Es gibt sie in einer verstörenden Dichte, diese Manzel-Momente, die die Welt verändern, wenn man sich mit der großen Schauspielerin Dagmar Manzel befasst. Sie auf der Bühne erlebt, in ihrer Autobiografie blättert, Filme schaut, CDs hört, mit ihr spricht. Momente, in denen man sie am liebsten ausschneiden möchte aus der Leinwand, herunterholen von den Brettern, komm, Dagmar, lass uns nach Hause gehen, es ist gar nicht weit. Was sie sich in ihrer Berliner Herzlichkeit natürlich verbitten würde.

Allein, dass man "La Manzel" in seinen Kopfgesprächen duzt, gehört sich nicht. Wobei sie keine Diva ist. Barrie Kosky, der Intendant der Komischen Oper Berlin, nennt sie eine "Anti-Diva", aber auch das trifft es nicht. Es mag berühmtere Schauspielerinnen geben, glamourösere – kaum eine aber besitzt eine solche Nahbarkeit. Kaum eine kann so trösten wie sie, so lieben, aus größtmöglicher Ferne und doch ganz direkt: als tragisch überforderte Mutter in dem Kinofilm Die Unsichtbare, als Winnie im Beckett-Klassiker Glückliche Tage, als Paula Ringelhahn, die sympathische Tatort-Kommissarin mit der Schießhemmung, oder als Titelfigur in der vergessenen Zwanziger-Jahre-Operette Die Perlen der Cleopatra.

Musik, apropos Operette, hat in Manzels Leben immer eine Rolle gespielt, das Gefühl für Rhythmus, die richtige Satzmelodie, das Timbre einer Stimme. Unter den singenden Schauspielerinnen ist sie die ehrgeizigste und eigensinnigste zugleich. "Komponisten wie Oscar Straus, Paul Abraham oder Friedrich Hollaender", sagt sie, "treffen mich ins Herz." Und Bach, in (fast) jeder Lebenslage. Und Schönberg, dessen Melodram Pierrot Lunaire sie unbedingt singen möchte, zu ihrem Sechzigsten vielleicht, in diesem Jahr. Ganz schön speziell, ein solches Repertoire.

Ein typischer Manzel-Moment zum Beispiel ist, wie Paula Ringelhahn sich in ihrem zweiten Fall (Das Recht, sich zu sorgen, 2016) um eine, nun ja, Verrückte kümmert, die vor dem Polizeipräsidium kampiert, weil ihr niemand hilft, ihren verschwundenen Sohn zu suchen. Alle wissen, dass die Alte spinnt, nur Paula bringt ihr Pizza und Kaffee, hüllt sie in ein fürsorgliches Leuchten. Wer sagt denn, dass die Verrückten verrückt sind und nicht wir, fragen ihre Augen, das etwas kleinere rechte, ihr Merkmal seit Kindertagen, und das offenere, freimütigere linke. Der Sohn sei bei einem Motorradunfall ums Leben gekommen, wird die Kommissarin am Ende behaupten, das hätten ihre Ermittlungen ergeben. Tags darauf sind die Frau und das Zelt verschwunden.

"Vielleicht ist der Wahn, einen Sohn gehabt zu haben, leichter zu ertragen als der Wahn, auf einen Sohn zu warten, der sich nicht meldet", philosophiert Frau Ringelhahn aus Guben an der polnischen Grenze, die schon eine Weile in Franken Dienst tut. Und ihr Kollege Felix Voss, gespielt von Fabian Hinrichs, staunt.

Als Paar suchen Ringelhahn und Voss ohnehin ihresgleichen, der Lulatsch und die kurze Kräftige, und das wäre der nächste Manzel-Moment: das Licht, das sie streut. Ihre Lust, sich zu zeigen und doch zu verschwinden. In einer Rolle oder in einem Team, sogar vor der Kamera: "Das beschützt mich." Auch am Theater spielt sie fast lieber im Ensemble, "ich mag es, wenn ich zuarbeiten kann. Ich brauche nicht ständig den großen Manzel-Monolog." Im dritten Tatort (Am Ende geht man nackt, 2017) verschafft sich Voss undercover Zutritt zu einer Unterkunft für Geflüchtete. Paula Ringelhahn senkt den Blick, als sie den Plan aushecken, und eine Kameraeinstellung lang, einundzwanzig, zweiundzwanzig, kriegt sie rote Bäckchen – "nicht dass du mir da drin verloren gehst, Felix". So viel Zärtlichkeit kennt das TV-Polizeigewerbe normalerweise nicht.

Ganz andere Manzel-Momente ereignen sich in der Oscar-Straus-Operette Eine Frau, die weiß, was sie will, in der sich Dagmar Manzel die 20 Rollen des Stücks mit Max Hopp teilt und anderthalb Stunden lang von Nummer zu Nummer hechtet, von einem Kostüm ins nächste. Mit Rauschebart und Zylinder gibt sie einen gewissen Léon Paillard, während Hopp, gut anderthalb Köpfe größer, dessen Tochter Lucy spielt – ein verrücktes Verwechslungsballett. An einer Stelle überdreht er die Kabale derart, dass Manzel – steht das so in der Partitur? – aus vollem Herzen und im tiefsten Brustregister "Lucy, AUS!!" brüllt. Jeder Hund namens Lucy fiele auf der Stelle tot um.

"Ich mag diesen Anschein von Leichtigkeit", sagt Manzel, "aber drunter muss es sitzen." Wir befinden uns im "Extrazimmer" der Kantine der Komischen Oper an der Behrenstraße, der Blick geht hinaus auf die Bayerische Landesvertretung gegenüber und schärft sonderbarerweise das Gefühl für den Osten. Manzel nennt sich "Facharbeiterin für Schauspielkunst". Natürlich mit Augenzwinkern, weil die Ostberliner Schauspielschule, die sie besucht hat (heute Ernst Busch), bis 1981 "Fachschule" war und keine Hochschule. Andererseits steckt hinter der Bezeichnung ein Credo: Alles im Beruf habe sie sich erarbeitet, sagt sie – "also gehöre ich zur Arbeiterklasse. Punkt."

Ist sie politisch? Blöde Frage an eine Künstlerin aus dem Osten. Noch blöder für jemanden, der so ungern über Persönliches spricht. Dass Dagmar Manzel am Müggelsee groß wurde und Mutter zweier erwachsener Kinder ist, dass sie ihren Garten liebt und Krebs hatte – viel mehr weiß man nicht. "Natürlich bin ich politisch!", ruft sie jetzt. "Ich engagiere mich nicht im Untergrund oder in irgendeiner Partei, aber ich habe meine Haltung, und die ist natürlich sehr links. Das ganze Leben ist doch Politik, auch eine Operette oder ein Musical wie Anatevka sind politische Bekenntnisse, nur eben nicht so vordergründig."