Das Büro, in das die US-amerikanische Mayo Clinic einige Mitarbeiter versetzte, zeigte ungewöhnliche Macken. Es schien dort zu spuken: Jede Woche veränderte sich ein Detail. Mal schienen die Lampen an der Decke in einer anderen Farbe, mal kühlte es sich merklich ab. Nach einem Monat wurde es auch noch laut. Ständig klingelten Telefone, Drucker surrten, Stimmen von Menschen, die gar nicht da waren, erfüllten den Raum.

Die Klinikangestellten waren jedoch nicht in einem Geisterhaus gelandet, sondern im Labor. Der Lärm kam aus Lautsprechern. "Wir wollten die störenden Geräusche aus Großraumbüros imitieren", sagt Brent Bauer, Professor für Innere Medizin an der Mayo Clinic in Rochester. Bauer ist der medizinische Kopf eines riesigen Büro-Experiments. Im 700 Quadratmeter großen "Well Living Lab" testet er zusammen mit anderen Ärzten, Wissenschaftlern und Experten für Wohnkonzepte, wie der Arbeitsplatz Laune und Leistung beeinflusst.

Sie untersuchen, ob Stehtische für die Gesundheit besser sind. Ob Licht über das Mittagstief hinweghelfen kann. Und in welcher Umgebung Mitarbeiter besonders produktiv sind. Dafür lassen sich Wände herausnehmen oder hinzufügen, aus Einzelbüros werden Gruppen- oder Großraumflächen. Büromöbel sind austauschbar, die Tönung der Fenster, die Beleuchtung, die Temperatur oder die Luftqualität lassen sich verändern. Und die Mitarbeiter mit allerlei Geräuschen beschallen.

In Echtzeit können sich die Forscher im Regieraum auf großen Bildschirmen anschauen, wie die Probanden auf die Umgebung reagieren. Kameras übermitteln die Bilder. Biometrische Armbänder zeichnen Körperfunktionen wie Herzschlag und Leitfähigkeit der Haut auf – so lässt sich messen, was im Laborbüro stresst und was den Nerven guttut. Außerdem erfassen Sensoren in Bürostühlen und im Boden, wie sich der arbeitende Mensch am Platz und im Raum bewegt.

Für die Totalüberwachung zu Testzwecken hat Brent Bauer einen guten Grund: Gemäß einer Studie der Weltgesundheitsorganisation gingen 23 Prozent der Todesfälle im Jahr 2012 auf Umwelteinflüsse zurück. "In 90 Prozent unserer Zeit halten wir uns in Räumen auf", sagt Bauer. Und in kaum einer anderen Umgebung sind wir so lange wie am Arbeitsplatz. Allein in Deutschland arbeiten rund 18 Millionen Menschen im Büro. Kein Wunder also, dass sich Forscher dafür interessieren, wie der Arbeitsplatz Wohlbefinden und Gesundheit beeinflusst.

Zu den häufigsten Ursachen für Beschwerden in Büros gehört der Lärm – vor allem dann, wenn man nicht allein arbeitet. Das stellten Jungsoo Kim und Richard de Dear von der Universität Sydney fest, als sie die Urteile von mehr als 40.000 US-Angestellten in über 300 verschiedenen Bürogebäuden auswerteten. Rund ein Viertel der Menschen, die ihren Arbeitsraum teilen mussten, beklagten sich über Lärm. In Einzelbüros fühlte sich nur jeder Zehnte durch Geräusche gestört.

Dieselben Klagen sind in Deutschland zu hören – ihre Ursachen untersucht das Fraunhofer-Institut für Bauphysik in Stuttgart. "Besonders störend sind die Gespräche von Mitarbeitern", sagt der Psychologe Andreas Liebl. Er ist Leiter der Gruppe Psychoakustik und kognitive Ergonomie und hat mit seinen Kollegen ebenfalls ein Bürolabor eingerichtet. Im HiPIE-Labor (High Performance Indoor Environment) versuchen die Wissenschaftler herauszufinden, welche Einflüsse auf die Stimmung drücken und die Arbeit stören. So haben sie festgestellt, dass das Gehirn Stimmen anderer nur sehr schlecht ausblenden kann. "Versteht man, was der Kollege am Telefon bespricht, hört man automatisch mit", sagt Liebl. Als Folge davon sei die Konzentration gestört, die Leistungsfähigkeit sinke, wenn das Gespräch keinen Bezug zur eigenen Tätigkeit hat.