Jungkamp: Die Lösungen sind oft gut, mitunter richtungsweisend. Ich erinnere an die Entscheidung, für die wichtigsten Fächer Bildungsstandards festzusetzen, an denen sich der Unterricht heute orientieren kann. Genauso häufig einigt man sich aber nur auf den kleinsten gemeinsamen Nenner und spart den eigentlichen politischen Konflikt aus.

Voges: Deshalb sagen wir: Die Kultusministerkonferenz braucht eine Erfrischung, die Minister benötigen mehr Zeit für den politischen Diskurs. Sie müssen nicht nur schneller reagieren, sondern Bildungspolitik proaktiv gestalten und dabei insbesondere ihrer gesamtstaatlichen Verantwortung besser gerecht werden.

ZEIT: Einfacher wäre es, dem Bund mehr Mitspracherechte in der Schulpolitik zu geben, so wie es die Mehrheit der Bevölkerung will.

Lange: Die Verantwortung für die Schulpolitik muss bei den Bundesländern liegen, aus historischen Gründen wie aus Gründen des Wettbewerbs. Das hat das Bundesverfassungsgericht mehrmals unterstrichen. Ein Bundesministerium, das den Ländern ihre Bildungspolitik vorschreibt, kann und darf es deshalb nicht geben.

ZEIT: Das ist klassische CDU-Position. Zumindest in diesem Punkt müssten die Herren von der SPD es anders sehen.

Jungkamp: Überhaupt nicht. Auch wir Sozialdemokraten wollen den Bildungsföderalismus ja nicht abschaffen. Niemand hat mir bislang erklären können, dass man in Berlin besser als in den Landesregierungen weiß, was die Schulen vor Ort in Hannover oder auf der Schwäbischen Alb brauchen. Anders sieht es bei der Finanzierung aus. Die Bildungskosten sind in den vergangenen Jahren extrem gestiegen. Obwohl die Länder ihre Bildungsausgaben immens gesteigert haben, wird es ohne die Hilfe des Bundes hier nicht gehen.

ZEIT: Die SPD ist deshalb für die Abschaffung des sogenannten Kooperationsverbotes. Sie auch?

Voges: Der Bund muss die Länder unterstützen: ob beim Kita-Ausbau, bei Ganztagsschulen, bei der Schulmodernisierung, der Inklusion, der Integration von Flüchtlingskindern oder der Digitalisierung der Schulen. Ich habe da große Erwartungen an die nächste Bundesregierung. Ob man für ein größeres finanzielles Engagement des Bundes tatsächlich das Grundgesetz ändern muss oder nicht, müssen andere entscheiden.

ZEIT: Bleibt eine letzte Frage: Wieso machen Sie drei all diese interessanten Vorschläge, um die KMK zu reformieren, erst jetzt?

Voges: Angesichts regional sehr ungleich verteilter Bildungschancen und der zunehmend geringen Akzeptanz des Bildungsföderalismus in der Öffentlichkeit sehen wir Handlungsbedarf – und zwar für die Länder selbst. Sie müssen ihre Verantwortung für die Bildungspolitik in Deutschland stärker wahrnehmen und politisch offensiv vertreten.