ZEIT: Am Abitur doktern die Länder seit 70 Jahren herum. Stärker vergleichbar wurde es nicht.

Voges: Das stimmt nicht. Die Länder haben sich etwa auf einen Pool von Aufgaben geeinigt, aus denen sie sich in den Abiturprüfungen bedienen. Allerdings reicht das bei Weitem nicht aus. Denn die Länder bestücken nur einen Teil ihrer Aufgaben aus dem Pool, sie können sie verändern, und es fehlen einheitliche Bewertungsstandards.

Jungkamp: Hinzu kommt, dass die Schüler in den Bundesländern unterschiedliche Kurse, beispielsweise in den Naturwissenschaften, verpflichtend ins Abitur einbringen müssen. In einigen Bundesländern kann man Kurse bei schlechten Noten streichen, in anderen nicht. Von einem einheitlichen Abitur sind wir weit entfernt.

ZEIT: Es gibt Berechnungen, wonach dieselben Einzelnoten je nach Fächerkombination in Hamburg einen Abi-Schnitt von 2,6 ergeben, in Bayern 3,0, und in Baden-Württemberg hätte der Schüler das Abitur nicht bestanden.

Lange: Das darf nicht sein. Das Abitur ist eines der wichtigsten Zertifikate in Deutschland, denn es eröffnet oder verschließt Lebenschancen. Wir brauchen hier eine größere Einheitlichkeit. Deshalb fordern wir, dass in den Kernfächern – Deutsch, Mathematik, Fremdsprachen und Naturwissenschaften – Teile der Abituraufgaben überall in Deutschland identisch sind.

ZEIT: Bisher hieß es immer, ein Zentralabitur sei in Deutschland allein wegen der unterschiedlichen Ferienzeiten unmöglich.

Jungkamp: Das Problem lässt sich lösen. Wenn Wirtschaft und Tourismus eine stärkere Angleichung der Ferienzeiten im Sommer absolut nicht wollen, ließen sich zwei Abiturgruppen bilden: Länder mit einem frühen Ferienbeginn hätten die schriftliche Abiturprüfung zum Beispiel am 15. März, jene mit einem späteren am 15. April.

Voges: Selbst bei einer einheitlichen Prüfung an einem Tag blieben den Ländern aber noch genügend Spielräume: in der mündlichen Prüfung etwa oder in den Inhalten der Oberstufenkurse, deren Noten ja ebenso fürs Abitur zählen. Zentralabitur ist keine Gleichmacherei. Gleiche Anforderungen sind jedoch eine notwendige Voraussetzung für weniger Bildungsungleichheit.

ZEIT: Schüler wie Lehrer dürfte vor allem umtreiben, wie sich die Abiturnoten infolge einheitlicher Aufgabenniveaus entwickeln.

Jungkamp: Wieso?

ZEIT: Dank der regelmäßigen Vergleichstests wissen wir, dass die leistungsschwachen Bundesländer den leistungsstärkeren in der neunten Klasse bis zu zwei Lernjahre hinterherhinken. Wenn die Prüfungsanforderungen im Abitur deutschlandweit dieselben sind, treten diese Unterschiede auch im Abitur deutlich zutage. Konkret: Die Abi-Noten in Bremen oder Nordrhein-Westfalen dürften schlagartig schlechter werden, jene in Sachsen oder Bayern dagegen besser.

Jungkamp: Das sind Spekulationen. Aber unser Ziel ist, dass sich die Abituranforderungen auf einem insgesamt hohen Niveau angleichen. Zum Glück wissen wir aus der Bildungsforschung, dass sich hohe Anforderungen auszahlen; eine hohe Messlatte bringt auch hohe Leistungen hervor, überall in Deutschland.

ZEIT: Auch bei der Inklusion fordern Sie mehr Einheitlichkeit. Hier gehen aber die Interpretationen, was Inklusion bedeutet, noch weit auseinander.

Jungkamp: Fakt ist, dass es eine UN-Konvention gibt, welche die Bundesrepublik Deutschland unterschrieben hat. Danach darf niemand aufgrund einer Behinderung von einer allgemeinbildenden Schule ausgeschlossen werden. Da kann es nicht angehen, dass die Bundesländer diese Regelung jeweils etwas anders auslegen ...

ZEIT: ... "etwas anders" ist untertrieben.

Voges: Es stimmt, die regionalen Unterschiede bei der Umsetzung der Inklusion sind unerträglich hoch. So werden in Bremen mehr als 80 Prozent der Förderschüler gemeinsam beschult, während der Inklusionsanteil in Hessen bei circa 25 Prozent liegt. Man ist sich noch nicht einmal darüber einig, wer überhaupt ein Förderschüler ist.