Ohne dass er es als moralische Attitüde vor sich hertragen müsste, ist dieser Roman des 1983 in Tirol geborenen Robert Prosser eine Schule der Empathie und der Demut vor den Versehrungen, die politische Konflikte in Biografien brennen. Nicht nur angesichts des strammen Rechtsrucks der schwarz-blauen Regierung in Österreich, in deren Programm der repressive Umgang mit Asylsuchenden einen zentralen Aspekt ausmacht, möchte man diese Schule möglichst vielen angedeihen lassen. Für den Rest des zerbröckelnden, sich auf nationale Interessen kaprizierenden Europas gilt dies nicht minder.

Der erste Teil von Phantome spielt 2015 in Wien, im Jahr mithin der Flüchtlingskrise, die allerdings nicht ins Blickfeld des Ich-Erzählers rückt, viel zu stupide kreist dieser junge Sprayer um sich selbst und die vermeintliche Bedeutsamkeit der Zeichen, die er heimlich auf Waggons oder Tunnelwände sprüht. Prosser unterlegt diese nächtlichen Aktionen mit einem ausgestellt lässigen, rhythmisierten und mit Szene-Vokabular versetzten Sound, dessen Angemessenheit nicht ausschließt, dass er von einer gewissen enervierenden Angestrengtheit ist: "Occupy, von wegen. Vergiss die Maske, Guy Fawkes gehört Warner Bros. Alle machen auf Riot, aber eigentlich ist’s Merchandise. Vielleicht sind die Namen, die man an Wände taggt, auf Züge und Mauern sprayt, einfach nur echter und ehrlicher als die bürgerlichen."

Spuren hinterlassen, Besonderheit generieren – das wird als Manier des behüteten, auf die Priorität der Individualität getrimmten Bewohners der westlichen Sphäre umso deutlicher im Kontrast zu den Schicksalen, die Prosser im zweiten, umfassenderen Teil seines Romans aufruft. Der Ich-Erzähler, motiviert durch seine Freundin Sara, deren Mutter als junge Frau während des Bosnienkrieges fliehen musste, ist zu einer Reise nach Tuzla aufgebrochen. Zunächst findet er die Kultur, auf die er dort trifft, auf diffuse Weise spannend, lässt sich gar zu naiven Vergleichen zwischen den Gesetzen und Konkurrenzen der Graffiti-Szene und den Mechanismen des Krieges hinreißen.

Nach und nach aber werden ihm die Wunden bewusst, von denen die Menschen durch einen Krieg gezeichnet sind, von dem er kaum eine Ahnung hat. Nun sprüht er keine Spuren seiner selbst mehr, sondern sucht nach jenen Spuren, die gewaltsam hinterlassen wurden.

Und so lässt Prosser seinen Roman in das Jahr 1992 springen, um die Geschichte von Anisa, Saras Mutter, und deren Freund Jovan zu erzählen. Sie, bosnische Kroatin, vertrieben im Zuge der ethnisch-religiösen Säuberungen, wohnt in einem Flüchtlingslager in Wien mit der immerhin noch zaghaften Hoffnung, ihr verschollener Vater habe die Massaker überlebt. Er, bosnischer Serbe, muss auf der anderen Seite kämpfen, desertiert, wird aufgegriffen und zu einer Einheit in den Bergen strafversetzt.

Wie von einem Tag auf den anderen Vertraute per Verordnung zu Feinden werden, wie Tod und Angst vor Verrat in die Leben einziehen und wie man Letzteren zugleich selbst begeht – all diese verfluchten Dynamiken eines Krieges werden durch die exemplarischen Erlebnisse von Anisa und Jovan erzählt, deren durch äußere Umstände vereitelte Beziehung als eine Art Parallelgeschichte zur Liebe von Sara und dem Ich-Erzähler fungiert, die unbehelligt vom politischen Alltag existieren kann.

Prosser legt dabei durch seine unbedarfte Figur aus dem Anfangsteil gleichsam indirekt seine Produktionsprinzipien frei: Er zeigt sich als Autor, der sich in einen fremden Stoff hineinarbeitet. Deshalb ist es nur konsequent, dass sich auch der Erzählton in den Kapiteln der 1990er Jahre wesentlich wandelt. Die Sprache tritt hinter die Geschichte zurück, was unbedingt als souveräner Akt des Autors zu verstehen ist, der sich in seinen bisherigen Veröffentlichungen experimentierfreudiger gezeigt hat.

Eine zugleich ästhetische und psychologische Frage liegt denn auch dem Roman Phantome zugrunde: Wie setzt man einerseits das Grauen ins Bild, und wie bewahrt man andererseits die Erinnerungen an ein Leben vor der Zerstörung, dessen Bilder zu verblassen drohen wie eine versehentlich in der Jackentasche mitgewaschene Fotografie? Allen voran für Jovan, den Maler, werden die zunehmend schwerer aufzutreibenden Farben zu einem Mittel, um das Unaussprechliche der Kriegserlebnisse dem Vergessen zu entziehen: "Jovan sitzt auf dem Zimmerboden vorm Bild. Es sagt nichts aus, muss er sich eingestehen, zumindest nicht das, was er am Fenster fühlt: die Gewissheit, in etwas hineingeraten zu sein, das über lästiges, stechmückengeplagtes Schaufeln eines Schützengrabens hinausreicht, in etwas viel Ernsteres, Tödlicheres, bei dem Menschen verschwinden, Häuser und Moscheen niedergebrannt werden und niemand aufbegehrt, niemand sich traut, den Milizen entgegenzutreten, gegen das Verschwinden und die Asche zu protestieren."

Nicht zuletzt fragt Prosser auf diese Weise, welchen Wert Bilder als Medien des Gedenkens haben, was auch zur Frage nach der Rolle der Literatur und seines Romans im Besonderen wird. Dass im letzten Teil, der wiederum ins Wien des Jahres 2015 wechselt, der Ich-Erzähler nicht mehr der Sprayer ist, sondern der Maler Jovan das Wort erhält, mag als Antwort genügen in diesem subtil konstruierten Roman, der die unerhörten Geschichten zur Sprache bringt, von denen täglich neue entstehen. Das westliche, wohlstandsgesättigte Ich-Getrommel muss deshalb nicht verdammt werden, aber es wird angesichts dessen erst einmal ganz, ganz leise.

Robert Prosser: Phantome.
Roman; Ullstein fünf, Berlin 2017; 336 S., 20,– €, als E-Book 16,99 €