Wenn sich die Bedeutung eines Geheimnisses daran bemisst, wie lange der Schwur hält, es nicht zu enthüllen, dann muss das Geheimnis der Frau aus dem norwegischen Isdal sehr, sehr bedeutend sein. 47 Jahre ist es her, dass sie gefunden wurde, ein toter Mensch ohne Namen und ohne Nationalität, und in all den Jahren hat von denen, die etwas wussten, nicht einer geredet. Kein Wort, um das Rätsel zu lösen. Keines, um einer Toten ihre Biografie und einer Familie ihre Angehörige wiederzugeben.

Die Leiche, deren Geschichte tief in den Kalten Krieg zurückführt, zu sowjetischen U-Booten und geheimen Nato-Raketen, gehört zu den mysteriösesten Toten des 20. Jahrhunderts. Jetzt, nach fast 50 Jahren, beginnt sie quasi selbst damit, ihre Geschichte nach und nach preiszugeben. Wissenschaftler aus Norwegen, Österreich, Australien, Schweden lesen aus den menschlichen Überresten Spuren, die zuvor verborgen waren. Die Lösung des Rätsels, glauben sie, wird Hunderte Kilometer vom Isdal entfernt zu finden sein, in Westeuropa, in Frankreich, Belgien – und in Deutschland. Irgendwo dort könnte es sehr alte Eltern geben oder ziemlich alte Geschwister, Tanten und Onkel, Cousins und Cousinen, die seit langer Zeit eine Verwandte vermissen und in diesem Artikel womöglich irgendetwas entdecken werden, was ihnen bekannt vorkommt.

Das ist die Hoffnung.

Das Isdal (deutsch: Eistal) ist ein dunkles, von Gletschern geformtes Tal bei Bergen, an der Südwestküste Norwegens. In der Talsohle ein schwarzer See, der Svartediket, das Wasserreservoir der Stadt. Rund um den See erheben sich Schieferberge. Ein Wanderweg führt aus der Stadt am See entlang. Nach einer halben Stunde Fußmarsch steigt ein Abzweig steil an, der Weg verliert sich zwischen Sträuchern, bemoosten Steinen und rutschigen Wurzeln. Mitten am Berg ein paar skelettierte Fichten, ein Ensemble von Steinblöcken. Bei gutem Wetter – das hier selten vorkommt und fast nie im Winter – wäre es ein schöner Platz für ein Picknick. Das ist der Ort, den die Frau sich zum Sterben aussuchte – oder den ein anderer für sie zum Sterben ausgesucht hat.

Es ist der 29. November 1970, als Carl Halvor Aas hierhergerufen wird. Er ist Bergens diensthabender Staatsanwalt an jenem Sonntag. Eine Zwölfjährige, mit Vater und Schwester querfeldein unterwegs, hat die Tote gefunden. Damals ist der Staatsanwalt noch jung, 31 Jahre, die letzten Meter legt er kletternd zurück. Schon bevor er die Leiche sieht, riecht er das verbrannte Fleisch.

Heute ist Carl Halvor Aas hager und weißhaarig. Zurückgezogen lebt er mit seiner Frau weit weg vom damaligen Fundort, nahe der Hauptstadt Oslo in einem Bungalow mit Seeblick. Seine Zeit als Staatsanwalt ist lange her, danach war er Rechtsanwalt, längst ist er in Pension. Über die Tote aus dem Isdal grübelt er noch immer: Er registrierte, dass die Frau auf dem Rücken lag, das Gesicht vom Feuer entstellt, die Arme brandopfertypisch angewinkelt, die Flammen hatten ihr lange Handschuhe übergestreift, wie aus schwarzem Samt. Bei der Leiche: das Gerippe eines Regenschirms, Fetzen eines grün-blau karierten Wollschals. Eine angebrochene Flasche Likör. Verbranntes Brot. Zwei weiße Plastikflaschen und ein Becher. Ohrclips und ein Ring lagen in der Nähe der Leiche, eine Uhr. Etwas abseits: Reste eines Gummistiefels und einer Socke.

Die Szenerie ließ den Schluss zu, die Frau habe ein paar Kleidungsstücke und ihren Schmuck abgelegt, einen Schuh ausgezogen und sich am Feuer gewärmt.

Die Ermittlungen von heute

Eine Isotopenanalyse zeigt: Wahrscheinlich lebte die Isdal-Frau im Alter von vier Jahren in oder bei Nürnberg.

Quelle: Vorlage von Jurian Hoogewer/National Centre for Forensic Studies/University of Canberra © ZEIT-Grafik

"Ich fand es gleich schwer vorstellbar, dass diese Frau Selbstmord begangen haben sollte", sagt Aas. Ein Unfall also? Andererseits: Die Feuerstelle, die vor der Toten am Boden erkennbar war, wirkte zu klein für so enorme Verletzungen. "Aber dass jemand an diesen entlegenen Ort gekommen sein sollte, um die Frau zu verbrennen, kam mir auch eigenartig vor. Alles an diesem Fall war seltsam."

Es wurde noch seltsamer.

In jenem November 1970 untersuchen Kriminaltechniker den Leichenfundort: Am Boden unter dem toten Körper weisen sie einen Tropfen Benzin nach. Sie stoßen auf eine Schachtel Streichhölzer des Erotik-Versandhauses Beate Uhse aus Flensburg in Deutschland, auf Reste verbrannten Papiers. Auch einen Metallring finden sie, möglicherweise die Befestigung eines Passfotos. Ein verschmortes Etui wie von einer Reisepasshülle. Und sie stellen fest: Aus sämtlichen Kleidungsstücken der Toten wurden die Etiketten herausgetrennt.

Wer auch immer die Identität dieser Toten verbergen wollte, er hat es sehr gut gemacht. Bis heute weiß man nicht, wer sie war, wie alt sie wurde, woher sie kam.

