DIE ZEIT: In den USA gibt es gerade eine regelrechte Drogenepidemie, täglich sterben mehr als hundert Menschen an ihrer von Schmerzmitteln wie Oxycontin ausgelösten Sucht. Wie wurden Sie davon abhängig?

Nan Goldin: Es wurde mir 2014 vor einer Operation in Berlin verschrieben. Ich wurde quasi über Nacht abhängig und ließ es mir ein Jahr lang von Ärzten verschreiben. In Deutschland ist es nicht so einfach, an Oxycontin heranzukommen. Später ging ich nach New York zurück, wo mich mein Dealer zuverlässig versorgte. Oxy ist eines der am schnellsten abhängig machenden Pharmazeutika auf dem Markt.

ZEIT: Wie wirkt das Mittel?

Goldin: Am Anfang wird einem noch etwas übel, aber nach einem Tag fühlt es sich wie Heroin oder ein anderes Opiat an. Die Angst verschwindet aus deinem Kopf. Es ist ein warmes Gefühl. Aber nach einer Weile muss man höhere Dosen nehmen. Selbst wenn man das Mittel wie verschrieben nimmt, kann man abhängig werden. Die Gefahren der Abhängigkeit wurden von den Herstellern jahrelang kleingeredet, sie haben Oxycontin massiv beworben.

ZEIT: Ist es deshalb auch in der Mittelklasse so weit verbreitet?

Goldin: Das zieht sich durch alle Milieus und Klassen in den USA. Es sind auch viele Arbeiter in ländlichen Regionen davon abhängig. Aber in den Nachrichten ist es jetzt nur, weil die weiße Mittel- und Oberschicht betroffen ist. Und wenn die Sacklers und ihr Pharmaunternehmen nicht gestoppt werden, wird sich diese Krise auch in Europa ausbreiten.

ZEIT: Die Hersteller verweisen auf ihre Bemühungen, gegen den Missbrauch vorzugehen. Wie gefährlich war diese Droge für Sie?

Goldin: Ich bin beinahe gestorben. Wenn ich mir Oxy nicht mehr leisten konnte, griff ich zu anderen Drogen. Ich habe schließlich eine Überdosis Fentanyl genommen und war 2017 für zweieinhalb Monate in einer Entzugsklinik.

ZEIT: Kennen Sie auch andere Künstler, die abhängig von Oxycontin sind?

Goldin: Ich kenne Künstler, die sich von der Abhängigkeit erholen. Oxy ist keine soziale Droge, man will sich nicht mit anderen Menschen umgeben. Es ist nicht wie Kokain oder Ecstasy. Man hört auf, ein soziales Wesen zu sein. Ich lebe in New York, Paris und Berlin, und während der Sucht reiste ich nur mehr von einem meiner Schlafzimmer zum nächsten.

ZEIT: Hatte die Droge Einfluss auf Ihre Kunst?

Goldin: Ich habe viel auf dieser Droge gearbeitet. Ich habe gezeichnet und gemalt. Es ist einfacher, auf Opioiden zu arbeiten. Auch die Drogen selbst habe ich fotografiert und meinen Zustand dokumentiert. Doch in den letzten Monaten meiner Sucht konnte ich nicht mehr. Und dann war da diese unheimlich große Angst, dass ich ohne die Droge krank werde. Der Entzug ist der reine Terror. Eine große Dunkelheit. Aber jetzt kämpfen wir.

ZEIT: Sie haben im Magazin Artforum die Gründung einer Initiative angekündigt. Warum ist das ein Thema für ein Kunstmagazin?

Goldin: Nachdem ich in den vergangenen Monaten Artikel über die Ursprünge dieser Drogenkrise gelesen hatte, beschloss ich, mich zu engagieren, und gründete mit zwölf anderen die Initiative P.A.I.N. (Prescription Addiction Intervention Now). Ich fragte mich, wie man die Familie Sackler erreichen kann, deren Unternehmen Purdue das Schmerzmittel Oxycontin erfunden und aggressiv vertrieben hat. Die Sacklers sind Kunstmäzene, sie haben viele Millionen Dollar von dem Vermögen, das sie mit dem Verkauf des Mittels verdient haben, an Museen gespendet und so versucht, sich weißzuwaschen. Die Museen haben Blutgeld von Drogendealern angenommen.

ZEIT: Bekommen Sie schon Reaktionen?

Goldin: Ja, von Elizabeth Sackler, die darauf Wert legt, dass sie keine Gewinne aus dem Verkauf von Oxycontin gezogen hat. Doch ihre Onkel Mortimer und Raymond und deren Erben sollen mit ihrer Firma Purdue seit der Einführung von Oxycontin 1996 rund 35 Milliarden Dollar Umsatz gemacht haben. Seither sind in den USA mehr als 180.000 Menschen an den Folgen ihrer Abhängigkeit von verschiedenen Opioiden gestorben. Deshalb wollte ich aktiv werden. Fast jeder US-Amerikaner kennt einen Menschen, der an den Folgen dieser Epidemie gestorben ist. Ich beginne jetzt mit der Arbeit an einem Film und einer Fotoserie, so will ich die Opfer sichtbar machen.

ZEIT: Zu den Museen, die ganze Gebäudeflügel oder Treppenhäuser nach den Sacklers benannt haben, gehören das Metropolitan Museum, das Guggenheim Museum, der Louvre, die Tate Gallery und das Jüdische Museum in Berlin. Wollen Sie jetzt in diesen Museen protestieren?

Goldin: Es wird zahlreiche Aktionsformen geben, darüber kann ich aber noch nicht reden. Ich verlange nicht, dass die Museen den Sacklers die Millionen zurückgeben. Unsere Gruppe fordert nur, dass Museen und kulturelle Institutionen in Zukunft kein Geld mehr von ihnen annehmen. Meines Wissens agiert das Globe Theater in London bereits in diese Richtung.

ZEIT: Aber ist das Geld von Philanthropen nicht in den meisten Fällen schmutzig? Und ist es nicht besser, wenn Milliardäre ihr Geld in Museen stecken, statt es für große Jachten oder Villen auszugeben?

Goldin: Wir fordern, dass die Sacklers Geld in die Lösung jener Probleme stecken, die sie mit ihren Produkten geschaffen haben. Sie sollen in Suchtzentren, Bildung und Drogenprävention investieren. Warum stiften die Sacklers statt eines Museumsflügels nicht eine große Entzugsklinik mit ihrem Namen über dem Eingang?