Von all seinen Talenten macht ihn diese Eigenart besonders unwiderstehlich. Selbst auf schlichte Fragen antwortet Jupp Heynckes nicht nur freundlich, sondern auch hoch konzentriert. In solchen Momenten beginnen seine Augen zu rollen, die Adern an Hals und Stirn im Licht der Scheinwerfer zu glänzen. Wie es denn sei, will ein Reporter wissen, wenn Trainer Heynckes während der Halbzeitpause in der Kabine zu schimpfen beginne? Oder anders gefragt: Wird ein Jupp Heynckes überhaupt laut? "Haben Sie das nötig?"

Ist die Frage vielleicht zu intim? Der Trainer des FC Bayern schweigt und denkt nach. "Schon Hennes Weisweiler hat gesagt", erwidert er dann, "Fußball ist kein Honigschlecken." Ein Satz aus der großen Gladbacher Fußballzeit. Liege ja schon etwas zurück, aber gültig sei die Mahnung noch immer. "Professionalität muss man lernen", fügt Heynckes hinzu. Gewiss werde er laut, aber nur, um sich Ruhe auszubitten, bevor er das Wort ergreife. "Ich liebe die Stille."

Mönchengladbach, Ende November 2017. In wenigen Stunden beginnt das Heimspiel der Borussia gegen Bayern München. Kein Match wie viele andere. Heynckes ist zu seinen Wurzeln zurückgekehrt, ein Spiel gegen Gladbach ist wie ein Spiel gegen sich selbst.

Hier ist er geboren, aufgewachsen, hier hat er damals rund um den Bökelberg für die Großen die Bälle aufgesammelt – "für eine D-Mark die Stunde". Stuckateur hat er gelernt, bis es so weit war und ihn Hennes Weisweiler in seine Fohlenelf berief, in diese unglaubliche Mannschaft mit Günter Netzer als geistige Mitte und den Vollstreckern Berti Vogts, Henri Lefevre und Hacki Wimmer.

Mehr als fünfzig Jahre ist das nun her. Und jetzt sitzt Heynckes da auf dem Podium des Gladbacher Dorint-Hotels und streicht mit der Hand die weiße Tischdecke glatt. Die Pressekonferenz vor dem Spiel, "Mensch Jupp!" Wie es ihm gehe? "Ich kenne hier alle!", sagt der Bayern-Trainer leise. Auf die Schulter haut ihm keiner, das tut man bei ihm nicht. Er trägt ein blaues, kurzärmeliges Hemd, das sehnige, gebräunte Arme freilegt. Er macht einen trainierten Eindruck, jedenfalls wirkt er fitter als noch vor Wochen beim Pokalspiel der Bayern in Leipzig. Während der ersten Halbzeit fing Heynckes’ Nase zu bluten an, was irgendwie zu dem passte, was seine Leute auf dem Rasen vorführten. So schlimm war es, dass er in der Pause das Hemd wechseln musste und sich die Fernsehzuschauer fragten, ob sich Heynckes mit diesen Bayern nicht doch zu viel zugemutet habe.

Das Thema hat sich offenbar erledigt. Das Ödem in der Nase sei inzwischen verschlossen, hat er den Journalisten mitteilen lassen. Es gehe ihm gut, "ich fühle mich so wie immer, spritzig, jung". Das sagt Heynckes gerne über sich. Das ändere aber nichts daran, dass er in München nur "eine Übergangslösung" sei. "So müssen Sie das sehen!" Wenn sich Jupp Heynckes da mal nicht irrt.

Sicher, 72 Jahre ist er mittlerweile alt. Aber noch immer hat er dieses beneidenswert volle Haar, das manchen vermuten lässt, er käme gerade vom Friseur. Obwohl er so viele Jahre in Spanien verbracht, dort Sprache und Kultur verinnerlicht hat, spricht er nach wie vor ein seltsames akkurat-emotionsfreies Niederrheinisch, eine Sprache, die jeder verstehen kann. Offenbar auch seine Spieler, egal von welchem Kontinent sie stammen. Das ist schon mal ein Pfund, jedenfalls für ein Training aus Sicht des FC Bayern mit der Erfahrung der vergangenen Jahre.

