DIE ZEIT: Herr Brammertz, Sie sind zehn Jahre lang Chefankläger beim Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gewesen, der sich mit Kriegsverbrechen und Völkermord im früheren Jugoslawien beschäftigte und vor wenigen Tagen seine Arbeit beendet hat. 10.800 Verhandlungstage in fast einem Vierteljahrhundert, 161 Angeklagte, 4.650 Zeugen, zweieinhalb Kilometer Akten, Tonband- und Videoaufnahmen – das größte Tribunal seit den Nürnberger Prozessen. Haben Sie der Welt mehr Gerechtigkeit gebracht?

Serge Brammertz: Puh, das ist eine sehr große Frage. Dem früheren Jugoslawien haben wir mit Sicherheit mehr Gerechtigkeit gebracht. Es stünde ohne das Gericht schlechter da. Wären wir nicht gewesen, dann würden heute viele Kriegsverbrecher noch immer frei herumlaufen.

ZEIT: Dann wäre der ehemalige Serbenführer Radovan Karadžić, der für den Massenmord von Srebrenica in den neunziger Jahren mitverantwortlich war, heute womöglich Minister in Serbien und würde sich für die Aufnahme seines Landes in die Europäische Union einsetzen.

Brammertz: Völlig auszuschließen gewesen wäre so etwas nicht. Jetzt sitzt er im Gefängnis. Das ist unser Verdienst. Wir haben mehr Verurteilungen erreicht als jedes andere vergleichbare Gericht. 90 Angeklagte aller Kriegsparteien sind in Den Haag verurteilt worden.

ZEIT: Was war für Sie der bewegendste Moment?

Brammertz: Das war wenige Monate nachdem ich mein Amt als Chefankläger neu angetreten hatte, im Jahr 2008. Es war damals einhellige Meinung, dass das Tribunal bald schließen werde. Das wäre eine Katastrophe gewesen, weil zwei Schlüsselfiguren damals noch auf freiem Fuß waren: Radovan Karadžić und Ratko Mladić, der frühere Oberbefehlshaber der bosnischen Serben. Das Gericht schließen, ohne die beiden gefasst zu haben? Das hätte man niemandem erklären können, der beim Massaker in Srebrenica Angehörige verloren hatte. Von den Familien der Opfer wusste ich, dass Versöhnung für sie unvorstellbar geblieben wäre, falls Karadžić und Mladić nicht verhaftet worden wären. Dies wäre das dunkelste Kapitel in der Geschichte des Tribunals geworden. Ich habe also vom ersten Tag an alles darangesetzt, die beiden zu fassen.

ZEIT: Sie waren auf die Hilfe Serbiens angewiesen.

Brammertz: Ja. Im Juli 2008 rief mich der Kabinettschef des serbischen Präsidenten an. Er sagte, es sei dringend, er könne aber nicht am Telefon darüber reden. "Kann ich zu Ihnen kommen?", fragte er mich. "Sind Sie denn in Den Haag?", fragte ich zurück. "Ich bin in Belgrad", sagte er, "aber ich komme sofort."

ZEIT: Noch am selben Tag reiste er an?

Brammertz: Ja, der Kabinettschef kam in mein Büro, wo ich ihm das Fahndungsplakat mit den gesuchten Personen zeigte. Er deutete sofort auf das Foto von Karadžić und sagte zu mir: "Wir denken, wir haben ihn identifiziert. Die Polizei macht gleich eine Operation. Wir rufen Sie danach an." Er blieb bis zum Abend bei mir, so lange, bis der serbische Präsident persönlich bei mir anrief und endlich bestätigte: Wir haben ihn, wir haben Karadžić.

ZEIT: Karadžić in Haft, das war der größtmögliche Erfolg.

Brammertz: Die Stimmung in meinem Büro war unglaublich emotional. Sie können sich das kaum vorstellen. Bei mir versammelten sich sechs andere Staatsanwälte, die seit Jahren nach Karadžić gefahndet hatten. Als die erlösende Nachricht von seiner Verhaftung eintraf, waren die Kollegen außer sich. Riesengroße Freude, riesengroße Erleichterung. Einige Staatsanwälte konnten ihre Tränen nicht mehr unterdrücken. Von diesem Tag an bekam das gesamte Tribunal neuen Schwung.

ZEIT: Kein Kriegsverbrecher hat Sie mehr beschäftigt als Karadžić. Wie sehr haben Sie versucht, ihn zu ergründen?

Brammertz: Für mich als Jurist ist Karadžić ein Straftäter unter vielen, auch wenn die Zahl seiner Opfer besonders hoch ist. Ich betrachte Menschen wie ihn unemotional. Ich habe mich nicht mit ihm als Person beschäftigt, sondern mit den Straftaten, für die er verantwortlich ist. Ich wollte seine kriminelle Absicht nachweisen.

ZEIT: Haben Sie in manchen Nächten von Karadžić geträumt?

Brammertz: Nein, ich träume nicht von meiner Arbeit, interessanterweise. Ich kann das alles von mir fernhalten. Ich habe noch nie von einem Menschen geträumt, den ich strafrechtlich verfolgt habe.