Am Montag begeht die so ehrwürdige wie umstrittene Kultusministerkonferenz (KMK) in Berlin ihren 70. Geburtstag. Es wird Reden geben, Musik und Häppchen. Eine gediegene Festveranstaltung für die Bildungspolitiker des Landes. Hoffentlich tragen sie alle Namensschildchen, um einander zu erkennen.

Denn die KMK ist ein rasantes Personalkarussell geworden, in dem nachhaltige Ideen und Visionen kaum noch Zeit haben, sich zu entwickeln. Im vergangenen Jahr traten gleich sechs neue Politiker das Amt an; in den letzten zwei Jahren haben insgesamt zehn von sechzehn Bundesländern neue Bildungsminister bekommen: Baden-Württemberg, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen. Knapp zwei Drittel der amtierenden Bildungsminister also sind in ihrem Amt mehr oder minder Novizen. Kaum eine Einarbeitungszeit gewährte man kürzlich in Sachsen Frank Haubitz, der schon nach acht Wochen wieder entlassen wurde. Udo Michallik, 49, eigentlich noch ein junger KMK-Generalsekretär, ist mit seinen sechs Dienstjahren längst ein Veteran. Nur zwei Kultusminister sind länger im Amt als er: der Bayer Ludwig Spaenle (CSU) und der Hamburger Schulsenator Ties Rabe (SPD); Spaenle amtiert seit Oktober 2008, Rabe seit März 2011.

Diese schnellen Personalwechsel sind ein Symptom für ein ernstes Problem: Die deutsche Bildungspolitik gerät gerade personell aus den Fugen.

Früher wurde die Kultusministerkonferenz, in der sich die Minister der 16 Bundesländer oft mühsam auf gemeinsame Ziele verständigen, gern als "griechische Landschildkröte" verspottet; inzwischen kommt die Runde gar nicht mehr zur Ruhe. Sie ist zu einem Start-up-Unternehmen geworden, das über den Start nicht hinauskommt. Diese Kurzatmigkeit ist neu bei der Ständigen Konferenz der Kultusminister der Länder in der Bundesrepublik Deutschland, die schon länger besteht als ebendiese Bundesrepublik. Sie ist eine Besonderheit unter den deutschen Institutionen, die sich dadurch erklärt, dass laut Grundgesetz die Bundesländer für die Schulen und Hochschulen und für die Kulturpolitik zuständig sind ("Kulturhoheit der Länder"). In der KMK stimmen die zuständigen Landesminister ihre Politik ab, damit für die Schulen und Hochschulen in ganz Deutschland vergleichbare Regeln gelten – was ihnen manchmal gut, oft aber weniger gut gelingt.

Dass eine Konferenz von Ministern aus 16 Bundesländern immer wieder neu zusammengesetzt wird, ist normal. Der Wechsel in politischen Ämtern ist notwendig, er gehört sogar zwingend zur Demokratie. Inzwischen aber geht der ständige Ministerwechsel der Bildungspolitik an die Substanz. Kaum eingearbeitet, verlassen viele Minister schon wieder ihren Posten. Nicola Beer, die jetzige FDP-Generalsekretärin, amtierte nur 20 Monate als hessische Kultusministerin, die CDU-Frau Marion Schick bekleidete das Amt 15 Monate lang in Baden-Württemberg, ihre SPD-Kollegin Vera Reiß in Rheinland-Pfalz hielt ganze 18 Monate durch. Es sind nicht nur Neuwahlen, die einen Ministerwechsel mit sich bringen. Manche waren schon nach kurzer Zeit amtsmüde, andere passen ihren Chefs nicht mehr in den Kram.

