Als ich zum ersten Mal den Tag der Toten, den día de los muertos, in Mexiko besuchte, stürzte ich fast über Mexiko-Stadt ab, weil unerwartet ein Flugzeug auf der Landebahn stand. Der Pilot zog das Flugzeug, in dem ich saß, steil nach oben, und ich war die Einzige, die vor Angst schrie, während meine mexikanischen Mitreisenden stoisch schwiegen.

Wenige Stunden später wanderte ich über die prächtig geschmückten Friedhöfe, bewunderte die Altäre mit den Lieblingsspeisen und Getränken der Verstorbenen, die mit knallbunten Blumen verzierten Gräber, die mit Tagetesblättern bestreuten Wege für die Toten. Ich staunte über Säuglinge in Skelettkostümen und tanzte mit einem als Tod verkleideten Menschen auf der Straße. Ich trank zu viel Mezcal, sang inbrünstig die Lieder der Mariachi-Bands auf den Friedhöfen mit und begann mir einzureden, der Mexikaner habe ein viel lässigeres Verhältnis zum Tod als wir.

Nee, hat er nicht. Er bemüht sich nur tapfer um eine andere, schwer nachzuahmende Haltung. Sie verbindet, was bei uns als unvereinbar gilt: Heiterkeit und tiefe Trauer. Wie soll man das als Deutsche hinkriegen? Ich habe süße Brötchen verschlungen, die mit Knochen verziert sind und pan de muertos heißen, habe meine Berufsgruppe als Skelettversion erstanden und herzlich gelacht über einen kleinen, sich immer noch sehr wichtig nehmenden Knochenregisseur. Ich bin in ein U-Bahn-Abteil gestolpert, in dem nur Skelette saßen. Habe einen der lucha libre- Kampf besucht, bei denen der Tod mit allen anderen ringt und unter Applaus gewinnt. Aber wie soll ich einen der hübschen Zuckerschädel mit dem Namen des Geliebten beschriften und ihn dann auch noch aufessen?

Ich kaufe gleich eine ganze Batterie und verschiebe es auf später, irgendwann ... Als ich zu Hause ankomme, sind alle Zuckerschädel zerbrochen bis auf einen. Bis heute kann ich keinen Namen draufschreiben. Schaffe ich einfach nicht.