine Kernaufgabe von Archiven seit je, befindet sich in einer geistigen wie physischen Transformation. Richter muss "Marbach", diese abgelegene Bücherburg, Anschrift: Schillerhöhe 8–10, in die Zukunft tragen – auf neues, virtuelles Terrain.

An diesem Vormittag, die Personalie ist ganz frisch, wirkt Richter, als zähle sie schon jetzt die Monate rückwärts, bis sie das Amt am 1. Januar 2019 antreten darf. Konzentriert sitzt sie an ihrem Esstisch, die Hände am Milchkaffee. Gliedert bedacht ihre Antworten: erstens, zweitens, drittens. Trotzdem gibt es an ihr etwas Drängendes, Ungeduldiges. Dass das Marbacher Archiv sein Zukunftspotenzial verspielen könnte, weil man die Dinge nicht schnell und strukturiert genug anpackt, macht sie nervös. Deshalb: erstens mehr Digitalisierung, zweitens mehr Öffnung, drittens mehr Globalität.

Dass diese To-do-Liste für einen traditionsgesättigten Ort wie Marbach – 1759 wurde hier Friedrich Schiller geboren – eine Überforderung sein könnte, will sie nicht so sehen. Wenn sich die Welt verändere, müssten sich eben auch Nationalinstitutionen verändern und neu begründen, warum man sie braucht.

"Archive beherbergen die intellektuellen und kulturellen Ressourcen unserer Zivilisation", meint Richter. Bisher funktionierte das analog und handfest: So spitz ist die Handschrift Franz Kafkas. So dünn sind die gewichtigen Tagebücher von Hannah Arendt. Texte kann man riechen und wiegen und fühlen und hinter Glas legen, in dem sich die Besucher spiegeln. Das Literaturmuseum gleich neben dem Archiv ist ein ganzer Spiegelsaal; einige der schönsten Exponate des 20. Jahrhunderts liegen hier. Die Seele heißt diese Dauerausstellung. Kann man die Seele ins Netz verlagern?

Marbach ist Provinz, einerseits. Andererseits wächst dieser Ort längst über sich selbst hinaus. In den Archivkellern stapelt es sich, eine Million Bände liegen hier. Dazu 300.000 Gegenstände, mehr als tausend Sammlungen, Vor- und Nachlässe von den Großen der deutschen Literatur. Und natürlich wächst auch der Gerätepark – Schreibmaschinen, Lesegeräte für Floppy-Disks und CD-ROMs. Ob man zum Beispiel alle Schriftsteller-Mails und ihre Tweets speichern sollte, sei nicht nur eine Frage des literarischen Gehalts des Materials, sagt Richter – sondern auch der Speicherkapazität. Es brauche Server, Kühlräume, Techniker.

Die Digitalisierung öffnet den Beständen neue Horizonte. Eingescannte Manuskripte lassen sich ans andere Ende der Welt schicken. Man bewahrt die Aura des Originals, verkündet aber zugleich: Dieses Dokument ist für alle da. Ungleich aufwendiger ist es, sogenannte Digitalisate anzufertigen; dafür benötigt man neben Editions- auch Informatikkenntnisse. Die Texte müssen verschlagwortet, die inhaltlichen und formalen Informationen miteinander verknüpft werden: Gibt es handschriftliche Randnotizen? Hat eine Autorin ein Wort durchgestrichen und korrigiert? In welchen anderen Werken tauchen dieselben Figuren nochmals auf?