Die beiden alten Damen in der Rotklinker-Siedlung in Rendsburg, Schleswig-Holstein, verstehen die Welt nicht mehr. "Oft wussten wir gar nicht, an wen wir Miete zahlen", sagt Rosemarie Jürgensen. Sie ist 79 Jahre alt, trägt goldene Ohrringe und einen lila Pullover mit V-Ausschnitt. In ihrem kleinen Wohnzimmer ist es warm und plüschig, und es gibt Butterkuchen. Neben ihr auf dem Sofa sitzt Christa Köster, ebenfalls 79 Jahre alt. Sie wohnt nur einen Block weiter und hat einen dicken Stapel Briefe mitgebracht. "Alle paar Jahre wird uns von der Hausverwaltung ein neues Konto mitgeteilt, auf das wir künftig die Miete überweisen sollen", sagt Köster. So erfährt sie, dass ihre Wohnung wohl wieder mal verkauft wurde. An wen, erfahren die Rentnerinnen nicht. Auch nicht, aus welchem Land der Käufer kommt.

Als Jürgensen und Köster in die Siedlung im Rotenhöfer Weg zogen – vor mehr als 50 Jahren –, da gehörte sie noch der Stadt. "Wenn etwas kaputtging, kam ein Handwerker und reparierte es", sagt Jürgensen. Dann aber verkaufte die Stadt 2004 alle ihre 1.400 Wohnungen, um den Haushalt zu sanieren. "Seitdem wird es immer schlimmer", sagt Jürgensen. Die Regenrinne über der Haustür ist seit Langem kaputt. Ein Eimer soll das herunterplätschernde Wasser auffangen. Was nicht im Eimer landet, könnte im Winter vor dem Eingang gefrieren. "Wenn ich in meinem Alter stürze", sagt Jürgensen, "weiß ich nicht, ob ich mich davon wieder erhole."

Die Wohnungen der Damen sind zu Objekten für Spekulanten geworden. Diese handeln damit, als wären es Aktien: Sie kaufen und verkaufen, wie es ihnen gerade beliebt. Dass in den Wohnungen Menschen leben, scheint nebensächlich. Welcher Investor hat schon Lust, sich um eine Regenrinne zu kümmern? Vor allem wenn zwischen ihm und den Mietern eine halbe Weltreise liegt?

Vor etwas mehr als einem Jahr haben die Rendsburger Wohnungen wieder einen neuen Käufer gefunden. Diesmal immerhin kennt man ihn, weil der Deal bundesweit Schlagzeilen machte: Es ist der chinesische Staatsfonds CIC. Aus Peking. Dieser Fonds hat auf einen Schlag 16.000 Wohnungen in Deutschland übernommen – nicht nur in Rendsburg, sondern auch in Kiel, Köln und Berlin.

Chinesische Investoren sind in Deutschland noch vergleichsweise selten, andere Kapitalgeber aus dem Ausland nicht. Große Immobilienbestände gehören traditionell Anlegern aus Amerika und Großbritannien. Doch auch Franzosen, Schweizer, Kanadier und Südkoreaner kaufen hierzulande gern Häuser und Wohnungen (siehe Grafik). Exklusiv für die ZEIT hat die Marktforschungsgesellschaft des "Verbandes deutscher Pfandbriefbanken" sämtliche großen Immobiliendeals jenseits von zehn Millionen Euro analysiert. Im vergangenen Jahr sind 59,4 Milliarden Euro in den Kauf deutscher Gebäude geflossen (2010 waren es noch 20,5 Milliarden Euro). Und mit 30,2 Milliarden Euro kam mehr als jeder zweite Euro 2017 von ausländischen Kapitalgebern. Das ist nicht per se schlecht, zeigt aber, dass internationale Investoren die ohnehin schon große Nachfrage nach Immobilien massiv steigern. Auch dass die Gesamtinvestitionen im Vergleich zum Jahr 2016 noch einmal leicht gestiegen sind, geht auf ihr Konto.

Ganze Wohnblocks werden heute gehandelt wie Straßen und Häuser bei Monopoly. Sogar in ländlichen Regionen steigen die Immobilienpreise mittlerweile, davor hat die Bundesbank Ende November gewarnt. Auch Orte wie Rendsburg haben es mit Investoren aus der ganzen Welt zu tun. Noch krasser ist die Lage in den Großstädten. In der Welt der Anleger klingt das nüchterner. "Deutschland stärkt seine Position als sicherer Hafen für Kapital in Europa", bilanzieren die Experten der Unternehmensberatung PwC. Als sie die internationalen Immobilien-Kapitalgeber nach ihren europäischen Lieblingszielen für 2018 befragten, kamen vier deutsche Städte unter die Top Ten. Hamburg landete auf Platz 6, München auf Platz 4, Frankfurt auf Platz 2, Berlin auf Platz 1. Da soll das Geld hin.

Rendsburg steht nicht auf der Liste, aber Christa Köster ist das egal. In ihrem Block ist gerade die Heizung ausgefallen. Vergeblich hat sie versucht, den Hausmeister zu erreichen. Sie sagt: "Hier kümmert sich keiner." Bloß drei Stunden in der Woche hat das Rendsburger Büro der Hausverwaltung BGP geöffnet. Rufe man in deren Berliner Zentrale an, sagen Köster und Jürgensen, erreiche man selbst dort niemanden. Das bestätigt die Anwältin Dana-Kristin Gerngroß, die mehrere Mieter aus der Siedlung vertritt. "Es gibt für die Wohnungen keinen erreichbaren Ansprechpartner, der sich zuständig fühlt", sagt sie. Auch auf eine Anfrage der ZEIT reagiert die BGP nicht.

Wenn allerdings die Miete erhöht werden soll, ändert sich das. Im Mai 2017 war es wieder so weit, kurz nach dem jüngsten Weiterverkauf. Da bekamen Köster und Jürgensen Post von der Hausverwaltung BGP. Die Miete entspreche "nicht mehr der Miete, die in der Gemeinde Rendsburg für vergleichbaren, frei finanzierten und nicht gebundenen Wohnraum gezahlt wird", stand in dem Brief. Anstatt wie bisher 466 Euro sollte Jürgensen nun 520,20 Euro bezahlen – 54,20 mehr. Für die Rentnerin, die früher in einer Großküche der Bundeswehr gearbeitet hat, viel Geld. "Die kümmern sich um nichts", sagt sie. "Und wollen trotzdem mehr Geld."