Im Gegensatz zu vielen ihrer Kabinettskollegen steht ein Kultusminister ständig im Fokus einer erregten Öffentlichkeit. Eltern und Lehrer liegen auf der Lauer. Kaum kehrt einmal Ruhe ein, beschweren sich zuverlässig "die Wirtschaft" oder empörte Professoren über den angeblich schlecht ausgebildeten Nachwuchs und treiben das KMK-Labor zu neuen Experimenten an. Dabei gilt seit je die Weisheit: "Mit Bildungspolitik kann man keine Wahlen gewinnen, aber man kann mit ihr Wahlen verlieren." Doch obwohl sich die Parteien in der Schulpolitik einander angenähert haben, ist das Amt des Kultusministers mehr und mehr zum Schleudersitz geworden.

Die Aufregung ist verständlich. Es geht schließlich um die Zukunft der Kinder, der Wirtschaft, der ganzen Gesellschaft. Aber gerade weil Bildungspolitik so wichtig ist, gerät sie aus dem Takt, wenn sie hektisch betrieben wird. Sie müsste innehalten, Bilanz ziehen, Fehlentwicklungen stoppen, neue Ideen auf den Weg bringen. Dazu bleibt vielen Kultusministern kaum Zeit. Neu im Amt, müssen sie sich erst einmal zurechtfinden, dann oftmals unausgegorene Wahlkampf-Parolen in praktische Politik umsetzen. Zur wichtigsten Aufgabe – den richtigen Rahmen für die Schulen zu schaffen, damit sie die Schüler in Ruhe auf das Leben vorbereiten können – kommen viele Kultusminister gar nicht mehr.

Vor allem aber fördert der andauernde Ministertausch eine riskante Geschichtslosigkeit der Bildungspolitik. Vielen der jetzt amtierenden Minister ist kaum bewusst, dass es eine Zeit "vor Pisa" gab. Eine Zeit erbitterter Grabenkämpfe vor allem zwischen Sozialdemokratie und Union. Jahrzehnte ideologischer Schlachten, in denen Wortgefechte wichtiger waren als konkrete Verbesserungen an den Schulen. Eine Zeit, in der Sozialdemokraten und Grüne die Worte "Leistung" und "Anstrengung" kaum in den Mund genommen haben – und in der andererseits Unionspolitiker die vorschulische Bildung und Ganztagsschulen als Angriff auf die Familie bekämpft haben.

Es waren Jahrzehnte des Stillstands.

Die Wende zum Besseren wurde 1997 eingeleitet. Damals haben Kultusminister aller Couleur die Teilnahme an Schulleistungsvergleichen à la Pisa beschlossen. Gemeinsam wollte man endlich Klarheit darüber erlangen, was die Schüler wirklich wissen und können, nicht nur – worüber man davor verbissen stritt –, was sie wissen und können sollten. Die Zeit des bildungspolitischen Blindflugs war vorbei. Seitdem gehen die Kultusminister durchaus kritisch mit sich selbst ins Gericht. Sie beauftragen regelmäßig Bildungsforscher, die Schulen zu untersuchen. Schneiden die deutschen Schüler oder die des jeweiligen Bundeslandes gut ab, gibt es ein flüchtiges Lob, andernfalls werden die Kultusminister mit Kritik überzogen.

Dieser mutige Schritt, die Selbstreflexion der KMK zu verstetigen, wäre nicht möglich gewesen, wenn nicht schon damals eine Runde von Minister-Lehrlingen getagt hätte. Entscheidend war, dass solch erfahrene Politiker wie Hans Zehetmair (CSU) oder Jürgen Zöllner (SPD) sich zusammenrauften und an einem Strang zogen – man kannte und schätzte sich schon lange. Zehetmair war seit 1986 bayerischer Kultusminister, Zöllner seit 1991 Bildungsminister von Rheinland-Pfalz. Sie wirkten noch bis in die 2000er in die Kultusministerkonferenz. "Wir wussten aufgrund langjähriger Erfahrung, dass wir um der Sache willen einander vertrauen konnten", erinnert sich Jürgen Zöllner. "Nur so konnten wir die Erwartung der großen allgemeinen Politik abwehren, Unterschiede deutlich zu machen."