Warum darüber nicht mit Günter Netzer sprechen. Nachdem Franz Beckenbauer verstummt ist, ist nur er noch da, um letzte historische Fragen im Fußball zu klären. Es hilft, dass Netzer, 73, selbst ein Magier gewesen ist, damals in Gladbach, in der großen Zeit. Karl Heinz Bohrer, der Fußball-Philosoph, schrieb in der FAZ: "Was damals an Kombinationen zwischen Netzer, Lefevre und Heynckes ablief, war unerhört, war an Arroganz nicht mehr überbietbar, an präziser Brisanz der Aggression ungesehen." Günter Netzer also.

Er hat für das Gespräch ein Hotel in Frankfurt am Main vorgeschlagen. Wenn er die Lobby durchquert, dann hat er noch immer diesen leicht schlurfenden Schritt, dann kommt er immer noch aus der Tiefe des Raumes. Die Haare trägt Netzer unerschütterlich fast noch genauso undefinierbar wie damals, sie fallen auf ein dunkles Sakko, Schwarz war immer seine Lieblingsfarbe, auch bei den Ferrari.

Jupp Heynckes? Blind verstanden haben sie sich. "Wir waren nahe an der Perfektion. Manchmal stand ich mit dem Rücken zu ihm und wusste trotzdem, wohin er läuft. Und wenn mein Pass nicht ankam, habe ich ihm gesagt, dass er falsch gelaufen sei." Magier unter sich, sie dürfen sich so etwas wohl sagen.

Als Netzer hörte, dass Heynckes wieder als Trainer zu den Bayern geht, hat er ihm zu dieser Entscheidung gratuliert und dem Verein "zu dieser großartigen Idee". Und das Alter? "Ich sage, der ist in seinem Kopf nicht 72. Heynckes hat, obwohl er vier Jahre kein Trainer war, als Trainer weitergelebt. Dem ist nichts abhandengekommen."

"Für Günter wäre ich gelaufen, bis ich tot umfalle." Berti Vogts Liebeserklärung hat immer noch Bestand. Er wiederholt sie gerne. Das Verhältnis zwischen Netzer und Heynckes war das einer Zweckgemeinschaft, ein Verbund, der ohne Absprachen auskam. Eingeübte Spielzüge? Taktische Zwänge? Ach was. "Wir waren großartig", sagt Günter Netzer, "weil wir aus dem Nichts plötzlich etwas gemacht haben. "Es ist gelaufen, und wir wussten nicht, warum es gelaufen ist." Meisterklasse.

Und Intuition. "Er ist intuitiv großartig gewesen", für Netzer ist es kein Wunder, dass sich Heynckes als Trainer dieser Gabe weiter bedient. Netzer erwähnt den großen Ernst Happel, auch so ein Unikat unter den Trainern dieser Welt. Dessen Minimalismus hat Netzer imponiert: "Der hat mit den Spielern nicht geredet, macht einfach, hat der gesagt, und die haben das gemacht und deshalb laufend gewonnen."

Bohrers Lobeshymne in der FAZ hatte Netzer damals zunächst gar nicht gelesen. Jahre später erst ist er dazu gekommen. Hat ihn dann natürlich gefreut.

Vor wenigen Monaten bekam Netzer sechs Bypässe. Er findet, dass sich das Körpergefühl mit einem solchen Eingriff verändert. So sei er neuerdings nur noch ärgerliche 1,78 Meter groß. "Zwei Zentimeter sind verloren gegangen." Durch die Operationen? Kann eigentlich nicht sein. Aber warum dann?

Die Pressekonferenz mit Jupp Heynckes in Mönchengladbach ist unspektakulär zu Ende gegangen. Das Spiel der Bayern nicht. Verloren. 1 : 2. Warum? Nun, sie haben’s einfach nicht gemacht.

Mitarbeit: Johannes Dudziak