Am Tag nach dem Fund der Leiche läuft am Bahnhof in Bergen die Miete eines Schließfachs ab. Darin: zwei Koffer mit Kleidung ohne Etiketten, zwei Perücken, eine Sonnenbrille, ein Notizbuch mit Buchstaben- und Zahlenkolonnen, eine Landkarte Norwegens mit handschriftlich notierten Zahlen, Zeitungsausschnitte, Kosmetika, deren Beschriftung entfernt wurde. Geld in verschiedenen Währungen: 500 D-Mark, 50 belgische Centimes, 6 Pence, ein halber Schweizer Franken. Die Polizei gleicht die Fingerabdrücke auf den Gläsern der Sonnenbrille mit denen ab, die man von der Toten aus dem Isdal nehmen konnte: Es sind dieselben.

Im Koffer auch eine Plastiktüte mit der Aufschrift "Osc. Rørtvedt" – ein Schuhgeschäft in Stavanger, 200 Kilometer von Bergen entfernt.

"Ich muss aufpassen, dass ich meine Erinnerungen jetzt nicht mit dem vermische, was ich später über sie gelesen habe", sagt Rolf Rørtvedt. Er sitzt vor einer Wand aus Schuhkartons im Geschäft, das er vom Vater übernommen hat – längst ist er selbst der Seniorchef. Bald feiert er seinen 70. Geburtstag. Er war 23, als an einem Novembertag 1970 eine elegante Dame das Geschäft betrat, in seiner Erinnerung bloß ein paar Jahre älter als er selbst. Schulterlanges braunes Haar, braune Augen. "Die Frau war allein, sie sprach Englisch mit einem sehr starken Akzent, den ich nicht einordnen konnte." Sie suchte Gummistiefel und nahm sich viel Zeit zum Probieren. Am nächsten Tag habe sie die Stiefel noch einmal umgetauscht. Damals habe man auch Modelle für Jäger und Wanderer im Angebot gehabt, sagt Rørtvedt, sie aber habe eher etwas für die Stadt gewollt. Sie entschied sich für die Standard-Gummistiefel "Kjendis" der Marke Viking, in Blau mit Schnürung, für 189 Kronen.

Solche Stiefel verschmorten auf dem Stein-Ensemble im Isdal.

Nicht nur von den Stiefeln erzählte Rolf Rørtvedt den Beamten, sondern auch von einem strengen Geruch, den die Frau ausströmte. Als er Jahre später zum ersten Mal Knoblauch aß, musste er wieder an die seltsame Kundin denken, deretwegen die Polizei zu ihm gekommen war. Und an das Foto des verbrannten Körpers, das sie ihm zeigten, wobei sie einen Teil des Bildes abdeckten.

Nicht weit vom Schuhgeschäft liegt das Comfort Hotel, früher hieß es St. Svithun. Die Polizei fand heraus, dass die Stiefelkäuferin dort gewohnt hatte. Eine katastrophal Englisch sprechende, attraktive, aber streng riechende Belgierin mit Namen Finella Lorck.

Doch in Bergen, wo die Frau vor ihrem Tod gewohnt haben musste, war in keinem Hotel eine Finella Lorck bekannt. Wenn damals ein ausländischer Gast in ein norwegisches Hotel eincheckte, musste er seinen Ausweis oder Pass vorlegen und einen Meldezettel ausfüllen. Regelmäßig sammelte die Polizei die Meldezettel der Hotels ein.

Hatte er die Frau verraten?

Auf der Suche nach Finella Lorck überprüfen die Beamten Meldezettel aus ganz Norwegen, doch sie finden die Frau nicht wieder. Dafür eine ganze Reihe anderer Belgierinnen, auf die verblüffenderweise die Beschreibung der Unbekannten passt: Claudia Tielt, Vera Jarle, Elisabeth Leenhouwer, Geneviève Lancier, Claudia Nielsen, Alexia Zarna-Merchez. Unter all diesen Namen war die Isdal-Frau im Frühjahr und im Herbst 1970 unterwegs. Nicht nur in Bergen und Stavanger, sondern auch in Oslo, Trondheim, sogar in Paris und Genf. Am 1. April 1970 kaufte sie als Claudia Tielt in Stavanger kurz vor Abfahrt des Zuges ein "Continental-Billet" für die Strecke Kristiansand–Hamburg–Basel.

Eine allein reisende junge Frau fiel damals auf. Viele Augenzeugen, die 1970 von der Polizei befragt wurden, wie der Schuhverkäufer, leben noch. Sie haben die Begegnung mit der Frau nicht vergessen. Wenn sie von ihr reden, verwenden sie Wörter wie "exotisch" und "Aura". Eine schlanke Frau mit betonten Hüften, der nicht nur Männer hinterherschauten. Allerdings hatte sie auch eine Lücke zwischen den Schneidezähnen, die etwas zu breit war, um charmant zu sein.

Einige vermuten, sie sei aus dem Nahen Osten gekommen. Andere glauben, sie war eine Roma-Frau, eine Südafrikanerin, eine Südamerikanerin. Manche fanden ihr Verhalten merkwürdig.

"Sie wollte unbedingt das Zimmer wechseln, so was machte damals kaum jemand. Sie bekam dann die 406, die hatte Rundumblick", sagt Olaug Sangolt, heute 66 Jahre alt und ein Berufsleben lang Rezeptionistin im Hotel Hordaheimen in Bergen. Das Zimmer ist ihr heute noch unheimlich.

Und Ove Ramstrøm, damals Page im Hotel St. Svithun in Stavanger, sagt: "Zu der Zeit waren die Bäder auf dem Flur. Von der Beschriftung des Badezimmers machte sie den Aufkleber mit dem 'd' im Wort 'Bad' ab und klebte ihn hinter die 615 an ihrer Tür." Einmal habe ein Herr angerufen und nach einer allein reisenden Amerikanerin gefragt. "Wir haben nur eine Belgierin", antwortete Ramstrøm, der zu Diensten sein wollte. Daraufhin wollte der Anrufer mit der Dame sprechen, die aber war außer Haus. Bis heute wird Ramstrøm vom schlechten Gewissen geplagt. Hatte er die Frau verraten?