Was hat er, was andere nicht haben?

Was noch schwerer wiegt: Es ist ja sonst keiner da. Wer gern will, der kann nicht. Julian Nagelsmann sitzt mindestens noch ein Jahr in Hoffenheim fest, Ralph Hasenhüttl kann in Leipzig nicht weg und Nico Kovač nicht in Frankfurt. Und Joachim Löw kommt so richtig auch nicht infrage. Sollte der Bundestrainer nach der Weltmeisterschaft amtsmüde sein, dürfte er zunächst zu einem Sabbatical tendieren. Das kann dauern. Weshalb die Bayern immer wieder auf den Namen Heynckes verfallen. Und der kommt mit seinen Dementis kaum nach: Nach dieser Saison sei Schluss. Ganz klar. Verlängern? Auf keinen Fall.

In einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung kurz vor Weihnachten hat der Trainer eindringlich auf das Schicksal von Cando verwiesen. Cando ist der Name seines Schäferhundes, das große Foto zu dem Artikel vermittelt den Eindruck besonderer Vertrautheit zwischen Cando und Heynckes. Der Trainer bezeichnet den Hund "als treuesten Freund", der mittlerweile auch schon über zwölf Jahre alt sei. Wer sich nur etwas auskennt mit Tieren, der weiß, was das heißt. Viel Zeit bliebe da nicht mehr, hat Heynckes den SZ- Reportern vorgerechnet. Cando auf dem heimischen Bauernhof am Niederrhein, er selber über die Woche in einem Münchner Hotel – das sei auf die Dauer ganz unerträglich.

Was hat Jupp Heynckes, was andere nicht haben? Welche Qualitäten braucht jemand, der seinen Platz einnehmen und ihn ersetzen kann. Was macht eigentlich dieser Trainer mit seinen Spielern? Vier Jahre im Ruhestand, mit Cando an seiner Seite, dann ruft Hoeneß an, und Heynckes übernimmt. Und siehe da, alle richten sich an ihm auf. Ein kleines Wunder, was da geschieht.

Wie macht er das? Es gibt Fragen, die sich einfacher beantworten lassen. Und wohl auch präziser.

Vor wenigen Tagen ist der FC Bayern von einer Übungswoche in der wohligen Wärme von Katar in die heimische Kälte zurückgekehrt. Solche Trainingslager bieten Gelegenheit, den Spielern etwas näher zu kommen, als dies sonst möglich ist. Man kann mit ihnen plaudern und bei der Gelegenheit auch über ihren besonderen Trainer sprechen.

Was zum Beispiel kommt jemandem wie Arjen Robben in den Sinn, wenn er an Heynckes denkt? "Wir kennen ihn und wissen, was wir an ihm haben. Er weiß genau, was er von seinen Spielern verlangt." Ähnlich zugewandt äußert sich Abwehrmann Rafinha: "Jupp ist ein super Trainer, ein Vater, der immer für einen da ist, der immer zu helfen versucht. Wir haben großen Respekt vor ihm."

Etwas abwägender sieht Thomas Müller das Wirken von Heynckes. "Wie viel Einfluss der Trainer auf die Ergebnisse hat, ist nicht wirklich messbar." Es sei schon wahr, "wir spielen ein bisschen anders". Damals unter Führung von Carlo Ancelotti habe man sehen können, "dass die Mannschaft vielleicht nicht hundertprozentig zusammen agiert – und das tun wir nun schon". Und weil Müller einmal in Fahrt gekommen ist, bremst er weise die aufkommende Begeisterung. "Wir haben jetzt sehr, sehr viele Spiele mit einem Tor Unterschied gewonnen. Es war nicht so, dass wir in den letzten Wochen einfach durchmarschiert sind."

