Erfolg ist ein Bumerang: Je heftiger Marina Rollman ihn von sich wirft, desto heftiger kommt er zurück. Dabei gibt sich die 29-Jährige ziemlich Mühe mit dem Wegwerfen. Abgebrochenes Studium, Instant-Ausbildung zur Komikerin per YouTube und dann 2009 der erste Auftritt an einem Wettbewerb für Profis in Paris. In einem leeren Saal. Vor vier erbarmungslosen Juroren. Rollman brauchte fünf Jahre, um sich von der Klatsche zu erholen.

Zweiter Anlauf in der Schweiz: Marina Rollman gewinnt den ersten Nachwuchswettbewerb, an dem sie teilnimmt. Die Karriere startet steil. Rollman macht Stand-up-Comedy. Heißt, sie tritt als Komikerin ohne Kostüm, ohne Rollenspiel auf. Heißt, es gibt kein Netz, kein Versteck, die Pointen müssen sitzen. Bereits 2015 titelt Le Temps: Marina Rollman ist die neue Hoffnung des welschen Humors. Rollman sei überall und vor allem: Sie sei richtig lustig.

Und was macht die Gepriesene? Wirft alles weg: "Ich wollte Floristin werden. Oder Metzgerin." Hauptsache, etwas Richtiges, erzählt sie in der Küche ihrer Altbauwohnung in Genf. Rollman trägt einen übergroßen Schlabberpulli, Leggins, Mütze. Eine zierliche Frau mit enorm großen Augen, deren Blick man unwillkürlich folgt, wenn sie beim Nachdenken intensiv den Küchentisch mustert.

Warum sie 2016 ein zweites Mal den Beruf aufgeben wollte? Die schnellen Nummern für die Medien, die wöchentlichen Auftritte für den Sender Couleurs 3, online für Carac Attack (beides RTS) und für Radio France Inter erschöpfen sie. "Dieses dauernde, schnelle Schreiben von Kolumnen, das laugte mich aus." Also sagte sie alles ab, meldete sich für einen Kurs als Floristin an. "Aber dann sagte ich mir: Du kannst eine Sache wirklich, nämlich lustig sein. Warum solltest du etwas ganz anderes machen?"

Also startet Marina Rollman noch einmal neu. Mit nur noch einer fixen Kolumne für Radio France Inter und zwei Auftritten die Woche mit ihrem Bühnenprogramm Un spectacle drôle in Paris und Genf. Und wieder trifft sie der Erfolg mit voller Kraft. Die Kleinbühnen sind ausverkauft, die Gefolgschaft im Netz wächst rasant: Vor einem Jahr sahen sich kaum 100.000 Leute ihre Videos an, inzwischen sind es mehr als eine halbe Million.

Von Würsten zum Klimawandel: Rollman denkt die Dinge zu Ende

Im Frühjahr 2017 trat sie in Lausanne am Forum der hundert einflussreichsten Personen der Romandie auf, neben Bundesrat Alain Berset und Frankreichs Ex-Außenminister Bernhard Kouchner. Und sie tat dort, was sie oft tut: Beginnt mit einer persönlichen Anekdote, einem Erlebnis im Wartezimmer, verwebt diese mit Alltagsdialogen und People-Geschichten und stichelt dann gegen das Publikum. Gegen die anwesenden Ärzte und Forscher, die eben noch über personalisierte Medizin, künstliche Intelligenz und Big Data referiert hatten. "Sind Ihre Ambitionen nicht etwas voreilig, etwas hochgegriffen?", frotzelt sie. "Sie befassen sich mit dem Genom, und dabei haben Sie noch nicht einmal das Problem des kalten Stethoskops gelöst?" Zum Schluss führt sie die Utopie von der besseren Medizin, vom besseren Menschen an ihr bitteres Ende: "Eines Tages besiegen wir den Krebs, wir sind dann alle 1,90 Meter groß – und marschieren in Polen ein!"

Marina Rollman ist als französisch-schweizerische Doppelbürgerin in Genf aufgewachsen. Die Art, wie, und das Tempo, mit dem sie spricht, sind eindeutig französisch. Wenn sie von ihrer Herkunft erzählt, ihre Patchwork-Familie skizziert, dann schwirrt einem schnell der Kopf. Die Kürzestversion lautet: Schon die Großeltern waren Musiker, die Mutter Schauspielerin.

Sie allerdings sucht nicht die Bühne: "Ich will schreiben." Das hört man den Texten an: Sie improvisiert nicht, nein, ihre Nummern leben von Feinheiten, sie sind dicht und präzise. Das sei essenziell, weil Missverständnisse ihre größte Angst seien, sagt sie. Trotzdem sind die Nummern nicht pädagogisch, nicht überdeutlich. Können sie schon deshalb nicht, weil Rollman in einem Affenzahn durch ihre Texte rast. Wobei sie über sich selbst schimpft, sie lese zu viel Englisch, ihre Sprache sei arm geworden. Auf dem Küchentisch liegt die New York Times, darunter der New Yorker.

Hier, an diesem Tisch, entsteht ihr Werk. Während der regulären Bürozeiten. "Die Idee vom chaotischen Künstlerleben, wo man die ganze Nacht durcharbeitet, macht mir Angst." Außerdem wolle sie sich auch nicht sozial völlig isolieren.