Die Wunde schließt sich nicht. Sie sitzt an der Mittelfingerkuppe der rechten Hand, zumeist unter einem Pflaster, aber Aza muss es oft abziehen, um zu sehen, ob die offene Stelle sich entzündet hat oder eitert, und wenn sie geschlossen wirkt, kratzt sie sie mit dem rechten Daumennagel lieber auf, bis etwas Blut fließt, und gibt etwas Desinfektionsmittel drauf, gegen die Bakteriengefahr. Das brennt. Dann kommt wieder ein frisches Pflaster drauf. So geht es tagein, tagaus, immer. Eine "Zwangslage", wie Aza sagt.

Aza Holmes, eine 16-jährige Halbwaise, kennt es nicht anders. Eine schwere Angststörung, deretwegen sie psychiatrisch behandelt wird, zwingt sie, Dinge zu tun, von denen sich trotz unausgesetztem Grübeln nicht sagen lässt, warum sie notwendig sind und ob Aza sie wollen würde, wenn sie die Wahl hätte. Aber die hat sie nicht. Aza ist die Hauptfigur in John Greens neuem Roman Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken, und sie lebt wie ihr Autor, wie ihr angststörungserfahrenes Alter Ego John Green, in Indianapolis.

Wenn dieser Aza in Person des gleichaltrigen Jungen Davis die Liebe begegnet, dann schiebt sich für das junge Mädchen, in Form eines qualvollen inneren Dialogs zwischen dem Zwang und dem Wunsch, eine Angst in den Vordergrund des Erlebens: dass Liebende sich üblicherweise küssen. Aber wie soll das gehen, wenn man dabei doch von fremden Keimen und Parasiten geflutet wird und aus den verschiedenen Körperöffnungen lauter Flüssigkeiten ins Spiel zu kommen drohen, die infektiös sein könnten? Schon Kauen ist eklig. Schlucken. Verdauen. Ausscheiden. Das Berühren eines anderen menschlichen Körpers, gar eines nackten begehrten Körpers, bedeutet für die junge Frau einen fortwährend drohenden Bioterror. Lebendigkeit: unkontrollierbar.

Dies ist die Motivkonstellation, die John Green für die Protagonistin seines neuen Romans aufstellt. Nun ließe sich zu dieser Konstellation zuerst einfach sagen, dass der heute 40-jährige Green, einer der meistgelesenen Autoren und meistgesehenen Video-Blogger der Welt, ein sternennachtklares Gespür dafür besitzt, was er seinen jugendlichen Lesern schuldet, wenn er sie ernst nehmen will. Und das wagt er wie kaum ein anderer Autor, auch weil er mit der eigenen Angststörung zu leben gelernt hat: Er will den Lesenden von außergewöhnlichen, von eigenartigen jungen Menschen erzählen und nicht von pubertärem Eiapopeia mit Romantikkitsch. So kennt man sein Werk, dafür verehren ihn seine Leser, dafür rühmt ihn fast einhellig die Kritik. Und deshalb verschlägt es einem beim Lesen besonders dieses Romans den Atem: etwa wenn Green auf die übliche Negativbewertung jugendlichen Internetlebens verzichtet, sondern schlicht als Realität anerkennt, dass die digitalen Welten Erfahrungen von Leib und Blut ersetzen. Man begreift, lesend, dass selbst ein so netter gleichaltriger Mensch wie Davis einem verstörend nah kommen kann, wenn man ihn als Biomasse betrachtet, die eines Tages faulen wird und jetzt schon riecht, wo doch sonst das, was den eigenen Fingern begegnet, oftmals die kühle Wischfläche eines Smartphone- oder Tablet-Displays ist. Allein dies zu erzählen wäre gegenwartsdiagnostisch schon unerhört gut.

Doch in diesem Roman geschieht mehr. Denn in dem zentralen Bild der Wunde am Finger, das im Verlauf der Geschichte stetig wiederkehrt, verdichtet Green Motive zu einer Erkenntnis, wie sie noch nie zu lesen war: An der Berührung entscheidet sich alles – es sind ja die Fingerspitzen, mit denen Menschen einander anfassen. Deren Beschädigung kommt der Stilllegung des Tastsinns gleich und erzeugt eine vernichtende Unberührbarkeit, wissen Forscher heute doch, wie sehr Berührungen die kindliche Entwicklung bestimmen.

Zugleich aber – John Green ist Theologe und kennt die christliche Bilderwelt gut – bedeutet die offene Wunde, in die der Finger prüfend gelegt wird, die Signatur des Unglaubens, wie sie im Evangelium die Geschichte des ungläubigen Thomas dokumentiert. Der will seine Finger in die Wunden des gekreuzigten und auferstandenen Jesus legen, um den Beweis für das Wunder zu spüren, welches der Sieg des Lebens über den Tod bedeutet. Aza ist in ihrem heillosen Leid Thomas und Christus zugleich, in einer Person, einer grandiosen Figur narzisstischen Selbstbezugs, in der Azas Ich sich selbst kreuzigen und seine Wunden überprüfen muss.

Dass aber außerdem diese Wunde, sehr weltlich, im Zeichen der oft analysierten amerikanischen Bakterienangst steht, zeigt das Motiv des dauernd desinfizierten Fingers. Der Puritanismus, der Amerikas Körperfeindlichkeit prägt, bringt hier durch fortgesetzte Desinfektion die Lebendigkeit um ihr biologisch Ureigenstes: lebendig zu sein, also voller Keime. Das muss bekämpft werden, kontrolliert, unterworfen. Und Azas zwanghaftes Kreisen um die eigene Person zieht alles Lebendige in die sich verengende Spirale hinein, der sie ausgeliefert ist und aus der es kein Entkommen gibt.