Was also kann Jupp Heynckes, was andere nicht können? Um welche Gabe ist dieser Mann zu beneiden? Was ist seine Rezeptur, welche Ideen rumoren in ihm, wenn er da leicht abwesend über die Trainingswiese in Doha schlendert?

Magier unter sich

Warum darüber nicht mit Günter Netzer sprechen. Nachdem Franz Beckenbauer verstummt ist, ist nur er noch da, um letzte historische Fragen im Fußball zu klären. Es hilft, dass Netzer, 73, selbst ein Magier gewesen ist, damals in Gladbach, in der großen Zeit. Karl Heinz Bohrer, der Fußball-Philosoph, schrieb in der FAZ: "Was damals an Kombinationen zwischen Netzer, Lefevre und Heynckes ablief, war unerhört, war an Arroganz nicht mehr überbietbar, an präziser Brisanz der Aggression ungesehen." Günter Netzer also.

Er hat für das Gespräch ein Hotel in Frankfurt am Main vorgeschlagen. Wenn er die Lobby durchquert, dann hat er noch immer diesen leicht schlurfenden Schritt, dann kommt er immer noch aus der Tiefe des Raumes. Die Haare trägt Netzer unerschütterlich fast noch genauso undefinierbar wie damals, sie fallen auf ein dunkles Sakko, Schwarz war immer seine Lieblingsfarbe, auch bei den Ferrari.

Jupp Heynckes? Blind verstanden haben sie sich. "Wir waren nahe an der Perfektion. Manchmal stand ich mit dem Rücken zu ihm und wusste trotzdem, wohin er läuft. Und wenn mein Pass nicht ankam, habe ich ihm gesagt, dass er falsch gelaufen sei." Magier unter sich, sie dürfen sich so etwas wohl sagen.

Als Netzer hörte, dass Heynckes wieder als Trainer zu den Bayern geht, hat er ihm zu dieser Entscheidung gratuliert und dem Verein "zu dieser großartigen Idee". Und das Alter? "Ich sage, der ist in seinem Kopf nicht 72. Heynckes hat, obwohl er vier Jahre kein Trainer war, als Trainer weitergelebt. Dem ist nichts abhandengekommen."

"Für Günter wäre ich gelaufen, bis ich tot umfalle." Berti Vogts Liebeserklärung hat immer noch Bestand. Er wiederholt sie gerne. Das Verhältnis zwischen Netzer und Heynckes war das einer Zweckgemeinschaft, ein Verbund, der ohne Absprachen auskam. Eingeübte Spielzüge? Taktische Zwänge? Ach was. "Wir waren großartig", sagt Günter Netzer, "weil wir aus dem Nichts plötzlich etwas gemacht haben. "Es ist gelaufen, und wir wussten nicht, warum es gelaufen ist." Meisterklasse.

Und Intuition. "Er ist intuitiv großartig gewesen", für Netzer ist es kein Wunder, dass sich Heynckes als Trainer dieser Gabe weiter bedient. Netzer erwähnt den großen Ernst Happel, auch so ein Unikat unter den Trainern dieser Welt. Dessen Minimalismus hat Netzer imponiert: "Der hat mit den Spielern nicht geredet, macht einfach, hat der gesagt, und die haben das gemacht und deshalb laufend gewonnen."

Bohrers Lobeshymne in der FAZ hatte Netzer damals zunächst gar nicht gelesen. Jahre später erst ist er dazu gekommen. Hat ihn dann natürlich gefreut.

Vor wenigen Monaten bekam Netzer sechs Bypässe. Er findet, dass sich das Körpergefühl mit einem solchen Eingriff verändert. So sei er neuerdings nur noch ärgerliche 1,78 Meter groß. "Zwei Zentimeter sind verloren gegangen." Durch die Operationen? Kann eigentlich nicht sein. Aber warum dann?

Die Pressekonferenz mit Jupp Heynckes in Mönchengladbach ist unspektakulär zu Ende gegangen. Das Spiel der Bayern nicht. Verloren. 1 : 2. Warum? Nun, sie haben’s einfach nicht gemacht.

Mitarbeit: Johannes Dudziak