Hanna Jacobs, 29, ist Vikarin im niedersächsischen Selsingen. Im Wechsel mit der katholischen Theologin Alina Oehler schreibt sie, wie sie als junge Geistliche ihre Kirche verändern will. © Hannes Leitlein

Dieses Jahr ist Schluss mit Bleigießen. Denn es ist zu viel echtes Blei im Blei, das erst über einer Kerze erhitzt und dann ins Wasser gegossen wird, wo es erkaltet und dann nie so aussieht wie eine Blume oder ein Herz. Aber das macht nichts, denn für die meisten ist das Bleigießen willkommene Gelegenheit, den eigenen leicht pyromanischen Neigungen nachgehen zu können – und kein Orakel. Wie also den nächsten Silvesterabend rumkriegen? Jedenfalls nicht mit Wäschewaschen! Denn wie eine nicht repräsentative Umfrage auf Twitter neulich ergab, lassen selbst erstaunlich viele Christinnen und Christen zwischen den Jahren die Waschmaschine aus. Tut man es doch, so die Sage, würden sich Geister in der aufgehängten Wäsche verfangen, und deshalb müsse dann im nächsten Jahr jemand sterben. Das ist natürlich ein Aberglaube. Es ist nicht der einzige, dem auch Kirchenmitglieder aus Angst vor Schaden anhängen.

Wie viele Paare wollen kirchlich heiraten und behaupten zugleich, dass es Unglück bringt, wenn der Bräutigam die Braut vor der Trauung im Brautkleid sieht?! Dass die Vorstellung, der Mensch könnte mit bestimmtem Verhalten Unglück abwenden, mit dem Glauben an den dreieinigen Gott nichts zu tun hat, ihm gar diametral entgegensteht, stört die meisten Pfarrer weitaus weniger, als wenn die Braut vom Herrn Papa zum Altar gebracht werden will.

Dass ein bisschen Heidentum nicht schaden kann, dachten sich wohl auch die Kommilitoninnen, die zu den schriftlichen Examensprüfungen ihre "Glücksbringer" mitbrachten und vor sich auf dem Tisch positionierten. In Anbetracht der allgemeinen Nervosität sah ich davon ab, mich bei ihnen zu erkundigen, wie genau die Gegenwart eines Stoffhasen ihre Leistung positiv zu beeinflussen vermöge. Kuscheltierschamanismus als kleine Zusatzversicherung zum Gottvertrauen. Und dann ist da noch diese Kollegin, die immer auf den Tisch klopft, um ihr Glück nicht zu verspielen, auch wenn die Tischplatte gar nicht aus Holz ist.

Für etliche Christinnen und Christen ist es kein Widerspruch, sich in der Kirche zu Gott als dem Allmächtigen, dem Schöpfer von Himmel und Erde zu bekennen und dann einen Kettenanhänger als schützenden "Talisman" zu tragen. Falls dieser Gott doch nicht so allmächtig sein sollte. Schadet ja nicht, sagen sie dann. Na ja, der Integrität schadet’s schon, denke ich.

Thomas von Aquin sah im Aberglauben seiner Zeitgenossen intellektuellen und religiösen Verfall. Das EU-weite Verbot des Bleigießens wäre sicher in seinem Sinne gewesen. Vielleicht ist das ja ein guter Anlass, sich für den nächsten Jahreswechsel mal etwas Neues auszudenken. Zusätzlich zum traditionellen Aufruf, in "Brot statt Böller" zu investieren, könnten die Kirchen zur Neuentdeckung christlichen Brauchtums anregen: "Abendgebet statt Aberglaube".