Ein Jahr nach ihrer Eröffnung ist die Elbphilharmonie das Kulturhaus der Stunde. Das hat jetzt erst einmal nichts mit Geld zu tun. Natürlich ist es schön, dass man im ersten Jahr stattliche 542.000 Euro Plus gemacht hat. Natürlich freut man sich über 850.000 Konzert- und an die fünf Millionen Plaza-Besucher.

Und selbstverständlich profitiert die Tourismusbranche: Nach 50.000 Medienberichten allein in Deutschland und mehr als 10.000 weltweit erschienenen Artikeln ist Hamburg eine Reiseattraktion wie nie zuvor. Im Jahr 2018 wird mit 14 Millionen Hotelübernachtungen gerechnet.

Das Haus der Stunde ist die Elbphilharmonie jedoch nicht aufgrund seines ökonomischen Potenzials, sondern wegen seines ideellen Mehrwerts. Der Bau steht für die besten Seiten der Demokratie in einer Zeit, in der die Demokratie so unter Beschuss liegt. Während von den politischen Rändern her der schrille Ruf nach Ausgrenzung und Behauptung des Eigenen immer greller herüberschallt und zur Mitte vordringt, passiert in diesem Konzerthaus genau das Gegenteil. Hier geht es um Inklusion. Hier sitzen Kulturconnaisseure neben Pauschalreisenden, Klassiksnobs neben Omas, die noch einmal im Leben Beethovens Neunte hören wollen.

Wo sind alle Menschen gleicher als bei der lästigen Kartenbeschaffung?

Man kann das bedauerlich finden und auf dem ästhetischen Reinheitsgebot bestehen, sowohl, was das Programm, als auch, was das Publikum angeht. Man kann es aber auch hinnehmen und sogar gutheißen, dass hier einer der bestimmenden Trends der Zeit einen wirklich geschmackvollen und beeindruckenden Spielort gefunden hat. Der Trend heißt: Hauptsache, Kultur – welche, das ist dann gar nicht mehr so entscheidend. Ob Ann-Sophie Mutter oder Don Kosaken, ob Modern Jazz, Couture-Schau oder Kammermusik: Das Programm gibt nicht allein den Ausschlag. Was zählt, ist, dass man dabei war.

Deshalb ist es auch zweitrangig, dass die Akustik des Großen Saals nicht nur dem Hausorchester, sondern auch den Gästen zu schaffen macht (der russische Pianist Igor Levit sagte entsetzt: "Es ist alles wie unter einem Vergrößerungsglas!"). Entscheidend ist die auratische Qualität des Orts. U und E, Jung und Alt, Reich und Arm – trotz ihrer imposanten Ästhetik hat die Elbphilharmonie es geschafft, Schwellenängste gar nicht erst aufkommen zu lassen. Man muss einfach einmal dort gewesen sein und gestaunt haben: Ah, der massive Sockel und darüber die elegante Glaskonstruktion! Die futuristische, 80 Meter lange Rolltreppe, mit der man auf die Plaza gespült wird, diesen in die Luft geworfenen Stadtraum. Hossa, das Ding ist wirklich so grandios, wie die Reiseführer immer behaupten! So gesehen, ist die Elbphilharmonie ein Kulturtempel mit eingebauter Geld-zurück-Garantie: Gefällt die Aufführung nicht, hat man immer noch das Erlebnis der Location.

Auch der Standort ist ein demokratisches Signal. Betritt man die Plaza, erblickt man im Süden den Hafen, die Kräne und Schlote, die Welt des Handels und der proletarischen Arbeit. Und im Norden die City mit all ihren Villen und Chausseen, die Sphäre des Bürgertums. Steht man auf der Aussichtsplattform, so ragt man mitten aus dem Strom, am Mündungspunkt, wo Elbe und Alster, die beiden Lebensadern der Stadt, zusammenfließen.

Wer hierherkommt, der spürt unmittelbar die großen Traditionslinien eines Gemeinwesens. Der kann, während ihm der Wind um die Nase braust, durch die konkrete Anschauung der Topografie erleben, dass eine Zivilgesellschaft nur dann zivil sein kann, wenn sie alle ihre Mitspieler und Akteure respektiert – die merkantilen wie die künstlerischen, die handwerklichen wie die intellektuellen.

Und wo wären alle Menschen gleicher als bei der lästigen Kartenbeschaffung? "Ausverkauft!", heißt es garantiert spätestens eine halbe Stunde nach Konzertkassenöffnung – das trifft den Bourgeois aus Blankenese genauso wie den Busfahrer aus Billstedt. Auch in diesem Punkt ist die Elbphilharmonie ein Happening der Demokratie: Man darf schon mitmachen, klar, aber es kostet immer auch ein bisschen Mühe.

Und ist dieses Gebäude nicht auch ein herrlicher Fingerzeig in Richtung Zukunft? Auf einem soliden Sockel ein bisschen luftigen Ehrgeiz entwickeln – das wäre doch was für Deutschland im Jahr 2018.

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