"In ihrem Zimmer hat sie die Möbel umgeräumt, den Stuhl hat sie nach draußen auf den Flur gestellt", erinnert sich Tone Svanes, eine ehemalige Projektmanagerin, die ihre Karriere ebenfalls im Hotel St. Svithun in Stavanger begann. "Wir haben uns gefragt, ob sie vielleicht verrückt ist." Jedes Mal, wenn sie heute von einem Feuer liest, muss sie an den grausamen Tod der Frau aus dem Eistal denken.

In Bergen kaufte die Unbekannte in Begleitung eines Mannes einen Wandspiegel – obwohl sie doch im Hotel wohnte. "Der Mann bezahlte, die beiden diskutierten in einer Sprache, die mir osteuropäisch vorkam", sagt Siri Reikvam, eine elegante alte Dame, die in dem Spiegelgeschäft arbeitete. Noch immer überlegt sie, welche Sprache das gewesen sein könnte. "Vielleicht war es auch Deutsch."

Mit einem Mann wurde die Isdal-Frau mehrmals gesehen: in Speisesälen, Hotelzimmern, Geschäften. Es ist unklar, ob es immer derselbe war. Stets aber blieb der Eindruck: Ein Paar sind die beiden nicht. Ernst seien sie gewesen, manchmal über Papiere gebeugt. Einmal sollen sie sich so lautstark im Hotelzimmer gestritten haben, dass das Zimmermädchen um Ruhe bitten musste.

Eine knappe Woche nach dem Schließfach-Fund am Bergener Bahnhof gelingt es einem Dechiffrier-Experten, die Buchstaben und Ziffern aus dem Notizblock zu entschlüsseln, der in einem der Koffer der Toten steckte. Es ist eine Liste:

11M 16M L

17M 19M G

20M 23M O

24M 31M B

Insgesamt sind es 25 Eintragungen. Es stellt sich heraus, dass die Zahlen zu Tagen und die Buchstaben zu Monaten und Aufenthaltsorten der Isdal-Frau passen. "N9 N18 S": Vom 9. bis zum 18. November war die Frau in Stavanger. "O22 O28 P": Vom 22. bis zum 28. Oktober war sie in Paris. "O30 B N5": Vom 30. Oktober bis zum 5. November war sie in Bergen.

Nun kann die Polizei eine fast vollständige Reiseroute rekonstruieren, durch Norwegen, durch halb Westeuropa. O für Oslo, L für London, G für Genf.

Norwegen 1970 – ein Nato-Mitgliedsland an der Grenze der politischen Blöcke. Ein bevölkerungsarmes Land mit langer, zerklüfteter Küstenlinie, im Kalten Krieg eine existenzbedrohende Situation. Das Angstszenario der norwegischen Armee: Die Sowjets könnten eine Invasion von der Seeseite aus starten. Tatsächlich werden in den Fjorden damals immer wieder sowjetische U-Boote gesichtet. Bei Stavanger testet das norwegische Militär seit den 1960er Jahren unter anderem mit Geld aus Westdeutschland Waffen eines neuen Typs: Raketen, die von Schiffen aus eingesetzt werden können und ihr Ziel selbststeuernd mithilfe von Infrarottechnik verfolgen. Diese Technik wird später an andere Nato-Länder verkauft und entwickelt sich zum Exportschlager der norwegischen Wirtschaft.

Beim Militär beobachtet man sorgenvoll, dass sich polnische, tschechische, ostdeutsche Fischerboote oft in der Nähe des Testgeländes in Stavanger aufhalten.

Einmal rast bei Bergen ein Privatauto auf ein weiteres Militärgelände, auf dem an den Raketen gearbeitet wird, und prescht wieder davon – die Armee ist überzeugt, das waren die Sowjets.

Und die Isdal-Frau? War sie eine Spionin? Wenn ja: Bedeutet das, sie wurde ermordet?

Der Mann, der jetzt in den alten Tatort-Berichten blättert, ist Inge Morild, 66, Leiter der Rechtsmedizin an der Universität Bergen. Morilds Büro gleicht einem Museum: alte Akten, in Leinen gebunden, Stapel vergilbter Papiere und verblasster Fotos, Mikroskope. Vor dem Fenster: norwegisches Schiefergrau, Regen.

Es war sein Vorgänger, der die Tote 1970 obduzierte. Morild trägt aus dem Autopsiebericht vor: Es handelt sich um eine jüngere Frau, normal gebaut, etwa 30 Jahre alt. Schwere Verbrennungen. Keine Anzeichen einer Krankheit.

Morild blättert weiter durch die pergamentdünnen Papiere.

Am Nacken der Frau: ein Bluterguss, sichtbar erst nach Öffnung der Leiche. Er könnte von einem Handkantenschlag stammen. Oder von einem Sturz. In Blut und Magen der Toten: große Mengen des Schlafmittels Fenemal, eingenommen in zwei bis drei Portionen. Es handelte sich um 50 bis 70 pinkfarbene Tabletten. In dieser Farbe wurde Fenemal in Norwegen nicht verkauft, sehr wohl aber in Großbritannien. Da das Mittel nicht vollständig verdaut war, reichte die Konzentration nicht aus, um die Frau zu töten. Sie starb an einer Kohlenmonoxid-Vergiftung. In der Lunge der Toten fand man Rauch: Sie lebte und atmete also noch, als das Feuer ausbrach. Todeszeitpunkt: ein bis vier, vielleicht auch sechs Tage vor dem Fund der Leiche.

All das ist wenige Wochen nach dem Fund der Leiche bekannt: die falschen Identitäten. Das Hämatom im Nacken. Die Schlaftabletten und der Brandbeschleuniger. Das seltsame Verhalten der Frau. Der Code. Dann gibt der Polizeichef eine Pressekonferenz. Durch dichten Zigarrenqualm hindurch verkündet er den Journalisten: Die Frau habe sich selbst das Leben genommen. Es bestehe kein Zweifel.

Begräbnis einer Namenlosen

Die Unbekannte wird bestattet – mitten im protestantischen Norwegen nach katholischem Ritus. Man nimmt an, sie stammt aus einem katholischen Land. Die Sargträger, die Gäste der Zeremonie: alles Polizeibeamte. Der Fall geht zu den Akten.

