Wenn die Macht aus Speyer spricht, hört man in Thüringens CDU immer noch ganz genau hin, was sie zu sagen hat.

Und wenn die Macht vom Chiemsee das Wort ergreift, kann das in Sachsens CDU bis heute zu heftigsten Erschütterungen führen.

Gerade weil Bernhard Vogel und Kurt Biedenkopf so einflussreich geblieben sind, beschleicht einen mitunter der Eindruck, dass es offenbar eine Art Entfernungs-Geltungs-Relation unter den Alt-Ministerpräsidenten des Ostens gibt. Dass jene Nachwende-Regierungschefs, die nach ihren Amtszeiten (wieder) weit fortgegangen sind, nach wie vor besonders geschickt Strippen ziehen können. Dass ihr Wort mehr zählt.

Denn Bernhard Vogel und Kurt Biedenkopf sind in Thüringen und Sachsen, wo sie jeweils mehr als elf Jahre lang regierten, zu echten Elder Statesmen geworden – von den anderen im Osten, die 1990 oder kurz danach ins Amt kamen, hat diesen Status allenfalls noch Manfred Stolpe in Brandenburg erreicht (der seinen Job übrigens, offenbar eine magische Zahl, auch für reichlich elf Jahre ausübte). Stolpe aber mischt sich, auch aus gesundheitlichen Gründen, nur selten politisch ein.

Ein Nachwende-Ministerpräsident ist eine sehr besondere Figur: Viel mehr als heute war in den Neunzigern die Landesvaterrolle tatsächlich beinahe eine Vaterrolle; sein Job war der eines Rat- und Haltgebers in unsicheren Zeiten. Das erklärt, unter anderem, den Ruhm der Vogels, Biedenkopfs, Stolpes. Während der Ostbürger Stolpe, der sein ganzes Berufsleben in Berlin und Brandenburg verbrachte, bis heute in Potsdam lebt, sind die Westdeutschen Biedenkopf und Vogel wieder an die Orte entschwunden, an denen sie vorher daheim gewesen waren. Kurt Biedenkopf hatte zwar zwischenzeitlich auch eine Pensionärswohnung in Dresden, gab das gemeinsame Haus mit Ehefrau Ingrid in Übersee am Chiemsee, das diese einst von ihrer Mutter übernommen hatte, jedoch nie auf. Bernhard Vogel hat indes sogar am Wasser gebaut, in Speyer am Oberrhein: 1964 – als er erstmals in Speyer für den Bundestag kandidierte – ließ er sich ein Haus errichten. Auch als rheinland-pfälzischer Ministerpräsident von 1976 an sei er der Stadt nicht untreu geworden. Damals habe er in Mainz lediglich ein Zweitapartment besessen, sagt Vogel.

In den Erfurter Jahren, in seiner Zeit als Thüringer Regierungschef, sei er dann nur alle paar Wochen mal in Speyer gewesen. Danach habe er, Vogel, sich wieder nach seinem Haus und seiner Stadt gesehnt. Dass er 2003 zurückkehrte, will er nicht als Entscheidung gegen Erfurt verstanden wissen. Sondern nur als Entscheidung für Speyer und sein Häuschen.

Außerdem, sagt Vogel, sei er ja nach wie vor in Thüringen unterwegs, bis heute, besuche Parteitage, Abendveranstaltungen, Diskussionsrunden.

Vielleicht lässt sich die Macht des Wortes am besten aus der Ferne zelebrieren: Wenn einer immer da ist, geht er im Alltag unter. Zeigt er sich aber nur dann, wenn es wichtig ist – dann sieht und hört ihn jeder. Dann fällt er auf, sobald er etwas zu sagen hat.