The guy you love to hate. Der Typ, den zu hassen man liebt. Eine griffige Formel, um die paradoxe Struktur der ästhetischen Erfahrung klarzumachen. Unlust bereitet manchmal Lust in der Kunst, Abscheu Faszination.

Über 270 Seiten hinweg wollte man den Maler Oliver Orme, die Hauptfigur der Blauen Gitarre, hassen oder wenigstens ablehnen auf ebendiese faszinierte Art. Man wollte ihn anziehend abstoßend finden wegen seiner Egozentrik, seiner Verlogenheit und Gier. Am Ende findet man nicht nur ihn abstoßend, sondern das ganze Buch, und das ist in dramaturgischer Hinsicht sogar schlüssig, weil Orme ja der Erzähler ist. Insofern ist dieser Roman sehr gelungen. Und gleichzeitig missglückt.

Die Lektüre ist anstrengend auf allen Ebenen: Die Erzählstimme nervt mit ihrer verblasenen, intellektuell überfütterten Weinerlichkeit. "Begreift ihr nicht?", schmeißt sich Orme an sein Publikum heran. "Mich beschäftigen nicht die Dinge, wie sie sind, sondern wie sie sich der Ausdrückung darbringen. Die Ausdrückung ist alles – und ach, solch eine Ausdrückung."

Das "ach" ist die bezeichnende Stilgeste hier, es markiert die parfümierte Resignation des artistischen Möchtegerns. Und "Ausdrückung"? Müsste es nicht Ausdruck heißen? Die Übersetzerin Christa Schuenke hat das Wort eigens kreiert für Ormes kokette Rhetorik. Im Original heißt es, ebenfalls leicht schief, expressing statt expression. Es geht aber auch expliziter: "Ich merke übrigens gerade, dass der Regen mit verdächtiger Regelmäßigkeit meinen Erzählfluss unterbricht. Vielleicht ist er ein Ersatz für die Tränenschauer." Eine fließende Träne reicht diesem Selbstfixierer nicht, auch ein Tränenfluss wäre zu wenig. Es muss schon ein Schauer sein.

Die anderen Figuren sind ebenfalls keine Sympathieträger, was kein Anspruch an einen Text sein darf – es gibt keine Quotierung für nette und fiese Menschen in einem Roman –, aber sie sind unsympathisch auf eine ebenfalls larmoyante, passiv-aggressive Art. Deshalb gibt es niemanden, der diesem sich über Hunderte von Seiten sich ergießenden Narzissten in die Parade führe, und so ist man als Leser Oliver Orme von Seite eins an ausgeliefert.

Was erzählt dieser Mann? Er legt eine Art Lebensbeichte ab, die zugleich eine monströse Reflexion über das Selbst, die Wahrheit und die Kunst sein soll, alles vorgetragen in einem schwülstig ambitionierten Stil. Natürlich bedarf es eines exzellenten Autors, um so eine Tonlage herzustellen, diesen Sound des kultivierten Ehrgeizlings, der sich die eigene Fiesheit mit Bildungszitaten und -anspielungen schöndekoriert. Aber ist das genug? Die literarische Herstellung von Ennui?

Auf der Handlungsebene passiert Folgendes: Orme, Maler, verheiratet mit der schönen, klugen Gloria (ihre Klugheit bleibt mehr oder weniger behauptet; sie taucht nur alle zwanzig, dreißig Seiten auf), spannt seinem besten Freund, einem Uhrmacher, die Ehefrau aus: Polly – ausgestattet mit einem ans Devote grenzenden Willen zur Selbstkasteiung. Warum würde sie sonst einem gescheiterten Künstler nachlaufen, der sie nach kurzer Zeit auch noch sitzen lässt? Ist sie unterfordert von ihrer eigentlich gut laufenden Ehe? Hat sie der Lebensekel gepackt angesichts ihres Daseins auf dem Lande – das Ganze spielt mutmaßlich in einem irischen Kaff, Banville ist kein Freund konkreter Topografie –, dass sie sich dem Provinzmaler hingibt? Wir erfahren es nicht wirklich. Diese Frau taumelt einfach der Zerrüttung ihrer Familie entgegen, und es gehört zu den wenigen Überraschungen dieses Romans, dass am Ende zwar alle sehr ramponiert sind von dieser Affäre, aber Orme in einer Weise düpiert ist, mit der man nun wirklich nicht gerechnet hat.