DIE ZEIT: Herr Muschter, Sie leiteten 2016 ein Jahr lang das Berliner Lageso, die verrufenste Behörde Deutschlands, in der bei Ihrem Antritt nichts funktionierte. Die Flüchtlinge standen Schlange, viele mussten hungern. Wie lange hat es gedauert, bis Sie Ihre Entscheidung bereut haben?

Sebastian Muschter: Völlig verzweifelt war ich nie. Aber es gab Momente, die mich fassungslos gemacht haben. Wir sollten eine Krise bewältigen, aber es gab nicht mal funktionierende Fahrstühle. Mein Büro lag im zehnten Stock, ich bin oft zu Fuß nach oben oder habe mir den einzigen intakten Fahrstuhl mit 40 Flüchtlingen geteilt.

ZEIT: Wie sah es am Lageso aus, wenn Sie morgens zur Arbeit kamen?

Muschter: Da war ein unheimlicher Auflauf. Ab vier Uhr nachts bildeten sich Schlangen, 200 Meter lang. Meine Mitarbeiter mussten sich jeden Morgen den Weg ins Büro bahnen. Einige haben einen Migrationshintergrund, die kamen nicht durch, weil die Sicherheitsleute dachten: Das sind Flüchtlinge, die sich vordrängeln. Eine meiner ersten Amtshandlungen war es, einen Seiteneingang für Mitarbeiter zu öffnen.

ZEIT: Vor Ihrem Job im Lageso waren Sie Berater bei McKinsey und sollten Behörden effizienter machen. Was lief im Lageso schief?

Muschter: In den schlimmsten Zeiten haben meine Mitarbeiter drei Stunden pro Tag damit verschwendet, Akten zu suchen. Aber es blieb keine Zeit, um sich zusammenzusetzen und ein Konzept zu überlegen. Wir mussten Feuer bekämpfen: Ständig gab es eine Unterkunft, in der die Essensausgabe nicht klappte, gab es Anfragen von der Polizei, der Senatsverwaltung, von Journalisten. Das Wegdrängen solcher Anfragen war am Anfang eine meiner wichtigsten Aufgaben. Dafür hatten wir keine Leute. Es kam ja eine Katastrophe auf die andere.

ZEIT: An welche erinnern Sie sich besonders gut?

Muschter: An den Facebook-Post, der fast das ganze Haus lahmlegte. Da stand, ein Flüchtling, der tagelang vor dem Lageso gewartet habe, sei gestorben. Wir versuchten auf allen Kanälen, die Meldung zu verifizieren, riefen bei Feuerwehren an, Polizeidienststellen, Notaufnahmen, Leichenschauhäusern. Dann kam heraus: Die Nachricht stimmte nicht. Falschmeldungen gab es damals ständig. Fast alle Flüchtlinge waren auf Facebook und verbreiteten die wirrsten Gerüchte.

ZEIT: Zum Beispiel?

Muschter: Dass man sich für die Erstregistrierung bei anderen Flüchtlingen kleine Kinder ausleihen kann, um mehr Taschengeld zu kassieren.

ZEIT: Haben das viele gemacht?

Muschter: In einigen Flüchtlingsheimen wurden tatsächlich Kinder weitergereicht. Wir hatten 2016 in Berlin 79.000 registrierte Flüchtlinge, aber nach ein paar Monaten waren nur 55.000 von ihnen im Leistungsvollzug. Es gab ja damals diese Horrorstorys über angeblich verschwundene Flüchtlingskinder. Ich glaube, ein Grund für diese Diskrepanz waren Doppelregistrierungen.

ZEIT: Wie ging es Ihren Mitarbeitern damals?

Muschter: Als ich anfing, hatten wir zum Teil einen Krankenstand von über 60 Prozent. Eine der Abteilungen, die direkt mit den Flüchtlingen zu tun hatten, war praktisch zusammengebrochen.

ZEIT: Warum?

Muschter: Das Lageso war schon im Herbst 2014 völlig überlastet. Die Flüchtlingszahlen waren damals schon gestiegen, es war absehbar, dass die Behörde nicht Schritt halten konnte. Das Lageso musste für drei Tage schließen, um die Rückstände aufzuarbeiten. Spätestens da hätte man auf Alarmstufe Rot schalten müssen. Das war ein klares Versäumnis. Ich werfe das niemand persönlich vor, aber im Grunde hätte sich der Behördenleiter am Tor des Lageso festketten und dem Senat signalisieren müssen: So geht es nicht weiter, die Behörde wird explodieren! Beamte sind aber leider oft darauf geeicht, mit den bestehenden Ressourcen zurechtzukommen, und stellen nie die ganz große Frage, ob das überhaupt zu schaffen und zu verantworten ist.

ZEIT: Sind Beamte faul?

Muschter: Nein, das Vorurteil habe ich kassiert. Ich hätte nie gedacht, dass es so viele motivierte, mutige Beamte gibt. Die wollen den Bürgern helfen, die brennen für die Sache.

ZEIT: Sie haben einmal gesagt, 2015 sei keine Flüchtlings-, sondern eine Verwaltungskrise gewesen.

Muschter: Ich mag das Wort Flüchtlingskrise nicht. Ein Mensch, der bei uns ankommt und Hilfe sucht, ist keine Krise. Die Berliner Behörden hatten damals eine massive Kürzungswelle hinter sich, da fielen extrem viele Stellen weg, die Verwaltung wurde auf eine fiese Art ausgehöhlt. Was völlig gefehlt hat, war vorausschauendes Management, wie etwa bei Hochwasseralarm: Wenn der Rhein über die Ufer tritt, werden in Köln sofort Barrieren errichtet. Es gibt Pläne für unterschiedliche Pegelstände. Feuerwehr und Polizisten werden in Bereitschaft versetzt, Reserven vorgehalten. Behörden denken aber selten so. Wir müssen Geld in vorausschauende Planung investieren.