Weihnachten ist lange vorbei, doch immer noch hält uns die neue Religionsdebatte in Atem. Ausgelöst hat sie Dr. Ulf Poschardt, ein bekannter Autofachmann und derzeit Chefredakteur der Welt. Herr Dr. Poschardt hatte Heiligabend einen Berliner Gottesdienst besucht und war von der Moralpredigt schockiert: "Wer soll noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende denkt, er hat einen Abend bei den Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?" Im Studio begrüßen wir nun Friedrich Nietzsche, ebenfalls ein Kritiker des zeitgenössischen Christentums. Grüß Gott, Professor Nietzsche. Herr Poschardt ärgert sich darüber, dass die Kirche Gleichheit und Gerechtigkeit predigt. Stimmen Sie ihm zu? "Die Menschen sind nicht gleich: so spricht die Gerechtigkeit." Aber Gleichheit bedeutet nicht Gleichmacherei! "›Richtet mich!‹, sagen die Christen, aber sie schicken alles in die Hölle, was ihnen im Wege steht. Christlich ist ein gewisser Sinn der Grausamkeit gegen sich und andere; der Hass gegen die Andersdenkenden, der Wille, zu verfolgen." Professor Nietzsche, Sie sind doch Philosoph: Was ist schlecht an der Nächstenliebe? "Der Krieg und der Mut haben mehr große Dinge getan als die Nächstenliebe. Gelobt sei, was hart macht! Ich lobe das Land nicht, wo Butter und Honig fließt." Was ist die Alternative? Wollen Sie den Teufel einfach gewähren lassen? Das wäre Sünde. "Erst das Christentum hat den Teufel an die Wand der Welt gemalt; erst das Christentum hat die Sünde in die Welt gebracht." Herr Professor, wollen Sie ernsthaft behaupten, das Christentum habe die Welt hässlich gemacht? "Ja. Der christliche Entschluss, die Welt hässlich und schlecht zu finden, hat die Welt hässlich und schlecht gemacht." Was braucht es, um die Welt besser zu machen? "Es könnte einmal kommen, dass der Pöbel Herr würde. Darum bedarf es eines neuen Adels." Sie klingen ja fast wie Herr Poschardt! Angenommen, es klappt nicht mit dem neuen Adel und der konservativen Revolution – was rettet uns dann? Etwa die Liebe? "Die Frau ist eine Falle der Natur." Oder das Glück? "Der Mensch strebt nicht nach Glück. Nur der Engländer tut das." Herr Professor Nietzsche, wenn es weder Moral noch Liebe noch Glück für enttäuschte Menschen wie Herrn Poschardt gibt, was bleibt dann noch? "Der Wille zur Macht. Nur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern – so lehre ich’s – der Wille zur Macht." Herr Professor Nietzsche, wir danken Ihnen für das Gespräch.

FINIS

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