Die Ermittler verstehen die Welt nicht mehr. Warum diese Pressekonferenz? Handelte ihr Chef auf Befehl von ganz oben? Auf Geheiß des Nachrichtendiensts? Einer der Ermittler war besonders aufgebracht, auch Jahre später noch: Harald Osland, einer der erfolgreichsten Ermittler bei der Mordkommission Bergen. Er selbst ist seit elf Jahren tot, doch sein Sohn Tore – im Jahr 1970 war er 23 Jahre alt – erinnert sich noch gut daran, wie der Vater tobte.

In einem Koffer der Toten hatten die Ermittler auch eine Salbe gefunden. Auf der Tube klebte der letzte Fetzen eines Schilds, auf dem einmal der Name des Arztes gestanden hatte, der das Rezept ausstellte. Der Name der Apotheke war noch zu lesen: "Svaneapoteket, Bergen". Tore Osland erzählt: "Als mein Vater die Apothekerin befragte, sagte sie: Warum kommen Sie noch einmal? Wir haben der Polizei doch gestern schon alles erzählt."

Im Isdal-Fall ermittelte also nicht nur die Polizei von Bergen, es ermittelten nicht nur die aus Oslo hinzugezogenen Beamten der Kriminalpolizei. Es ermittelte noch ein weiteres Team. Harald Osland war sicher, dass der militärische Nachrichtendienst die Koffer aus dem Schließfach schon einen Tag vor der Polizei durchsucht hatte.

Tore Osland sagt, sein Vater sei bei der Arbeit ständig behindert worden. "Die Polizei wusste zum Beispiel, dass die Frau in Trondheim gewesen war, also besuchte mein Vater einen früheren Kollegen, der inzwischen dort arbeitete. So fand mein Vater heraus, dass ein Offizier der russischen Botschaft am selben Tag wie die Isdal-Frau in Trondheim war." Vor seinem Chef aber musste Osland sich rechtfertigen: weshalb er in Trondheim gewesen sei? Osland wollte nach Flensburg reisen, wegen der Beate-Uhse-Streichhölzer: Er durfte nicht. Er wollte deutsche U-Boot-Offiziere vernehmen, die zum Tauchtraining bei der norwegischen Armee gewesen waren und im selben Bergener Hotel gewohnt hatten wie die Tote: verboten. Stattdessen erhielt er den Auftrag, den Abschlussbericht zu verfassen.

45 Jahre später bekommt Inge Morild, der Rechtsmediziner aus Bergen, einen Anruf vom norwegischen öffentlich-rechtlichen Fernsehen NRK: Könnten Sie mal schauen, ob Sie im Archiv noch etwas von der Isdal-Frau haben? Gewebeproben? Zähne? Man möchte über den alten Fall berichten.

Morild weiß sofort, um welche unidentifizierte Leiche es geht. Er hat den Fall oft in seinen Vorlesungen verwendet, "um die Studenten aufzuwecken". Den "Isdal-Fall" kennt in Norwegen jeder, so wie man in Deutschland den "Fall Barschel" kennt.

Mit den NRK-Journalisten steigt Morild in den Keller des Krankenhauses. Große Hoffnung, etwas zu finden, hat er nicht. In der Tiefgarage, neben einem ausgedienten Krankenwagen, führt eine Metalltür zum Depot. Dort, in zahllosen verschiebbaren Regalen, werden Gewebeproben aufbewahrt, in Paraffinblocks fixiert. Manchmal, bei nicht identifizierten Leichen, ist ein komplett erhaltenes Gebiss dabei. Würde man all die Gewebeteile zusammensetzen, es wäre genug für mehrere komplette Menschenkörper.

Im letzten Regal, ganz oben unter der Decke, findet Morild einen Karton mit der Aufschrift "Nicht wegwerfen – Isdal-Frau". Darin ein Ober- und ein Unterkiefer samt Zähnen. Außerdem, versteckt in einem Raum, in dem auch alte Karteikarten und Computer aufgehoben werden: Proben von Leber, Niere, Milz. Die Paraffinblocks sehen aus wie kostbare seltene Steine. Material für eine DNA-Probe.

Morild ruft den Polizeichef von Bergen an. Es ist längst ein anderer als jener, der 1970 die verstörende Pressekonferenz gab. So stößt die Anfrage der Journalisten einen neuen Versuch an, das alte Rätsel zu lösen. Im August 2016 ist der Isdal-Fall wieder offen. Die Bergener Polizei ermittelt gemeinsam mit dem Identifizierungsteam der Kripo Oslo. Jetzt mit den Methoden des 21. Jahrhunderts.

Das Identifizierungsteam der norwegischen Kriminalpolizei wurde 1975 gegründet, fünf Jahre nach dem Tod der Unbekannten. Die Spezialisten sind norwegenweit für 1400 vermisste Personen zuständig sowie für 17 unidentifizierte Leichen. Zum Team gehören: ein Chemiker, eine Handschriftenexpertin, eine Zahnärztin, ein Sachverständiger für Fingerabdrücke, eine DNA-Spezialistin. Der Chef ist Per Angel, ein sehr erfahrener Kriminalbeamter. Kann er seine Karriere mit der Lösung des großen norwegischen Rätsels krönen?

Per Angel setzt auf Öffentlichkeit. Vielleicht erinnert sich ja irgendwer da draußen noch an irgendwas. Und lässt sich die Frage "Wer kennt diese Frau?" heute nicht tausendmal besser verbreiten als damals? So werden die vier Investigativreporter von NRK selbst Teil der Geschichte, die sie recherchieren: Die Kriminalpolizei stellt ihnen alle Dokumente zur Verfügung, lässt sie bei der Arbeit dabei sein, weiht sie in die nächsten Ermittlungsschritte ein.

Wenn die Einbeziehung der Öffentlichkeit die Ermittlungsmethode der Verzweifelten ist, dann ist die Wissenschaft das Mittel der Hoffnungsvollen.

