Frage: Herr Kardinal, bei der Vorbereitung auf dieses Interview bin ich auf ein Bekenntnis von Ihnen gestoßen. Sie haben ein Jahr lang nicht gebetet und erlebten eine schwere Krise in Ihrer Priesterberufung. Was war da los?

Christoph Schönborn: Das war eine typische Erfahrung der sechziger Jahre, Studentenzeit in Deutschland, beginnende Studentenrevolte. Diese Krise hat sich sehr stark auch bei mir bemerkbar gemacht. Ich war damals ein junger Dominikaner, 21 Jahre alt. Wir hatten ein Seminar, in dem gezeigt wurde, dass das Gebet nichts bringt, weil man die Gesellschaft verändern muss. Nicht auf das Jenseits vertrösten, sondern das Diesseits gestalten. Nicht beten, sondern verändern. Das habe ich wörtlich genommen. Obwohl ich im Kloster gelebt habe, habe ich ein Jahr lang schlicht und einfach nicht gebetet.

Frage: Sie wollten nicht mehr Priester werden?

Schönborn: Ich war nahe dran. Aber dann hat es für mich ein entscheidendes Erlebnis gegeben, eine zweite Bekehrung. Mein Schlüsselerlebnis war ein Obdachloser, der damals eines Tages vor der Klostertür stand. Durch Scheidung, Alkohol und den Verlust seiner Arbeit war er ganz tief gefallen. Ich habe mich mit anderen Dominikanern um ihn gekümmert. Die Begegnung mit ihm in dieser gebetsfreien Zeit war ein Schlüssel für die Wiederbegegnung mit Christus.

Frage: Was muss man sich darunter vorstellen?

Schönborn: Dieses: "Ich war obdachlos und ihr habt mich aufgenommen." Ich habe das Wort aus dem Matthäusevangelium damals nicht im Kopf gehabt, aber das war existenziell das, was da passiert ist. Es geht zuallererst um den Menschen, die Begegnung mit der Person.

Frage: Die katholische Kirche spricht von unveränderbaren Wahrheiten, aber dann gibt es die Krisen, die Wirklichkeit. Welche Rolle spielt in diesen Angelegenheiten die Zeit?

Schönborn: Sie ist wichtiger als der Raum, würde Papst Franziskus sagen, und das kann ich nur bestätigen. Die Zeit ist zuerst die Zeit der Geduld, des Reifens, auch der Irrungen und Umwege. Ohne die Umwege gäbe es den Weg nicht. Und dann gibt es eben so etwas wie den Kairos, den richtigen Moment.

Frage: Das gilt vielleicht auch für die Kirche insgesamt. Manche behaupten, gerade würden Irrwege eingeschlagen, andere hingegen erkennen einen günstigen Augenblick. Wo steht die Kirche heute aus Ihrer Sicht?

Schönborn: Ich sehe das ganz starke soziale Engagement von Papst Franziskus als den Kairos für die Kirche von heute, aber auch für die Gesellschaft. Es ist untrennbar verbunden mit einem Blick auf die Menschen, mit einer Zugangsweise zu den Menschen, die Papst Franziskus schlicht dem Evangelium entnimmt.

Frage: Manchmal kommt es einem so vor, als ob die Kirche erst jetzt die Verletzlichkeit des Menschen entdeckt, obwohl Verletzlichkeit ja ein großes Potenzial für die Seelsorge ist. Warum geht das so langsam?

Schönborn: Justin Welby, der Erzbischof von Canterbury, ein wunderbarer Mensch, den ich sehr schätzen gelernt habe, wurde von einem Journalisten gefragt: Was wollen Sie an der Kirche ändern? Darauf hat er gesagt: Ich will etwas an der Gesellschaft ändern.

Frage: Und was antworten Sie?

Schönborn: (lacht) Ja natürlich will ich etwas an der Gesellschaft ändern! Das geht meistens im Schneckentempo. Gesellschaftliche Veränderungen sind langsame, schrittweise Veränderungen. Die vielen kleinen Schritte machen es aus. Das ist ja auch im eigenen Leben so. Die Tugenden, wie die alte Lehre gesagt hat, entstehen durch wiederholtes Tun des Guten. Immer wieder, immer wieder. Und da sehe ich den christlichen Glauben als eine ganz, ganz starke motivierende Kraft. Was bewegt Menschen, sich zu engagieren? Zuerst einmal ein offenes Herz für die Not anderer, und dann, die Inspiration des Evangeliums anzunehmen. Das ist ein unerschöpfliches Potenzial an Erneuerung.

Frage: Ändert sich der Blick der Kirche auf die Sünder, oder ändert sich sogar der Blick der Kirche auf die Sünde?

Schönborn: (lange Pause) Der alte Anselm von Canterbury im 12. Jahrhundert wird in seinem berühmten Mönchsdialog über das Thema "Warum ist Gott Mensch geworden?" von seinem Schüler Boso gefragt: "Gott könnte doch einfach einen Strich durch alle Sünden machen, er könnte sie einfach auslöschen." Da sagt ihm Anselm: "Du hast noch nicht bedacht, was für ein Gewicht die Sünde hat." Wir laufen eher Gefahr, die Sünde zu verharmlosen! Das, was wirklich im radikalsten Sinn des Wortes Sünde ist.

Frage: Was ist das denn?

Schönborn: Was ist das? Das ist etwa die feine Intonation des Abwertens, mit dem du über das Gute eines anderen sprichst.

Frage: Können Sie ein Beispiel nennen, damit ich das verstehe?