Gerhard Roth wendet sich stets dem Beiläufigen zu. Dem Alltäglichen, an das sonst keiner einen Gedanken verschwendet, verleiht er durch genaue Beobachtung und ungewöhnliche Blickwinkel neue Faszination. In seinen Romanen geht es oft um Randgebiete und um Fragen der Wahrnehmung.

Quasi nebenbei, während der drei Jahrzehnte währenden Arbeit an den zwei monumentalen Zyklen Archive des Schweigens und Orkus, dessen Abschlussband im Jahr 2011 erschien, wurde die Fotografie zu einem Paralleluniversum von Roths literarischem Schaffen. Was als bloße Gedächtnisstütze während der Recherchereisen für die Romane begann, wurde immer mehr zu einem eigenständigen Œuvre.

Unzählige Male ist Gerhard Roth mit seinen Kameras aufgebrochen. Sie waren immer bei seinen Spaziergängen und urbanen Expeditionen dabei. Sein Fotoarchiv, gelagert in Bananenkisten, quillt mittlerweile über. In den bislang erschienen Bildbänden hielt er den Alltag in seiner Heimat, der Südsteiermark, fest, er suchte in Wien nach den Spuren des Vergessens und Vergehens, fotografierte als Globetrotter von Alexandria bis Kyoto und dokumentierte die Kunst von Patienten der Nervenheilanstalt Gugging.

Die Bilder in seinem neuen Band tauchen in Mikrowelten ein. Sie halten, meist so nahe wie möglich aufgenommen, gefrorenes Eis fest, Rost, Schimmel, Spinnweben – und zeigen natürliche Veränderungen durch Regen, Schnee und Sonne. Oft hält Gerhard Roth die Schönheit nur kurzer, vergänglicher Momente fest, wie das sich durch Temperaturschwankungen verändernde Eis oder Schattenspiele.

Menschen tauchen in den Bildern nur indirekt auf. Roth zeigt, was sie hinterlassen haben: eine Sexpuppe in einem verlassenen Eisenbahnwaggon, eine zerknüllte Zeitung, Essensreste, eine Schachtel Zigaretten.

Der Fotokünstler lässt den Betrachter mit den Bildern allein. Beschreibungen fehlen völlig, die Interpretation ist der eigenen Fantasie überlassen. Wo man sich gerade befindet, auf einem fremden Planeten oder in einem steirischen Tümpel? Wurde der Frosch überfahren, oder liegt er nur zufällig in der Reifenspur? Man weiß es nicht.

Viele Bilder sind digital nachbearbeitet und farblich verfremdet. Die Wirklichkeit sei "ein Konstrukt aus Wahrnehmungen mit Tag- und Nachtträumen, der Innenwelt mit der Außenwelt, dem Sichtbaren mit dem Unsichtbaren", sagt Roth in einem Interview, das dem Band beigefügt ist. Er sei viele Jahre lang auf der Suche nach dem Zauber des Übersehenen gewesen.

"Ich schaute das Allergewöhnlichste neu an", notierte Gerhard Roth einmal in eines seiner Notizhefte. Selten traf der Satz auf seine Arbeit so gut zu wie bei diesem Fotoband.

Gerhard Roth, Spuren – Aus den Fotografien von 2007-2017; Residenz Verlag, Wien 2017; 160 S., 25 €

Eine Ausstellung mit den Bildern eröffnet am 18. Jänner 2018 im Literaturhaus Graz und ist dort bis zum 8. März zu sehen.