Marguerethe Stenersen ist die DNA-Spezialistin des Identifizierungsteams. An einem Dezembertag 2017 sitzt sie in Birkenstock-Schuhen, Wollpulli und Thermohose in ihrem Büro. Auf dem Schreibtisch liegt der Ausdruck einer E-Mail: eine Tabelle mit zwei Spalten. Wieder sind es Zahlen und Buchstaben, wie beim Code aus dem Koffer der Toten. Der erste Code enthielt die Reiseroute der Frau. Dieser hier sagt, wer sie war.

"Aus den Zähnen konnte man keine DNA mehr generieren, die Verbindungen der DNA-Moleküle waren zu stark beschädigt", sagt Stenersen. "Aber das Nierengewebe war intakt." In der linken Spalte sind 18 Marker aufgelistet. Der erste nennt sich Amelogenin, dazu ist in der rechten Spalte das Kürzel X-X eingetragen – die Tote war eine Frau. D3S1358, TH01, D21S11, das sind weitere Marker, zu denen es in der zweiten Spalte Eintragungen gibt: "11–13", "15–18", "9". Es ist die detaillierte genetische Beschreibung der Toten. Sie enthält die Lösung des Rätsels. Ein Schlüssel, zu dem aber, leider, das Schloss fehlt.

Im Herbst 2016 jagen die Polizisten das DNA-Profil durch ihre Computer. Kein Treffer. Die Isdal-Frau wird weder in Norwegen vermisst, noch ist sie in der Verbrecherkartei gespeichert. Das ist keine Überraschung. Mehr Hoffnung setzen die Polizisten in Interpol. Sie geben eine neue Black Notice heraus, die jene von 1970 ersetzt: Suche nach einer vermissten Person, diesmal mit DNA-Profil. Bis heute haben sie keine Antwort.

Aber noch etwas lässt sich mit dem genetischen Fingerabdruck der Toten enthüllen. Walther Parson, ein Molekularbiologe aus Innsbruck, ist Spezialist für die mitochondriale DNA. Jede Mutter vererbt diese mtDNA an ihre Kinder, nur die Töchter vererben sie weiter. Die mtDNA bleibt über viele Generationen stabil. In unterschiedlichen Regionen der Welt sind unterschiedliche Arten dieser mtDNA verbreitet. Sie zu analysieren ist kompliziert. Nur wenige Labore beherrschen die Technik. Das Institut aus Innsbruck ist dabei führend. Es hat eine mtDNA-Datenbank aufgebaut, in der eine Art genetische Weltkarte gespeichert ist. Parson ist sicher: Die unbekannte Tote stammt aus Europa, wobei Europa auf Parsons Weltkarte bis nach Usbekistan und Nordindien reicht. Auch im Nahen Osten gibt es europäische mtDNA. Aber: Die Isdal-Frau war keine Südafrikanerin und keine Südamerikanerin.

Die Nachricht, dass die Isdal-Frau vermutlich Europäerin war, wird international in den Medien verbreitet und als Durchbruch gefeiert. Doch Europa ist groß, wenn man nach einer einzelnen Vermissten sucht, von der weder Geburtsjahr noch Name oder Nationalität bekannt sind. Und die, vielleicht, vor fünf Jahrzehnten als vermisst gemeldet wurde.

Nie hätten sie auf ein so eindeutiges Ergebnis gehofft

Wenn es stimmt, dass die Tote um die 30 war, wurde sie um 1940 geboren, mitten im Zweiten Weltkrieg, zu einer Zeit, als Millionen Menschen über den Kontinent zogen, auf der Suche nach einem sicheren Platz. Vielleicht gehört der Ort, in dem ein Standesbeamter den Namen der Isdal-Frau in eine Geburtsurkunde eintrug, heute zu einem anderen Staat als damals, vielleicht gibt es den Staat nicht einmal mehr. Von 1940 bis heute hat sich die Landkarte Europas vollkommen verändert. Staaten sind atmende Körper, die sich aufblähen und zusammenziehen, je nachdem, welche Armee siegt und wie sich die Grenzen verschieben. Auf solche Zusammenhänge schauen Historiker. Chemiker haben einen anderen Blick. Sie zerlegen alles in kleine Einheiten, in Moleküle und Atome. Aber auch Chemiker können Landkarten erstellen.

Anhand einer Zahnschmelzanalyse lässt sich feststellen, welches Wasser ein Mensch als Kind getrunken hat, welche Nahrung er zu sich nahm. Das Wasser in Spanien hat an vielen Orten eine andere chemische Zusammensetzung als das in Portugal, die Kartoffeln in Deutschland wachsen zum Großteil in anderer Erde als die in Italien. Je nachdem, was der Mensch trinkt, stehen verschiedene Sauerstoff-Isotope in seinem Zahnschmelz in einem bestimmten Verhältnis zueinander. Je nachdem, was er isst, stehen verschiedene Strontium-Isotope in einem bestimmten Verhältnis zueinander.

Spezialisten der Universität Bergen analysieren Strontium- und Sauerstoff-Isotope im Schmelz der Zähne der Toten. Für ihre Untersuchungen verwenden sie drei Zähne, die in unterschiedlichen Lebensjahren angelegt werden: Der älteste Zahn brach durch, als die Isdal-Tote vier Jahre alt, der jüngste, als sie ein Teenager war. Die Daten schicken die Spezialisten nach Australien, zu einem Professor der Universität Canberra. Sein Spezialgebiet: Forensische Geochemie.

An einem Vormittag im Mai 2016 sitzen in Oslo Per Angel, der Chef des Identifizierungsteams, und sein Chemie-Experte vor mehreren Bildschirmen. Auf einem baut sich das Skype-Bild von Jurian Hoogewerff aus Canberra auf. Er ist Niederländer und erklärt den norwegischen Polizisten, was er aus den Daten liest: "Es ist ein recht gut umrissenes Gebiet, aus dem sie wahrscheinlich stammt."

