Als ich mir letztens einen neuen Laptop gekauft habe, habe ich auf eine Sache besonders geachtet: dass sich die Display-Beleuchtung gut regulieren lässt. Auf einer Skala von 1 bis 10 wähle ich immer die 2. Er macht auch keine Geräusche, das ist wichtig, denn wenn der Rechner zu laut surrt, werde ich nervös, und die Arbeit wird anstrengend.

Ich nehme solche Dinge viel stärker wahr, denn ich bin hochsensibel. Das heißt nicht, dass ich einfach nur empfindlich bin. Meine Sinne nehmen mehr wahr, ich höre, rieche, schmecke und fühle viel intensiver als die meisten Menschen, weil meine Reizfilter durchlässiger sind. Warum genau, das weiß ich nicht. Das Feld der Hochsensibilität ist noch nicht gut erforscht.

Ich weiß nur, ich habe früh schon bemerkt, dass etwas an mir anders ist. Als Jugendlicher, wenn wir damals bei uns im Sauerland in der Schützenhalle Party machten, mit Stroboskoplicht und richtig lauter Soundanlage, war ich nach einer Stunde immer schon so erschöpft, dass ich nach Hause musste. Das hat mich damals natürlich unter Druck gesetzt. Ich dachte: "Du bist doch jung. In deinem Alter muss man Partys doch genießen." Erst später, im Studium, lernte ich, damit umzugehen.

Heute achte ich darauf, alle Reize, die auf mich einwirken, auf ein Minimum zu reduzieren. Ich verzichte konsequent auf Salz und Pfeffer, ich esse alle meine Speisen ungewürzt. Außerdem trage ich beim Autofahren eine Sonnenbrille, fast jeden Tag, auch wenn es draußen grau ist. Würde ich sie nicht tragen, müsste ich die Augen ständig zusammenkneifen. Während andere Kopfhörer tragen, um Musik zu hören, stecke ich mir Ohrstöpsel in die Ohren, um die Geräusche um mich herum zu minimieren. Wenn es mir mal schlecht geht, mich negative Gedanken oder ängstliche Gefühle quälen, habe ich wahrscheinlich einen Nervenkater, so nenne ich das. Der kommt immer, wenn ich meine Nerven überanstrengt habe, zum Beispiel auf einer Party zu vielen Gesprächen gleichzeitig gelauscht oder im Auto zu viel Radio gehört habe.

Ich bin auch sensibler gegenüber Stimmungen und sozialen Situationen. Ungerechtigkeit und Unfreundlichkeit zum Beispiel stören mich sehr intensiv, die versuche ich schnell zu beseitigen. Nicht weil ich besonders altruistisch wäre – ich bin einfach sehr empfänglich für die Empfindungen anderer Leute. Sind die negativ, halte ich das nicht lange aus. Es ist mir regelrecht physisch unangenehm, wenn es jemandem schlecht geht.

Heute begreife ich meine Sensibilität als eine Art besonderes Talent. Musik zum Beispiel berührt mich oft sehr stark, als würde sie nur für mich gespielt. Ich glaube, dass ich insgesamt ein intensiveres Leben führe. Während andere den Kick bei Bungeejumping oder Drogen suchen, nehme ich das Leben mit all seinen Reizen von Natur aus schon viel greller wahr.

Protokoll: Silke Weber

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