ZEIT: Es droht ein Schwarzmarkt für Daten?

Ohlberg: Es gibt jetzt schon vereinzelt Presseberichte über Manipulation und Datenhandel. Es scheinen Anbieter aus dem Boden zu sprießen, die versprechen, Bewertungen aufzubessern und Einträge auf schwarzen Listen zu löschen. Auf der offiziellen Regierungswebsite, die über das "gesellschaftliche Bonitätssystem" informiert, wird vor solchen Anbietern gewarnt. Das deutet darauf hin, dass es sie tatsächlich schon gibt.

ZEIT: Was bedeutet das für ausländische Firmen?

Ohlberg: Jedes Unternehmen, das eine Niederlassung in China hat, ist betroffen. In einer Datenbank des Handelsministeriums lässt sich bereits nachschlagen, welche ausländischen Unternehmen auf schwarzen Listen stehen. Dort werden beispielsweise die Namen der Unternehmenschefs veröffentlicht. Für diese Unternehmen gilt dann theoretisch der gleiche Strafenkatalog wie auch für chinesische Unternehmen, also Einschränkungen für die Unternehmenschefs und stärkere Überwachung.

ZEIT: In einem Forschungsbericht Ihres Thinktanks heißt es, "sichtbare staatliche Eingriffe in Marktprozesse werden dadurch auf ein Minimum begrenzt". Das klingt fast nach einer harmonischen Selbstregulierung des Marktes.

Ohlberg: So stellt sich China das auch vor. Die Frage ist, ob es funktioniert. Zum einen gibt es technische Hürden, wenn es darum geht, die Massen von Daten in Echtzeit zu generieren und auszuwerten. Zum anderen sind da bürokratische Hürden. Die an dem System beteiligten Behörden müssen an einem Strang ziehen. Aber chinesische Ministerien reden traditionell nicht gerne miteinander. Ein und dasselbe Unternehmen hat in unterschiedlichen Ministerien derzeit noch unterschiedliche Identifikationsnummern. Da gibt es riesigen Abstimmungsbedarf.

ZEIT: Wie reagiert die chinesische Bevölkerung?

Ohlberg: Ich glaube, den meisten Chinesen ist gar nicht klar, was da auf sie zukommt. Es gibt sehr wenig öffentliche Diskussion. Zum einen liegt das daran, dass das System in der Parteipresse positiv dargestellt wird. Wenn Kritik geäußert wird, dann konstruktiv: Sie ist darauf ausgerichtet, was sich verbessern lässt. Aber es gibt keine Grundsatzdebatte. Das liegt auch daran, dass viele der Probleme, die das System lösen soll, für die meisten Chinesen ganz reale Sorgen sind.

ZEIT: Zum Beispiel?

Ohlberg: Probleme mit der Lebensmittelsicherheit, aber auch mit Umweltverschmutzung und Markenrechtsverletzungen. Es gibt in der chinesischen Gesellschaft ein großes Vertrauensproblem.

ZEIT: Die digitale Überwachungsmaschinerie soll 2020 richtig anlaufen. Bis jetzt ist aber unklar, wie das System im Detail umgesetzt werden soll. Kann die chinesische Regierung das überhaupt schaffen?

Ohlberg: Der Zeitplan ist extrem ambitioniert. Ich halte es für unmöglich, bis 2020 ein System einzuführen, das jede Person und jedes Unternehmen im Land in Echtzeit bewertet. Für realistisch halte ich aber, dass die schwarzen Listen noch sehr viel effektiver werden. Das wird vielen Unternehmen das Genick brechen. Und das Projekt steht nicht still. Im Gegenteil: Die Regierung arbeitet sehr hart daran. Täglich erscheinen neue Regulierungen, zum Beispiel zum Umgang mit den gesammelten Daten.

ZEIT: China versucht, die internationale Ordnung nach den eigenen Vorstellungen zu verändern, etwa mit dem Infrastrukturprojekt "Neue Seidenstraße" und der Entwicklungsbank "Asiatische Infrastrukturinvestmentbank". Wird China mit dem "gesellschaftlichen Bonitätssystem" auch die Diskussion über die Internetfreiheit beeinflussen?

Ohlberg: China sucht auf jeden Fall mehr Unterstützung für seine autoritäre Vision eines zensierten Internets, so zum Beispiel auf dem von China organisierten Weltinternetkongresses, an dem 2017 die Chefs großer globaler Konzerne wie Apple und Google teilgenommen haben. Präsident Xi Jinping kleidet seine Vorstellung vom zensierten Netz meist in das Schlagwort der "Internet-Souveränität". Er will das chinesische Internet wie ein abgestecktes Territorium behandeln, um innerhalb der Grenzen zu machen, was er will. Noch versucht China nicht, auch das "gesellschaftliche Bonitätssystem" aktiv zu exportieren. Aber natürlich hat die chinesische Regierung ein Interesse daran, die globale Debatte darüber, was das Internet ist, zu beeinflussen.