Auf dem zweiten Bildschirm erscheinen verschiedene Karten. Die eine zeigt, wo die Tote mutmaßlich im Alter von vier Jahren lebte, eine andere, wo sie als Heranwachsende wohnte. Die unwahrscheinlichsten Regionen sind blau, die wahrscheinlicheren gelb und orange, die wahrscheinlichsten rot. Auf der ersten Karte gibt es nur einen roten Punkt, scharf umrissen. Es ist Nürnberg samt Umgebung. Auf der zweiten Karte gibt es mehrere rote Regionen: in Wales, in Italien, in Spanien und im deutsch-französisch-belgischen Grenzgebiet. Das heißt: Die Isdal-Frau hat ihre ersten Lebensjahre mutmaßlich in Deutschland verbracht, in Franken. Als Kind muss sie fortgezogen sein.

Die Polizisten in Oslo sind baff. Nie hätten sie auf ein so eindeutiges Ergebnis gehofft.

Was der Professor aus Canberra erzählt, passt auch zu anderen Erkenntnissen. Als die Unbekannte in den Hotels von Oslo, Bergen, Stavanger, Trondheim, in Paris und Genf die Registrierungsformulare ausfüllte, gab sie sich meistens als Belgierin aus, einmal nannte sie als ihren Geburtsort "Ljubliana", mit einem falschen "i" in der Mitte. Trotzdem trug sie ihren Beruf und den Zweck ihrer Reise fast immer auf Deutsch ein. In das Feld "Beruf" schrieb sie: "Verziererin", "GeschäftTeilhaberin", "Antiquitätenhändlerin". Als Zweck der Reise nannte sie "Fremdenverkehr", "Berufverkehr", "Handelsverkehr".

Zum Team von Per Angel gehört auch eine Grafologin. Sie hat Kollegen in ganz Europa kontaktiert. Die Experten aus Deutschland, vom Bundeskriminalamt und vom Berliner Landeskriminalamt, sagen: Nach einer deutschen Schrift sieht das nicht aus. Aus der Schweiz kommt die Meldung: keine hier bekannten Merkmale. In Spanien genauso. In Ljubljana heißt es: Kein Slowene würde unsere Hauptstadt falsch schreiben. Aus Rumänien – kein Ergebnis. Aus Litauen heißt es, an kyrillische Schrift erinnern die Proben in keiner Weise.

Dann melden sich zwei französische Labore. Das sehr runde R, das T, die Art, von links unten nach rechts oben zu unterschreiben und dabei die Unterschrift quasi zu unterstreichen – das sei typisch französisch. Besonders ein zweiter Strich über dem T, wie die Isdal-Frau ihn machte, sei in der früher gelehrten französischen Handschrift üblich gewesen.

Was die Grafologin nicht klären kann: Lernte man in Belgien und Luxemburg auf ähnliche Weise schreiben? Bei der belgischen Polizei kann sie nur einen flämischen Experten ausfindig machen. Eine Anfrage der ZEIT bei einer belgischen Handschriftenexpertin ergibt: In Belgien und Luxemburg wurde nach der gleichen Methode unterrichtet.

Kombiniert man die Ergebnisse, zu denen der Professor aus Canberra kommt, mit denen der Handschriftanalyse, drängt sich eine Vermutung auf: Während des Zweiten Weltkriegs könnte die Isdal-Frau aus Franken ins deutsch-französische Grenzgebiet umgezogen sein.

Vielleicht ein jüdisches Mädchen, das vor den Nazis floh?

Das nördliche Elsass, das südliche Belgien, Luxemburg erscheinen nun als die wahrscheinlichsten Orte, an denen sie ihre spätere Kindheit und Jugend verbrachte. Wieder verkünden die Journalisten von NRK einen Durchbruch. Die BBC, die Bild-Zeitung steigen auf die Geschichte ein, auch in Frankreich und Belgien wird über den Fall berichtet. Die Isdal-Frau wird international bekannt.

Noch nie wusste man so viel über die Tote wie jetzt, doch auf unzählige Fragen haben die Ermittler bis zu diesem Zeitpunkt keine Antwort gefunden. Die Unbekannte machte seltsame Fehler: Als ausstellende Passbehörde hatte sie auf den Meldezetteln "Brüssel Kreisleitung" vermerkt, dabei gab es eine derartige Behörde nie, auch nicht während der Besatzungszeit in Belgien. Aber es gab die Kreisleitungen der NSDAP in Deutschland. War das Wort ein Echo aus der Kindheit? Oder existiert eine Verbindung zu späteren Lebensjahren der Isdal-Frau? Stand sie in den Diensten der DDR, wo die SED ihre "Kreisleitungen" hatte, die natürlich keine Pässe, allenfalls Parteibücher ausstellten? Gibt es andere Hinweise auf ostdeutschen Sprachgebrauch?

Als "eigenwillig", ja "geradezu fantastisch" bezeichnet Stefan Engelberg, Professor für Lexik beim Institut für Deutsche Sprache in Mannheim, die Deutschfehler der Isdal-Frau. Was bitte schön soll eine "Verziererin" sein? Warum fehlen im Wort "GeschäftTeilhaberin" das Fugen-s und der Bindestrich? Welchen Reisezweck erfüllt "Berufverkehr" – ist eine Dienstreise gemeint? Für die ZEIT hat Engelberg die fünf erhaltenen Meldezettel der Isdal-Frau einer "sprachbiografischen Analyse" unterzogen. Weder in west- noch in ostdeutschen Verzeichnissen kann er die seltsamen Begriffe finden, jedenfalls nicht in einem schlüssigen Zusammenhang. Er überprüft auch, ob die Fehler der Frau von falschen Übersetzungen herrühren könnten – aus dem Französischen, dem Niederländischen, dem Italienischen, Polnischen, Russischen. Er schaut sich Wörter und Wortkonstruktionen aus all diesen Sprachen an – und kann keine typischen Übertragungsfehler entdecken.

Warum hatte sie so viele falsche Identitäten?

Je länger Engelberg sich mit der Sprache der Isdal-Frau beschäftigt, desto verwirrter ist er. Er geht davon aus, dass ihre Deutschkenntnisse über ein mittleres Zweitsprachenniveau nicht hinausgingen. Andererseits könnte das auch genau der Eindruck sein, den sie zu erwecken versuchte. Oder verbirgt sich hinter der eigenartigen Sprache noch etwas anderes? Engelberg schlägt vor, das manierierte Vokabular, die seltsamen Ausdrücke einmal darauf untersuchen zu lassen, ob sie zum Sprachgebrauch einer psychisch Kranken passen.

