Je weiter man sich vom politischen Berlin entfernt, desto größer werden Unverständnis, Ablehnung, auch Wut, desto häufiger sieht man fassungsloses Kopfschütteln. Die sind unfähig, heißt es, die kriegen es nicht hin. Was machen die eigentlich die ganze Zeit – immer noch keine Regierung!?

Gegenfrage: Wer sind denn "die"?

Na, die Politiker halt.

Als politischer Berichterstatter, der Regierung und Parteien ansonsten berufshalber ausgiebig kritisiert, findet man sich derzeit in der seltsamen Rolle als Politikversteher und Dolmetscher wieder: Nein, "die" brauchen nicht so lange, weil sie so unfähig sind. Die sind nämlich nicht dümmer oder selbstsüchtiger als wir selbst. Die brauchen so lange, weil die Lage wirklich knifflig ist. Und das ist sie, weil "wir", die Wähler, eben nicht etwas gekauft haben, das jetzt auf Knopfdruck funktionieren muss, sondern wir haben etwas gewählt. Volksvertreter nämlich, die unsere jeweiligen Interessen und unsere Vorstellungen von der Welt zu Politik machen sollen. Und diese Vorstellungen sind so verschieden wie wir selbst. "Wir" können uns ja nicht mal darüber einigen, ob es in Deutschland nun eigentlich immer ungerechter wird oder nicht.

Und mal ehrlich: Hätten "die" sich sehr schnell geeinigt, hätte es dann nicht geheißen: Typisch, im Wahlkampf haben sie noch das eine geredet, und jetzt machen sie das Gegenteil!

Aber. Wenn Politik sich immer häufiger nur noch denen erschließt, die nah dran sind, hat die Politik ein Problem. Nah dran hat übrigens nichts mit Provinz oder Regierungssitz zu tun oder mit Parteipräferenzen, eher damit, ob man es sich leisten kann oder will, sich quasi hauptberuflich mit politischen Prozessen zu beschäftigen. Wer das tut, weiß, dass Alexander Dobrindt nicht die Verhältnisse umstürzen will, wenn er eine "konservative Revolution" fordert, sondern dass im Herbst eine Landtagswahl in Bayern stattfindet und die CSU abtrünnige konservative Wähler wiedergewinnen will. Er oder sie weiß, dass Martin Schulz nicht zum Publikum spricht, sondern zur SPD, wenn er sagt, man wolle keine roten Linien, sondern rote Politik. Der Mehrheit der Bevölkerung dürfte es schnurzpiepegal egal sein, ob viel oder wenig rote Politik gemacht wird, wenn nur endlich wieder regiert wird. Und viele empören sich zu Recht, wenn der Vertreter einer Partei, die für Recht und Ordnung antritt, leichtfertig zum Umsturz aufruft und dabei einen Kampfbegriff der Rechten aus der Weimarer Zeit verwendet (siehe Feuilleton). Politik verstehen heißt also oft: das, was gesagt wird, gerade nicht ernst nehmen.

Damit sind wir bei einem grundlegenden Dilemma: Je seriöser ein Politiker ist, desto schwerer ist er häufig zu verstehen. Weil seriöse Politiker wissen, dass jedes Wort in Zeiten der sozialen Massenmedien in tausend Echokammern widerhallt, benutzen sie Worte nicht, um etwas zu sagen, sondern um sich dahinter zu verbergen. Weil sie wissen, dass sie an ihren Worten gemessen werden und es in der Politik mehr zu verhandeln als direkt zu entscheiden gibt, versuchen sie, in Deckung zu bleiben. Gesprochen wird dann nach dem Motto: Alles, was ich sage, kann und wird gegen mich verwendet werden – also sage ich es so, dass es nichts klar bedeutet. Oder ich sage gleich gar nichts, wie die Kanzlerin, die zwar irgendwann erklärt hat, dies sei eine nie da gewesene Lage, von der man dann aber nur noch wenig gehört hat, zu wenig.

Von dem Verdruss, den das erzeugt, profitieren ausgerechnet die unseriösesten Politiker, häufig in den Reihen der Rechts-, oft auch der Linkspopulisten. Weil sie wissen, dass sie so schnell nicht in die Nähe echter Verantwortung kommen, sprechen sie frei von der Leber weg. Deshalb mutet der Ehrgeiz, die AfD zu "entlarven", oft so ulkig an – denn keine Partei sagt so deutlich wie die Rechtspopulisten, was sie meint. Gleichzeitig profitieren sie von einem Phänomen, mit dessen Hilfe Donald Trump sich zäh im Amt hält. Aus all dem oben Gesagten filtert das Publikum die Erkenntnis: Was Politiker sagen, ist nicht für bare Münze zu nehmen, auf die gefühlte Botschaft kommt es an. Eine leblose Sprache aber fühlt sich nach nichts an.

Also: Liebe Politiker, sprecht mit uns! Und: ruhig weniger reden, aber mehr sagen.