ZEIT: Was meinen Sie?

Voges: Es gibt in Deutschland kein einheitliches diagnostisches Verfahren, um zu klären, wer eine sonderpädagogische Förderung benötigt. Das führt dazu, dass der Anteil der Förderschüler in Rheinland-Pfalz bei 5,8 Prozent liegt, in Mecklenburg-Vorpommern jedoch bei 10,8 Prozent. Und ich kann mir nicht vorstellen, dass die Schüler in den beiden Bundesländern so unterschiedlich sind.

ZEIT: Was schlagen Sie vor?

Lange: Wir bieten hier keine Patentlösung an. In einer Großstadt mit vielen Schulen wird es immer einfacher sein, einen gemeinsamen Unterricht anzubieten, als auf dem Land. Allerdings müssen die Bundesländer zu einem Verständnis kommen, wie es uns die UN-Behindertenrechtskonvention aufgibt. Dieser Appell zum Konsens richtet sich übrigens nicht nur an die Bildungspolitiker, sondern auch an die Finanzminister. Inklusion kostet Geld, aber es geht um unsere Kinder und damit um unsere Zukunft.

Jungkamp: Das ist zentral. Es kann nicht sein, dass Eltern in dem einen Bundesland ein Recht auf gemeinsamen Unterricht ihres Kindes haben, während wenige Kilometer weiter dieses Recht unter Haushaltsvorbehalt steht.

ZEIT: Bisher hat die KMK es aber nicht geschafft, diese Gegensätze auszugleichen. Nun fordern Sie, die Bundesländer sollten einen neuen Staatsvertrag schließen. Was wollen Sie denn damit erreichen?

Voges: Es geht um die Gleichwertigkeit der Bildungsverhältnisse in Deutschland und auch darum, den Bildungsföderalismus zu stärken. Dafür sollen sich die Länder bei wesentlichen Themen auf Regelungen einigen, die für ganz Deutschland gelten. Dazu gehören ein einheitlicher Übergang von der Grundschule in die weiterführende Schule, die Inklusion, eine zentrale Abiturprüfung mit identischen Aufgaben in den Kernfächern sowie Vereinbarungen für eine länderübergreifend vergleichbare Ausbildung und Besoldung von Lehrern. Ebenso sollte man überlegen, ob wir wirklich in 16 Ländern 16 eigene Schulformen oder -bezeichnungen in der Sekundarstufe I benötigen. Gleiche Schulformen sollten zumindest den gleichen Namen tragen.

Lange: Ein Bildungsstaatsvertrag erscheint uns dafür das Instrument mit der höchsten Verbindlichkeit und demokratischen Legitimation. Denn alle Bundesländer müssten einem solchen Abkommen zustimmen. Deshalb richtet sich unser Schreiben an die Ministerpräsidenten.

ZEIT: Ein Staatsvertrag muss 16 Landesparlamente passieren, deren Abgeordneten eine nationale Bildungspolitik meist ziemlich egal ist.

Voges: Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Einigung der Länder daran scheitert. Zudem darf ich daran erinnern: Der letzte Bildungsstaatsvertrag ist das "Hamburger Abkommen". Es stammt aus dem Jahr 1964 ...

ZEIT: ... da sind Sie selbst alle drei noch zur Schule gegangen, die Abiturquote lag bei acht Prozent, und von Inklusion hatte noch niemand auch nur im Entferntesten etwas gehört.

Jungkamp: Eine Neufassung liegt also durchaus nahe. Das böte auch der KMK selbst die Gelegenheit, ihre Arbeitsweise zu überdenken.

ZEIT: Es gibt ehemalige Minister, die berichten, dass in der KMK nur weichgespülte Kompromisse abgenickt werden und man kontroverse Themen ausspart. So sei über die wichtige Frage "G8 oder G9?" in der KMK niemals offen diskutiert worden.

Voges: Das kann ich nicht bestätigen. Richtig ist aber, dass die Entscheidungsfindung in der KMK recht starr und ritualisiert ist. Strittige Themen durchlaufen eine Reihe von Ausschüssen und Kommissionen, erst dann werden sie den Ministern, die sich viermal im Jahr treffen, vorgelegt. Auch die einjährige Präsidentschaft ist zu überdenken.