Während der Linguist Engelberg in Mannheim nächtelang die Meldezettel erforscht und über den Geisteszustand der Isdal-Frau grübelt, rätselt in Berlin ein anderer Wissenschaftler über die Biografie der Toten. Helmut Müller-Enbergs ist Politologe. Er hat lange für die Stasi-Unterlagen-Behörde gearbeitet. Er hat zu den Rosenholz-Dateien geforscht, den Karteien des Auslandsnachrichtendienstes der DDR. Und er hat den Westberliner Polizisten Karl-Heinz Kurras, der Benno Ohnesorg erschoss, als Stasi-IM entlarvt. Heute lehrt Müller-Enbergs Spionagegeschichte an der Syddansk Universitet in Odense, Dänemark. Er hat Aufsätze über nachrichtendienstliche Tätigkeiten verschiedener Ostblockstaaten in Skandinavien geschrieben.

"Die Etiketten aus der Kleidung zu entfernen steht nicht gerade im Handbuch der Agenten", sagt Müller-Enbergs. Und der Code, den die norwegische Polizei so rasch entschlüsselte, sei viel zu einfach. Eigentlich. Auch hätten die Ostblockstaaten falsche belgische Pässe nur sehr selten verwendet. Die Stasi, erzählt Müller-Enbergs, habe eine Fälscherwerkstatt unterhalten, die Ausweise auch für Agenten aus befreundeten Staaten anfertigte. Belgische Papiere konnten die Stasi-Leute nicht gut nachmachen. Andererseits: Ab und zu taten sie es eben doch.

Was Müller-Enbergs wirklich wundert: Warum hatte die Frau so viele falsche Identitäten? Ein unglaublicher Aufwand. Den man kaum getrieben hätte – außer vielleicht für eine außerordentlich wichtige Agentin, eingesetzt von wem auch immer.

Und die andere Theorie? Die Frau eine Kranke, die unter Verfolgungswahn leidet und sich, wer weiß, mit Knoblauch gegen Vampire wappnet? Eine Edelprostituierte, die sich verkleidet? Woher sollte eine solche Frau die falschen Papiere haben? Und woher das Geld für all die Reisen über Wochen und Monate? Vor allem aber fragt Müller-Enbergs sich: Warum hatte der norwegische Nachrichtendienst ein so brennendes Interesse an dem Fall?

Unzählige Male haben die norwegischen Journalisten bei verschiedensten Behörden angefragt und um Akten des Nachrichtendiensts zum Fall gebeten. Seit 2002 ist bekannt, dass der Polizist Harald Osland richtig vermutet hatte: Der Nachrichtendienst in Bergen ermittelte. Vor Kurzem, endlich, gaben die Behörden ein paar Seiten frei, die Jahrzehnte unter Verschluss waren. Darunter eine Notiz des Vizechefs der norwegischen Spionageabwehr. Er glaubte, die Frau zwei oder drei Jahre zuvor im Nato-Hauptquartier gesehen zu haben, in einer Cafeteria.

Auch die Bergener Polizei hat beim Nachrichtendienst angefragt, ob es im Archiv Unterlagen zum Isdal-Fall gebe. Angeblich findet man nichts, abgesehen von den Papieren, die auch die NRK-Journalisten bekommen haben. Zu denen aber gehört das komplette Inhaltsverzeichnis einer Akte. Sie besteht aus 50 einzelnen Dokumenten. Wo sind all diese Seiten?

An einem kalten Dezembermorgen 2017 treffen sich in der Sanitätsakademie der Bundeswehr in München-Milbertshofen Zahnärzte aus 19 Nationen. Viele sind Militärärzte, weshalb das Audimax sich mit unterschiedlichsten Uniformen füllt. Schulterklappen, Tarnfleck, goldene Hosennähte. Dazwischen eine ältere Dame in Zivil. Schwarze Hose, rotes Jackett, wirres Haar, schwere Erkältung. Das ist Sigrid Kvaal aus Norwegen, Professorin der Zahnmedizin und Mitglied des Osloer Identifizierungsteams. Viele im Saal kennen sich noch aus Thailand: Wie Sigrid Kvaal haben sie nach dem Tsunami geholfen, Tausende von Toten zu identifizieren.

Sigrid Kvaal stellt den Fall der Isdal-Frau vor, auf Englisch. Auf der Leinwand hinter ihr sind nun Fotos vom Fundort der Leiche zu sehen. Der Körper der Toten auf dem Steinensemble, der zerfetzte Schal, die Trinkflaschen. Und: Fotos des Gebisses. Die Isdal-Frau hatte miserable Zähne, wie viele Menschen damals. Da ist nicht nur die breite Lücke zwischen den Schneidezähnen. Sigrid Kvaal hat 14 Wurzelfüllungen gezählt. Zu sehen sind umfangreiche Zahnarbeiten aus Amalgam und Gold, sehr viel Gold. Spuren von Parodontose sind deutlich zu erkennen, an einem Zahn hatte die Tote eine Infektion. Die Frau war aufwendig behandelt worden – arm war sie nicht.

Kvaal erklärt, bei den Kronen handle es sich um Ringdeckelkronen, gefertigt aus mehreren Teilen, vermutlich in den sechziger Jahren. Ringdeckelkronen machte man in Skandinavien nicht, weshalb schon Sigrid Kvaals Vorgänger bei medizinischen Kongressen stets die Frage stellte, die jetzt auch Sigrid Kvaal stellt: Kennt jemand im Saal solche Arbeiten?

Eine Rechtsmedizinerin aus Stockholm meldet sich. Sie stamme ursprünglich aus Polen, sagt sie, dort habe sie bei älteren Menschen oft solche Goldkronen gesehen. In Südosteuropa sei so etwas ebenfalls gemacht worden. Ein Professor aus Halle, der auch für Interpol arbeitet, sagt: Die Kronen könnten gut aus Deutschland sein. Mit der Technik habe man im Westen wie im Osten gearbeitet – das viele Gold spreche aber seiner Ansicht nach eher für den Westen.

