Er kann sich die Arbeit in der Fabrik nur leisten, weil seine Frau das Geld verdient

Die allmorgendliche Versammlung dauert zwei Stunden. Es geht hier nicht zack, zack wie bei der Visite im Krankenhaus. Es ist immer Zeit für einen Witz. Ideen werden hin und her gesponnen. Jeder darf etwas sagen. Makis Anagnostou erzählt jetzt, wie er im Selbstversuch eine neue fettlösende Seife getestet hat, auf einem Bettlaken und einem Sweatshirt. Vom Laken lösten sich die Flecken besser. Die Arbeiter diskutieren nun, ob das an der Struktur des Stoffes lag.

Nach Effizienzkriterien könnte man die Arbeit als unzeitgemäß empfinden. Man könnte fragen, warum die Versammlung zwei Stunden dauert und nicht zehn Minuten wie in durchorganisierten Konzernen. Man könnte auch finden, dass eine bestimmte Arbeit nur einer machen sollte und nicht alle darüber informiert sein müssten. Je länger die Besprechung dauert, könnte man auch fragen: Wird hier überhaupt gearbeitet?

Das Telefon klingelt. Alle sind ruhig. "Ja, bitte?", spricht die Kollegin in den Hörer. "Ja, wenn Sie ihre Bestellung bis 15 Uhr durchgeben, können wir die Ware heute noch rausschicken. "Entaxi", "in Ordnung". Nun zeigt sich die produktive Seite von Viome. Jeder der Arbeiter ergreift mal das Wort, keiner macht Dienst nach Vorschrift. "Sollen wir jetzt mal!", sagt Makis Anagnostou. Und dann: "Los, ans Werk!"

Seit 2010 hat Griechenland über 250 Milliarden Euro erhalten

Die Krise sei endlich vorbei, verkündete Griechenlands Regierungschef Alexis Tsipras zuversichtlich in seiner Neujahrsansprache. Statistisch hat Griechenland tatsächlich die Wende geschafft: 2018 wird die Wirtschaft voraussichtlich wieder wachsen. Hilfskredite von über 250 Milliarden Euro sind seit 2010 ins Land geflossen. Doch sie dienten vor allem dazu, Altschulden zu refinanzieren und die Banken zu retten. Die meisten Menschen haben noch immer das Gefühl, bei ihnen sei von dem vielen Geld nichts angekommen.

In Viome wirken plötzlich alle sehr geschäftig, einer packt Seifen in Pakete, einer labelt Flaschen, Makis bereitet mit drei Kollegen die Abfüllanlage vor. Er sagt: "Ja, die Regierung kann ihre Schulden zurückzahlen und die Banken retten. Aber hier schließt weiter eine Fabrik nach der anderen." Anagnostou und die anderen Arbeiter von Viome können sich monatlich immerhin Löhne zwischen 300 und 400 Euro auszahlen. Das entspricht in etwa der Höhe des Arbeitslosengeldes. Eine Familie mit einem Kind braucht in Griechenland aber rund 1.500 Euro, um gerade so über die Runden zu kommen, um eine Wohnung zu mieten, Versicherungen zu bezahlen, Essen und Klamotten zu kaufen.

Das bedeutet auch, dass Makis Anagnostou sich die Arbeit hier nur leisten kann, weil er eine Familie hat, die ihn unterstützt. "Meine Frau verdient eigentlich das Geld." Sie ist Sachbearbeiterin in Thessaloniki. Ähnlich ist es auch bei den anderen Arbeitern. Sie haben Familien, die sie unterstützen, nehmen zusätzlich Gelegenheitsjobs an oder sind zurück zu ihren Eltern gezogen. "Wir schlagen uns alle durch", sagt Makis, während der Reiniger in die Flasche läuft, die er unter den Hahn hält. Er sagt das weder jammernd noch resignierend, eher so, als sei es eine offensichtliche Tatsache.

Arbeit gegen Depression und Lethargie

Damit ist die Geschichte der Arbeiter von Viome und ihrer Fabrik auch eine Geschichte über den Sinn von Arbeit. Nur wegen des Geldes arbeitet hier niemand. In der Viome-Fabrik wird auch gegen Depression und Lethargie angearbeitet. Was bedeutet Ihnen Arbeit, Makis Anagnostou? "Meraki!", antwortet er, "das kann man nicht übersetzen."

Der Versuch einer Annäherung könnte so lauten: Meraki bedeutet, wenn man etwas aus Lust und Leidenschaft macht, weil die Seele darum kämpft, weil es einen erfüllt wie vielleicht eine ehrenamtliche Tätigkeit. Meraki ist aber auch eine Art Überlebensstrategie, die Fähigkeit, aus Scheiße Kunst zu machen.