Bruno Le Maire empfängt in einer Hotelsuite in der Nähe des Pariser Triumphbogens. Seit Mai ist er Wirtschafts- und Finanzminister unter Präsident Emmanuel Macron und damit das bekannteste Gesicht in der neuen französischen Regierung. Le Maire war zuvor mehrmals Minister und Präsidentschaftskandidat der bürgerlichen Republikaner. Zudem blickt er auf Erfolge als Diplomat und Schriftsteller zurück. Er gilt als einer der wenigen im Kabinett, die dem Überflieger Macron das Wasser reichen können. Ein Nebenbuhler? Die französische Presse berichtet bereits über Rangeleien zwischen dem Präsidenten und seinem mächtigsten Minister. Im Interview mit der ZEIT aber ist Le Maire ganz die Stimme seines Präsidenten. Der Deutschland-Kenner Le Maire ist schließlich Macrons wichtigster Mann für Europa. Kein anderer darf sich neben dem Präsidenten so aus dem Fenster lehnen, was Frankreichs Pläne für die Euro-Zone betrifft. So korrigiert Le Maire dann auch vorsichtig seinen Präsidenten: Von einem Parlament für die Euro-Zone spricht er auch auf Nachfrage nicht mehr.

DIE ZEIT: Herr Minister, 2017 haben die Franzosen eine Regierung gewählt, die die Wirtschaft radikal umbauen will. Ist das eine neue französische Revolution, mit der das Land zur Globalisierung aufschließt?

Bruno Le Maire:Frankreich hat mit der Wahl Emmanuel Macrons bewiesen, dass es sich neu erfinden kann. Als viele dachten, das Land liege am Boden, war es fähig, aufzustehen und neuen Elan zu entfachen. Jetzt aber müssen wir diesen Elan in Taten verwandeln. In den sechs Monaten, seit wir im Amt sind, lassen wir eine Reform auf die andere folgen: erst die Arbeitsmarktreform, dann die Universitätsreform, zuletzt eine Steuerreform, mit der wir die Kapitalertragsteuern deutlich senken und die Gewerbesteuer vereinheitlichen – dies alles bedeutet für unser Land tatsächlich eine Revolution im Dienste der Unternehmen.

ZEIT: Das klingt aber nicht nach Revolution, sondern eher so, als würden Sie endlich die Hausaufgaben erledigen, die deutsche Kritiker Ihnen seit Jahren ans Herz legen.

Le Maire: Wir machen die Hausaufgaben von niemandem. Wir setzen schlicht das Projekt um, für das unser Präsident gewählt worden ist.

ZEIT: Ihre Arbeitsmarktreform hat den Kündigungsschutz drastisch gelockert. Fühlen sich die französischen Arbeitnehmer betrogen?

Le Maire: Wir wollen damit langfristig die Neuanstellungen stärken. Aber richtig ist: Das war eine schwere Entscheidung – für einen flexibleren Arbeitsmarkt. Wir haben diese Entscheidung durchgesetzt, ohne dass es großen Protest gab. Weil wir das getan haben, was wir vor der Wahl angekündigt haben.

ZEIT: Franzosen, die nicht mehr demonstrieren: Sind das noch Franzosen?

Le Maire: Die Franzosen bleiben Franzosen. Aber sie haben heute eine neue Erwartungshaltung. Sie haben einen Präsidenten gewählt, der einen Komplettumbau unseres Wirtschafts- und Sozialmodells verspricht. Jetzt geben sie uns die Zeit, dieses Projekt umzusetzen. Es liegt nun an uns, so schnell wie möglich zu handeln. Aber ich mache mir keine Illusionen. Die Franzosen haben uns keinen Blankoscheck erteilt. Sie finden auch nicht alles toll, was wir machen. Sie sagen: Macht, was ihr versprochen habt, wir werden euch an den Ergebnissen messen.

ZEIT: Schon der damalige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck empfahl Frankreich bei seinem ersten offiziellen Besuch in Paris im Jahr 2013 das "leuchtende Modell" Deutschlands. Kopieren Sie jetzt die deutschen Reformen?

Le Maire: Es kommt nicht infrage, ein anderes europäisches Modell zu kopieren, egal um welches Land es sich handelt. Was uns nicht davon abhält, zu erkennen, was anderswo besser läuft als bei uns. Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Unsere kleinen und mittleren Betriebe sind zu klein, sie exportieren nicht genug.

ZEIT: Während der deutsche Mittelstand ein globales Erfolgsmodell ist.

Le Maire: Deshalb werde ich in diesem Jahr ein neues Unternehmensgesetz vorstellen, das Innovation und Export von kleinen und mittleren Betrieben besonders fördert. Aber im Rahmen eines französischen Modells, dem wir treu bleiben.

ZEIT: Ein Modell, das immer noch der großzügigste Sozialstaat Europas ist?

Le Maire: Das habe ich nicht gesagt. Unser Modell setzt einerseits Kreativität von Unternehmern und Beschäftigten frei und schützt zugleich die Schwächsten. Diejenigen, die keine guten Chancen haben, keine guten Abschlüsse und Qualifikationen. Die, deren Fabrik gerade schließen musste oder die aus anderen Gründen keine Perspektive haben. Das französische Modell schafft da ein Gleichgewicht.

ZEIT: Hat der französische Staat nicht viel aus dem Gleichgewicht gebracht, indem er schlicht zu groß geworden ist?

Le Maire: Unser Staat kann die Bürger besser schützen, indem er weniger Geld ausgibt. Eine der wichtigsten Aufgaben unserer Regierung ist es, die Staatsausgaben zu reduzieren. 2017 haben wir erstmals seit zehn Jahren wieder die Bedingungen des europäischen Stabilitätspakts erfüllt. Wir haben das Defizit unter drei Prozent gedrückt.

ZEIT: Im Vergleich zu den Arbeitsmarktreformen wirken Ihre Kürzungsmaßnahmen halbherzig.

Le Maire: Wir halten jetzt unsere Versprechen gegenüber Europa ein. Nur das zählt. Im Übrigen bestehen unsere Sparziele aus drei Zahlen: fünf, drei und eins. Wir wollen die öffentlichen Schulden in der Legislaturperiode um fünf Prozent des Bruttoinlandsprodukts senken, die öffentlichen Ausgaben um drei Prozent und die Steuern um ein Prozent. Diese Ziele haben den Vorteil, unsere Staatsfinanzen langfristig und ohne brutale Einschnitte zu konsolidieren.