Als Sigrid Kvaal nach Oslo zurückfliegt, weiß sie: Ringdeckelkronen wurden auch in Buenos Aires gemacht, in Estland erst später, in der Schweiz gar nicht. In Frankreich und den Beneluxstaaten war die Technik ebenfalls verbreitet. Deutschland, Frankreich, Benelux – das klingt gut. Es passt zu den anderen Ermittlungsergebnissen, zur Isotopenanalyse, zur Handschriftanalyse, zu den Meldezetteln. Das Problem ist jetzt: Wie grenzt man die Suche ein? Wenn man bloß das Geburtsjahr wüsste.

Im November 2017 jährte sich der Tod der Isdal-Frau zum 47. Mal. Das Identifizierungsteam wird jetzt nicht mehr von Per Angel geleitet, er ist in Pension, seinen Posten hat ein anderer: Harald Skjønsfjell, auch er nicht mehr jung. Nun darf er hoffen, seine Karriere mit der Lösung ihres Falls zu krönen.

Am Montag dieser Woche sitzt Harald Skjønsfjell im Büro der Kriminalpolizei in Oslo. Wieder sind die Journalisten von NRK dabei. Gemeinsam warten sie auf die jüngsten Laborergebnisse. Diesmal ist es der Kalte Krieg selbst, der ein Puzzleteil der Antwort liefern soll.

In den fünfziger und sechziger Jahren brachte das Wettrüsten den Planeten an den Rand des dritten Weltkriegs. Die Erinnerung an die Dramatik jener Jahre ist im Knochen und im Zahnschmelz der Menschen gespeichert. Das hat mit oberirdischen Atomwaffentests zu tun, die zwischen 1955 und 1963 durchgeführt wurden. Sie erhöhten die Anzahl der gebundenen radioaktiven C14-Atome in der Atmosphäre jener Jahre drastisch – ein Phänomen, das man als "Bomben-Effekt" bezeichnet. Kanar Alkass, eine Rechtsmedizinerin aus Stockholm, hat sich darauf spezialisiert, anhand von C14-Konzentrationen im Zahnschmelz nachzuweisen, in welchem Jahr eine Person geboren wurde. Die Tests sind bis auf anderthalb Jahre genau. Allerdings nur für Menschen, deren Zähne sich von 1955 an im Wachstum befanden. Deshalb funktioniert diese Methode nur bei Menschen, die im Jahr 1955 maximal elf Jahre alt waren – die also 1944 oder später geboren wurden.

Wer kann Hinweise geben?

"Die Isdal-Frau war ein Prä-Atomtest-Mensch", sagt Kanar Alkass. Geboren vor 1944. Ein zusätzliches, noch wenig erprobtes Verfahren deutet sogar auf eine Geburt zwischen 1926 und 1930 hin. Wenn das stimmt, dann haben sich einige Augenzeugen verschätzt und die Rechtsmediziner auch. Dann war die Isdal-Frau Anfang 40, als sie starb.

Die Polizisten hatten sich mehr erträumt. Sie sind enttäuscht. Und sie erlauben sich eine neue Hoffnung. Vielleicht hat man die Frau in den Vermissten-Datenbanken ja nur nicht gefunden, weil man nach einer zu jungen Vermissten suchte? Vielleicht geben die Datenbanken nach einem neuen Abgleich doch noch etwas her? Die größte Hoffnung des derzeitigen Ermittlungschefs Harald Skjønsfjell aber ist, dass irgendwo in Deutschland, in Frankreich, in Belgien ein alter Polizeibeamter von den Ermittlungen in Oslo hört und sich an einen Vermisstenfall erinnert. Irgendwo, denkt er, könnte ein Polizist in einem alten Handarchiv nachsehen, in einer Kartei, die noch nicht im Computersystem von Interpol erfasst ist, und vielleicht den Namen einer Frau finden, die zwischen 1926 und 1944 geboren wurde und die 1970 verschwand.

Nachdem die norwegischen Journalisten über die Isdal-Frau berichtet haben, auch über Staatsanwalt Carl Halvor Aas, der als einer der Ersten am Fundort war, klingelt in dessen Bungalow am See das Telefon. Die Stimme hört sich nach einem älteren Herrn an, er spricht mit deutlichem Westküsten-Akzent, wie die Leute in Stavanger. Er sei dort beim Militär gewesen, sagt der Mann. Und: "Ich war mit der Frau zusammen."

Aas könnte den Mann nun nach dessen Namen und Nummer fragen, aber er hat die Reflexe des Staatsanwalts verloren. Er ist zu perplex. Und er erkennt die Bedeutung des Anrufs nicht. Erst im Gespräch mit der ZEIT erzählt Aas Monate später von dem Anruf, beiläufig.

Dem Mann am Telefon sagt er, er möge sich an die Kriminalpolizei wenden oder den Fernsehsender NRK.

Wollte der Anrufer sagen, dass er eine Beziehung mit der Frau hatte, oder einfach nur, dass er sie getroffen hat? Warum hat er so lange geschwiegen? Aus Angst?

Aas denkt nach. Er sagt: "Wenn es Mord war, könnte der Täter uns alles erzählen." Ein Mord aus dem Jahr 1970 kann nicht mehr bestraft werden. Erst 2014 wurde in Norwegen die Verjährungsfrist für Mord aufgehoben – alle Taten davor verjährten nach 25 Jahren.

Im Isdal-Fall ermittelt die Polizei nicht mehr, um einen Täter zu finden. Sie ermittelt, weil sie von der Isdal-Frau lernen will, weil sich an ihr neue Techniken ausprobieren lassen. Und sie ermittelt, um eine Tote zu identifizieren. Um eines Tages einem Bruder, einer Schwester, einem Cousin oder einer Nichte erzählen zu können, was mit ihrer Verwandten geschehen ist.

Der Anrufer hat sich nie wieder gemeldet, seine Nummer lässt sich nicht mehr zurückverfolgen. Weder die Polizei noch die Journalisten haben von ihm gehört.