Jetzt hat es also das Sams erwischt. Für alle, die gerade nicht so im Thema sind: Das Sams ist ein merkwürdiges Wurstwesen mit struppigen roten Haaren und einer riesigen Schweinenase, das irgendwann im Jahr 1973 aus einem Paralleluniversum in das kleine Leben eines gewissen Herrn Taschenbier plumpste und dort Geschichte um Geschichte alles durcheinanderbringt. Nun, im neunten Band der Kinderbuchreihe von Paul Maar, ist aus dem eher unansehnlichen Quälgeist ein niedliches Frätzchen geworden, das mit einem dynamischen Lächeln über die Seiten federt. Meine Kinder finden das neue Sams "supersüß". Ich finde es schrecklich.

Na ja, könnte man jetzt sagen: Das Sams ist ein Kinderbuch, und wenn’s den Kindern gefällt, wo ist das Problem? Aber das Sams ist eben nicht irgendein Kinderbuch, sondern das letzte Buch eines der größten lebenden deutschen Kinderbuchautoren, der als professioneller Grafiker die ersten acht Sams-Bände selbst illustriert hat. Und es ist bei Weitem nicht die einzige Kinderbuchfigur, die in den vergangenen Jahren durch die Niedlichkeitsmühle gedreht wurde.

Erinnern Sie sich noch an die Pippi Langstrumpf aus Ihren Kindertagen, dieses kleine runde Mädchen mit dem viereckigen Gesicht? Ist einer gertenschlanken, stupsnasigen Person gewichen, der man später durchaus eine Laufstegkarriere zutrauen würde. Oder an Ronja, die zottelige Tochter des sentimentalen Räuberhauptmanns Mattis? In der neuen Comic-Ausgabe von Astrid Lindgrens Alterswerk erscheint sie als glutäugige Schönheit, die schwarzen Locken so wohlgeordnet, als käme sie gerade vom Friseur. Und was ist mit Christine Nöstlingers feuerroter Friederike passiert, die in der Originalausgabe nicht nur sehr rothaarig, sondern auch sehr, sehr dick war? Mit Pumuckl, um auch mal ein Beispiel aus der Welt des Fernsehens zu bringen? Zahnspange und Abmagerungskur?

Als das ZDF vor fünf Jahren in der neuen 3-D-Verfilmung aus der pummeligen Biene Maja und ihrem noch pummeligeren Freund Willi zwei Hungerhaken mit Flügeln machte, lautete die Begründung, übergewichtige Bienen entsprächen nicht mehr dem Zeitgeist. Die Sehgewohnheiten hätten sich verändert. Das stimmt. Auch ich zucke regelmäßig zusammen, wenn ich in einem alten Film die ungezupften Brauen, die buschigen Achselhöhlen, die fetten Hintern und die schiefen Zähne der Helden meiner Achtziger-Jahre-Kindheit sehe. Krasseste Beispiele: die speckige Madonna aus der Desperately Seeking Susan-Phase und das Dracula-Gebiss des jüngeren David Bowie. Und wenn selbst ein cooler Hund wie David Bowie sich das Mundwerk normieren lässt, warum soll das Sams mit Wurstkörper und Schweinerüssel alt werden? Was spricht dann dagegen, Pippi größer und schlanker und Friederike hübscher zu machen? Nun, vielleicht dass Bowie in diesem Punkt ein schlechtes Vorbild war.

Es gehört längst zur kulturkritischen Folklore, die glatten Bilder von makellosen Menschen, die seit Jahren aus allen Kanälen auf uns einströmen, zu beklagen und darin ein Zeichen eines fehlgeleiteten Optimierungswahns zu sehen, der jungen Leuten viel Stress mit ihren nicht ganz so optimalen Körpern macht. Zumindest theoretisch verachten aufgeklärte Gegenwartsmenschen ja nichts mehr als Gleichmacherei. Wir feiern die Buntheit, die Vielfalt, neudeutsch diversity. Wir achten darauf, allen Abweichungen von der Norm mit größter Zugewandtheit zu begegnen, und sind peinlich darum bemüht, beim Sprechen jedes Klischee zu vermeiden, das jemand als demütigend empfinden könnte.

Auch die Kinder kennen die Dos und Don’ts im Schlaf. Unsere älteste Tochter hat uns erst kürzlich mit der Erkenntnis verblüfft, dass der Ausruf "Alter Schwede!" eine Beleidigung der "nordeuropäischen Ureinwohner" sein könnte. Erwachsenen, die ihrer afrodeutschen Freundin durch die krausen Haare fahren wollen, haut sie sofort auf die Finger. Schon mit neun hat sie ein gutes Gespür für jede Form von Übergriff; in der Schule lernt sie, dass Toleranz ein hohes Gut ist und fat shaming eine böse Sache. Jede zweite Mail, die ich von der Direktorin bekomme, endet mit dem Satz "Wir sind alle anders".

Nur, wie bitte schön geht das zusammen, dass wir überall die Diversität feiern, sie aber gleichzeitig aus unserer Bilderwelt verbannen? Weil wir gar nicht wollen, was wir so gerne wollen würden? Weil wir nicht aushalten, was wir irgendwie schon wollen? Weil wir in unserem Selbstbild so tief verunsichert sind, dass wir uns trotz aller Bekenntnisse heute mehr nach der Banalität normierter Schönheit sehnen denn je? Da sollte man mal einen Psychoanalytiker dransetzen.

Bei den Kinderbüchern, von denen hier die Rede ist, sticht der Widersinn noch offensichtlicher ins Auge. Seit Jahren schon werden Pippi, Ronja, Friederike, das Sams als Vorbilder für aufmüpfiges und unangepasstes Verhalten herumgereicht. Man benennt Spielplätze, Kindergärten und Grundschulen nach ihnen. Außerdem kokettiert man gerne damit, früher auch mehr so der Ronja-Typ gewesen zu sein. Das muss nicht stimmen, kommt aber gut an. Denn deutsche Eltern wünschen sich Kinder, die so wild und frei sind wie die Helden ihrer Bücher. Oder glauben sie das nur? Fürchten sie sich womöglich davor, dass ihre Kinder tatsächlich so werden, und sind deshalb insgeheim beruhigt, wenn selbst die crazy Pippi jetzt aussieht wie eine höhere Tochter am Casual Friday?

Die Verlage jedenfalls sagen: Wir machen, was sich verkauft. Und die Erfahrung zeige nun mal, dass auch vermeintlich beliebte Klassiker in den Buchhandlungen verstauben, wenn ihre Aufmachung nicht auf der Höhe der Zeit ist. Da sind wir wieder bei den Sehgewohnheiten. Doch entsprachen diese Figuren jemals irgendwelchen Sehgewohnheiten? Lag ihre Wucht nicht gerade darin, dass sie nicht zum Vorbild taugten?