Es wird eng – Seite 1

Alarmstufe Rot für den Planeten – so lautet nicht etwa der Arbeitstitel eines Science-Fiction-Romans. Es ist die Mahnung des UN-Generalsekretärs, der in seiner Neujahrsansprache sagte: "Ich rufe Alarmstufe Rot für unsere Welt aus." Was für ein Kontrast zur routinierten Das-wird-schon-Silvesterbotschaft der Bundeskanzlerin!

Doch es gibt da eine Verbindung.

António Guterres zählte auf: verschärfte Konflikte, die Rückkehr der Angst vor einem Atomkrieg, Klimawandel, wachsende Ungleichheit, Menschenrechtsverletzungen, zunehmender Nationalismus und Fremdenfeindlichkeit ... So sieht der Welt-Chefdiplomat also die Gegenwart, seine Liste ließe sich ergänzen, vor allem um den Blick auf die Natur, diese sehr endliche Ressource.

Heute werden global zwei Fünftel des Landes (abzüglich der Eisflächen) landwirtschaftlich genutzt. Dazu kommen Städte, Fabriken, Autobahnen. Siebeneinhalb Milliarden Menschen bewegen mit Baggern, Pflügen, Bewässerungsanlagen mehr Sediment als Flüsse und Wind zusammen. Seit 1970 haben die Wildtierbestände um drei Fünftel abgenommen. Die Lebendmasse aller Nutztiere, dominiert von Rindern, ist mindestens zwanzigmal so groß wie die aller wilden Landwirbeltiere. Auf diese dezimierte, an den Rand gedrängte Wildnis treffen die Folgen des Klimawandels. Schneller denn je in der jüngeren Erdgeschichte gehen aktuell Lebensräume und biologische Vielfalt verloren.

Härter, ungleicher, schmutziger, düsterer – wie soll man sich da Ausgleich vorstellen?

Wer das weder ästhetisch noch ethisch anstößig findet, der sollte sich wenigstens um die Leistungsfähigkeit der Ökosphäre sorgen. Sie ist unser Lebenserhaltungssystem – und schon arg strapaziert, bevor es so richtig eng wird. Denn von heute an bis zum Jahr 2100 wird die Weltbevölkerung um rund ein Drittel wachsen, auf etwa zehn Milliarden Menschen. Weil sie sich alle werden satt essen wollen, wird die Menschheit der Erde drastisch mehr Nahrung abringen müssen.

Diese Aussicht wäre schon Herausforderung genug, aber in Kombination mit Guterres’ düsterer Liste, nun, da leuchtet dann plötzlich dieser Begriff ein, der jetzt immer öfter fällt: Flaschenhals. Ein überbevölkertes, in mehrerlei Hinsicht überhitztes 21. Jahrhundert als Engstelle für die Menschheit. Ja, das ist ein schlichtes Bild, basierend auf Prognosen. Aber es passt unheilvoll gut zu den Befunden der Gegenwart.

Also Alarmstufe Rot? Warnungen zur Zukunft des Planeten sollten wohldosiert werden, weil absehbar noch so viele folgen werden. Wie oft wurde zum Beispiel schon dazu aufgerufen, "die Erde zu retten"? Streng genommen, ist das Unsinn, dem Planeten ist der Klimawandel egal. Und wenn "das Überleben der Menschheit" beschworen wird? Auch in drastischen Szenarios kann man sich Vertreter der Spezies Homo sapiens als Überlebende vorstellen, und sei es in irgendwelchen Höhlen ...

Das Leben, das wir kennen, steht auf dem Spiel

Was auf dem Spiel steht und was es zu bewahren gilt, das liegt viel näher. Es sind die Voraussetzungen für das Leben, wie wir es kennen: in arbeitsteiligen und verflochtenen, in historisch unvergleichlich friedfertigen und sozial einbindenden Gesellschaften. Wird die Welt härter und ungleicher, schmutziger und düsterer, dann schrumpft der Gestaltungsraum für die Kinder- und Enkelgeneration auch in den heute begüterten Weltgegenden (vom Ausgleich mit dem globalen Süden ganz zu schweigen). Sind die ökologischen und sozialen Hypotheken zu groß, werden dann nur noch die Reichen damit fertig? Wie soll dann ein Staat aussehen, wie wird es sich dann in der Gesellschaft anfühlen?

Das Motiv der Teilhabe tauchte auch in der von Ton und Thema her so ganz anderen Neujahrsansprache Angela Merkels auf. "Die Welt wartet nicht auf uns", sagte sie in Bezug auf die Berliner Sondierungsgespräche – die Welt!

Passenderweise bietet sich vom kommenden Sonntag an ja nicht nur die Gelegenheit, eine Regierung zu bilden. Sondern auch die, statt großen Alarm zu machen, viele einzelne Schritte in Richtung einer besseren Zukunft zu gehen: etwa in Gestalt eines fixen Braunkohleausstiegs, einer Verkehrswende und einer Abkehr von der exzessiven Fleischproduktion. Bloß sondieren da ja Rote und Schwarze miteinander, dieser Einwand liegt nahe. Man verzwergt allerdings den Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen, wenn man ihn als "grünes" Anliegen aussortiert. Genauso muss es ein sozialdemokratisches und ein konservatives Anliegen sein, sonst herrscht in Deutschland: Alarmstufe Schwarz-Rot.

Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio