DIE ZEIT: Agrarpolitiker und Medien haben Angst vor einer "neuen Killerseuche", der Afrikanischen Schweinepest (ASP). Einige fordern jetzt, Wildschweine im großen Stil zu schießen, damit die Krankheit nicht zu uns vordringt. Ist eine Ausbreitung zu uns überhaupt wahrscheinlich?

Sven Herzog: Ja, sogar sehr. Seit mehr als vier Jahren erkranken im Baltikum, in Russland und Polen Wild- und Hausschweine an der ASP. Deren Erreger unterscheiden sich stark von jenen der klassischen Schweinepest, die schon mehrfach Anlass war, Hunderttausende Schweine zu keulen. Die ASP ist noch ansteckender und breitet sich trotz aller Abwehrmaßnahmen in Osteuropa aus ...

ZEIT: ... inzwischen bis in die Ukraine, nach Rumänien und Tschechien.

Herzog: Mittlerweile trennt uns nur noch ein Sicherheitspuffer von etwa 300 Kilometern.

ZEIT: Aber ist das nicht eine beruhigende Distanz? So weit rennt doch kein Wildschwein!

Herzog: Die Hauptgefahr geht gar nicht von den Wildschweinen aus. Die sind meist ortstreu. Zudem macht die ASP befallene Schweine unbeweglich, mit hohem Fieber sterben die Tiere rasch. Viel schnellere ASP-Überträger sind Reisende und Berufskraftfahrer. An Schuhen, Kleidern oder Fahrzeugen können die widerstandsfähigen Viren haften bleiben. Besonders riskant ist importierte Nahrung.

ZEIT: Ist das auch für Konsumenten Grund zur Sorge?

Herzog: Für Menschen sind die Erreger harmlos. Die Viren überraschen allerdings auch Profis: Vor wenigen Wochen ist die Seuche beim größten Schweinevermarkter Miratorg in Russland ausgebrochen, im September war der Fleischriese Rusagro betroffen. Aber auch arme Kleinbauern im Baltikum verbreiten die Viren.

ZEIT: Was hat die Ausbreitung einer Tierseuche denn mit Armut zu tun?

Herzog: Wenn in einem kleinbäuerlichen Betrieb das wertvolle Hausschwein kränkelt, wird es oft fix geschlachtet, um das Fleisch zu nutzen. In Salami oder Schinken bleiben ASP-Viren monatelang ansteckend. Touristen und Kraftfahrer entsorgen auf hiesigen Autobahnrastplätzen ihre Essensreste in Abfallkübeln oder werfen sie einfach aus dem Fahrzeug. Solche Delikatessen locken Wildschweine an. Durch kontaminierte Fleischreste kann die Seuche so riesige Distanzen überspringen.

"Dieser Aktionismus folgt Stereotypien"

ZEIT: Sind solche Infektionswege nicht sehr einfach zu unterbinden?

Herzog: Prinzipiell ja. Es gibt bereits Warnschilder an Autobahnen. Doch das genügt nicht. Bestehende Wildzäune sollten repariert und verstärkt werden, um Schweine fernzuhalten. Wo Zäune fehlen, wäre es recht einfach möglich, solche etwa um Autobahnparkplätze zu errichten. Werden die Abfallkübel allabendlich geleert, schaut bald keine Sau mehr vorbei.

ZEIT: Wenn Menschen die Haupttäter sind und Wildschweine die Opfer – warum blasen fast sämtliche Bundesländer und Regierungsparteien zu massiv verstärkter Jagd?

Herzog: Dieser Aktionismus folgt Stereotypien, ähnlich wie bei der klassischen Schweinepest: Nicht die Hauptursachen wie intensive Schweinezucht und transportbedingte Krankheitsverbreitung stehen im Fokus, sondern die Wildschweine. Sie gelten als Erregerreservoir und Überträger der Seuche. Jäger sollen diese Bösewichte eliminieren. Hierzu scheinen fast alle Mittel recht zu sein, von technischer Aufrüstung bis zum Ignorieren elementaren Tierschutzes.

ZEIT: Was heißt das konkret?

Herzog: Beispielsweise gibt es eine Verordnung in Baden-Württemberg, künftig in bestimmten Fällen den Abschuss führender Muttersauen nicht mehr zu ahnden. Damit wird riskiert, dass deren Frischlinge elend verenden. Länderübergreifend wird der Einsatz von Nachtzielgeräten, Taschenlampen und Schalldämpfern propagiert, ferner Fallenfänge und großflächige, sogenannte revierübergreifende Drück-Stöberjagden.

ZEIT: Warum sollten wir nicht mit bester Technik die extremen Schwarzwildbestände reduzieren?

Herzog: Bestandssenkung durch intensive Jagd ist durchaus eine gute Seuchenprophylaxe. Aber die Jagd darf nicht zu einer Art radikaler Schädlingsbekämpfung verkommen, das bestärkt nur ihre Kritiker und führt dazu, dass vielleicht bald gar nicht mehr gejagt werden darf. Wer unter Einsatz von Lampen und Nachtsichttechnik im Finsteren herumballert, der raubt allen Wildtieren ihre wenigen, dringend benötigten Ruhephasen in mondlosen, dunklen Nächten. Das gefährdet das Tierwohl und provoziert ganz nebenbei enorme Waldschäden.

ZEIT: Wieso das?

Herzog: Weil verängstigte Tiere nicht mehr draußen auf Freiflächen äsen, sondern in ihren Verstecken im Wald alle erreichbaren Knospen und Jungtriebe fressen. Der Wald kann sich nicht mehr verjüngen.

ZEIT: Und was stört Sie am Einsatz von Schalldämpfern und Fallen?

Herzog: Damit mag man die Ohren von Jägern und Hunden schonen, aber das erhöht nicht den Jagderfolg. Außerdem: Mehr als der Schussknall verängstigt Wildschweine der Blutgeruch. Sobald etwa erwachsene Tiere bei Fallenfängen das Blut der Opfer wittern, rennen sie panisch umher, verwunden sich am Gatter oder verletzen andere Tiere schwer. Das führt zu grausamen Szenen.

"Die Jagd ist längst schon hochaktiv"

ZEIT: Unabhängig von der Seuchengefahr sind die Flurschäden durch Wildschweine enorm. Sie wühlen teure Deiche kaputt, Parks, Gärten und Sportplätze, dringen sogar in Fußgängerzonen vor. Was spricht gegen intensivere Jagd?

Herzog: Vermehrte Abschüsse wirken zwar kurzfristig und lokal. Aber es ist eine Illusion, verstärkte Jagd könne die Schwarzwildbestände nachhaltig reduzieren. Das ist irreführende Propaganda. Und sie wird immer wieder aufgewärmt. Heute kommen in Deutschland jährlich rund zwanzigmal mehr Wildschweine zur Strecke als vor dem Zweiten Weltkrieg im viel größeren Deutschen Reich. Die Jagd ist längst schon hochaktiv.

ZEIT: Wieso steigen die Bestände trotzdem?

Herzog: Weil Wildschweine optimale Vermehrungsbedingungen vorfinden. Riesige Raps- und Maisfelder bieten üppiges Mastfutter und gute Verstecke. Das Hauptproblem liegt nahezu ausschließlich bei der Landwirtschaft und der Politik, die großflächigen Mais- und Rapsanbau für Biogas und Biosprit subventioniert.

ZEIT: Deutschland ist Exportweltmeister bei Schweinefleisch. Beeinflusst das die Debatte?

Herzog: Indirekt ja. Die befürchteten Milliardenschäden durch die ASP sind hauptsächlich ein Problem der Massentierhaltung: Wenn bei uns ein Wildschwein daran verendet, dann bricht ein lukrativer Exportmarkt zusammen, und es droht im weiten Umkreis Tausenden Zuchtschweinen die Keulung.

ZEIT: Warum? Moderne Zuchtställe sind doch durch Desinfektionsschleusen geschützt.

Herzog: In ASP-Sicherheitszonen sind Tiertransporte für lange Zeit tabu. Züchter werden ihre Mastschweine nicht mehr los und erhalten keine neuen Ferkel. Weiterlaufende Betriebe produzieren nur Kosten, für das Keulen hingegen zahlt die Versicherung. Selbst wenn die Tiere nachweisbar gesund sind – keiner wird Fleisch aus der Sperrzone kaufen.

ZEIT: Wird auch der Markt für Wildschweinfleisch zusammenbrechen?

Herzog: Ja, es geht jetzt schon los, obwohl absolut keine Gefahr für Konsumenten besteht. Wildschweinfleisch ist in Teilen Sachsens, Brandenburgs und in Mecklenburg kaum mehr verkäuflich. Händler verweigern Jägern die Abnahme. Sie befürchten einen Boykott durch Konsumenten, die potenziell verseuchte Lebensmittel ablehnen.

ZEIT: Ist es dann nicht widersinnig, jetzt noch die Jagd und damit das Fleischangebot zu pushen?

Herzog: Es gibt wegen der ASP seit Dezember sogar staatliche sogenannte "Pürzelprämien" von 25 Euro pro abgeliefertem Wildschweinschwanz. Doch wenn Jäger das Fleisch nicht mehr loswerden, entstehen ihnen trotz Prämie nur Unkosten. Dann bleiben viele Waffen im Schrank, und die famose Seuchenprävention ist Makulatur. Das verdeutlicht, wie Aktionismus und falsche Schuldzuweisungen in die Irre führen.