Kommen knallende Türen, piepende Faxgeräte oder Straßenlärm dazu, lässt es sich kaum noch in Ruhe arbeiten. Nach einer Studie des Marktforschungsinstituts Ipsos verliert der durchschnittliche Büroarbeiter pro Tag bis zu 86 Minuten produktiver Arbeitszeit wegen Unterbrechungen durch Lärm. Die Dauerbeschallung kostet nicht nur Arbeitszeit, sie wirkt sich auch auf den Körper aus. Es drohen Kopfschmerzen, Muskelverspannungen und Schlafstörungen. Wer bei der Planung von Büros an den falschen Stellen spare, der mache eine Milchmädchenrechnung auf, ist Liebl überzeugt: "Die Folgekosten aus Kündigungen, Krankschreibungen und Leistungsminderung können später erheblich sein."

Die Forschung kennt zwar schon länger etliche Faktoren, die der Gesundheit schaden. Doch viele Studien kamen bislang entweder aus einem herkömmlichen Labor, oder es wurden einzelne Faktoren in Standardsituationen untersucht. Mit Experimenten wie im HiPIE oder im Well Living Lab können Forscher heute unter fast realen Bedingungen überprüfen, wie sich die Studienergebnisse auf den modernen Büroalltag übertragen lassen. Vor allem lässt sich ermitteln, wie die einzelnen Einflussfaktoren miteinander verwoben sind. Wie hängen Raumtemperatur und Luftqualität zusammen? Und warum ist der Einfluss von Licht, Luft und Lärm ein anderer, wenn man nicht gerade einen PowerPoint-Vortrag hält, sondern über einer komplizierten Berechnung grübelt?

"Ob eine Arbeitsumgebung die richtige ist, hängt immer auch von den eigenen Aufgaben ab", sagt Liebl. Licht zum Beispiel fördert je nach seiner Zusammensetzung die Konzentration, die Kreativität oder die Entspannung. Genauso ist die Frage, ob man sich besser abschottet oder mit Kollegen umgibt, nicht einfach zu beantworten.

Norman Triplett lieferte dazu bereits im Jahr 1889 eine erste wissenschaftliche Erkenntnis. Der US-amerikanische Psychologe hatte Kinder eine Angelschnur aufwickeln lassen. Eine denkbar leichte Aufgabe. Wenn noch andere Kinder dabei waren und zusahen, arbeiteten sie schneller, als wenn sie allein wickeln mussten. Ähnliche Untersuchungen gab es seitdem viele – mit komplexeren Befunden. Die Ergebnisse ändern sich nämlich schlagartig, wenn man den Schwierigkeitsgrad der zu lösenden Aufgabe verändert. So scheint die Leistung bei komplexen und anspruchsvollen Arbeiten in Gegenwart anderer zu sinken.

Wie also könnte er aussehen, der Spagat zwischen Austausch und Konzentration, zwischen Kommunikation und Ruhe? Eine Möglichkeit sind separate Räume, in die sich Mitarbeiter zurückziehen, wenn sie konzentriert an Strategien oder Kalkulationen arbeiten müssen. Außerdem haben Forscher schallabsorbierende Materialien entwickelt, die man auf Decken oder Trennwänden anbringen kann, um die akustische Luftverschmutzung zu reduzieren.

Dieser Text gehört zu ZEIT Doctor – dem Ratgeber, der hilft, gesund zu bleiben.

Noch eine Idee wird in langfristigen Versuchen getestet: Wenn die Wissenschaftler der Mayo Clinic ihre Arbeiter im Well Living Lab mit Großraumbürolärm beschallen, spielen sie nach einiger Zeit auch ein sogenanntes Sound-Masking ein. Die Idee dahinter: Der Bürolärm sollte in einer monotonen Geräuschkulisse untergehen. Offenbar funktioniert’s: In den USA kann man das Sound-Masking in einigen Büros bereits hören. "In Deutschland hat sich eine komplette Raumbeschallung nicht durchgesetzt", sagt Liebl. "Hier legen Mitarbeiter Wert darauf, dass sie ihre Umgebung selbst regulieren können." Zusammen mit seinen Fraunhofer-Kollegen hat der Psychoakustiker daher eine Stehleuchte entwickelt, die nur den eigenen Arbeitsplatz mit Geräuschen einlullt. Da kann jeder selbst die Lautstärke regulieren – und wählen, mit welcher Art von Rauschen er beim Arbeiten zur Höchstform auflaufen will.

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