Verboten sind: Erniedrigung, Entwürdigung, Beleidigung. Hat aber nicht gewirkt

Die Rechtslage ist ja klar. Richtlinie der Europäischen Union 2006/54 – verbietet "jede Form von unerwünschtem Verhalten sexueller Natur, das sich in unerwünschter verbaler, nicht-verbaler oder physischer Form äußert und das bezweckt oder bewirkt, dass die Würde der betreffenden Person verletzt wird". Untersagt ist im Einzelnen: Einschüchterung, Anfeindung, Erniedrigung. Entwürdigung, Beleidigung. Hat aber nicht gewirkt. Gewalt gegen Frauen nennt die EU "eines der verbreitetsten Verbrechen dieser Zeit".

In Deutschland gilt seit 2016 das Gesetz zur Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung. Es gibt ein Beschwerderecht. Und doch. Nicht genug. Und die schöne Rechtsauffassung, die grundlegend für jede Rechtsstaatlichkeit ist – dass jemand unschuldig ist, solange er nicht in einem Rechtsverfahren für schuldig befunden wurde –, auch gegen sie verstößt der #MeToo-Diskurs jeden Tag. Männer verlieren ihre Existenz, ohne rechtmäßig angeklagt zu werden oder sich auch nur verteidigen zu können.

Rechtsstaatlich also: ein Desaster. Rührend der Versuch in Schweden, durch mehr Gesetz mehr Sicherheit zu kaufen. In Schweden, das seit Jahrzehnten zur Gendergerechtigkeit nachsitzt, aber für Ernstfälle immer noch 600 Plätze in 161 Frauenhäusern benötigt, als Schutz für Frauen vor gewalttätigen Männern. Das, was Zygmunt Bauman "Zukunftshoffnung" nennt, könnte einem abhandenkommen.

Woher die Gewalt? Was ist mit Männern los? Der amerikanische Autor James Baldwin hat es erklärt. " Sie mussten seit vielen Jahren und aus zahllosen Gründen glauben, dass Frauen den Männern unterlegen sind." Er schreibt: "Die Frau hat in der Welt des Mannes wie ein Fixstern gewirkt, wie eine unverrückbare Stütze, und sowie die Frau sich von ihrem rechtmäßigen Platz bewegt, geraten Himmel und Erde bis ins Fundament ins Wanken." Natürlich hat James Baldwin nicht über Frauen und Männer, er hat über Schwarze und Weiße geschrieben. Wir haben die Begriffe getauscht, damit man sieht, wie ähnlich Diskriminierung wirkt. Wie ungebrochen die Machtverhältnisse sind, Jahrhunderte nach Erklärung der Menschenrechte für Frauen (1791), nach 100 Jahren Bürgerrechtsbewegung, die Frauen jetzt hervorzerren, für ihre Bedürfnisse, #TimesUp. Wie man in Amerika sagt: It’s who we are. Wir sind so. Die Frage ist: Wollen wir so sein?

Der Staat ist seltsam säumig, die Gleichstellung von Mann und Frau mit jener Energie umzusetzen, die Artikel 3, Absatz 2 der Verfassung fordert. In Paris aber beraten sich in diesen Tagen 300 Experten für eine Anhörung im Parlament, um Ideen, Vorschläge und Konzepte zu entwickeln, wie Hilfe strukturell wirksam werden könnte. Da geht’s lang.

Hilfreich wäre, wenn in dieser Krise öffentliche Personen einen Standard setzten: Gewalt? Erniedrigung? Dulden wir nicht! Man stelle sich vor, Frau Merkel meldete sich zu Wort, warum nicht Til Schweiger? Konzertierte Aktion, mit Moritz Bleibtreu und anderen männerstilbildenden Buddies? Oder Frau Emcke, die den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels bekam?

Der Arbeitgeber hat eine Verpflichtung, eine geschützte Arbeitszone zu schaffen, nur jeder fünfte Beschäftigte weiß das überhaupt. Es braucht Vertrauenspersonen sowie Räume, in denen offen geredet werden kann. Und natürlich Betriebsvereinbarungen für: no tolerance. Hat sogar im verbrechensverpesteten New York gewirkt.

Für den Rest gilt, sich klarzumachen, wer denn wen belästigt und warum. Die Täter sind keineswegs nur die Weinsteins, die Bosse, am häufigsten sind es Kollegen auf der gleichen Hierarchiestufe. Wenn endlich nicht nur arrivierte Frauen sprächen, die alles überstanden haben, sondern auch jene jungen Frauen, die so schutzlos erscheinen, dass sie Opfer werden, könnte noch viel zu hören sein. 19 Prozent der Opfer sind übrigens Männer. Überdurchschnittlich oft sind Migranten die Opfer. So viel dazu.

Die Antidiskriminierungsstelle der Bundesrepublik Deutschland stellt fest: "Durch sexuelle Belästigung wird Macht demonstriert, Konkurrenz ausgeübt oder Respektlosigkeit zum Ausdruck gebracht."

Also nix mit Erotik.