Kinder lieben Tiere. Wilde Tiere und zahme, besonders große und extrem kleine, solche, die niedlich und kuschelig sind, aber auch giftige, gefährliche und Furcht einflößende Arten. Bei dieser ungebrochenen kindlichen Leidenschaft wundert die Flut an Tiersachbüchern für junge Leser nicht, und es ist alles andere als leicht, mit einem weiteren Exemplar aus der großen Masse hervorzustechen. Dem Liebesleben der Tiere aber gelingt es mit Leichtigkeit. Es erzählt in Wort und Bild und mit viel Humor, wen und wie und was die geliebten Viecher selbst lieben. Wobei Liebe für so manch animalischen Akt vielleicht etwas hoch gegriffen ist. Sagen wir also, es geht darum, wie die geliebten Tiere dafür sorgen, dass es weiterhin welche zum Liebhaben gibt.

© Illustration: Anke Kuhl

"Wie machen es die Tiere?" – "Gibt es auch Babys von Spinnen?" – "Können Tiere schwul sein?" Solche Fragen hört die Autorin Katharina von der Gathen häufig, wenn sie mit Kindern über Sex spricht – was sie als Sexualpädagogin regelmäßig tut. Aus ihrer Arbeit entstand bereits 2014 das Klär mich auf! -Buch über Sex unter Menschen. Die Kombination der genial-gewitzten Bilder der Illustratorin Anke Kuhl und des Fachwissens, das von der Gathen in unaufgeregt-knappen Texten vermittelt, funktioniert auch bei den Tieren – vielleicht sogar noch eindrucksvoller, weil Texte und Bilder aufs Fruchtbarste miteinander verschränkt werden. Kuhl erweitert die klassischen Sachbuchillustrationen durch amüsante comicartige Elemente, indem sie etwa Ferkeln, die sich um einen Mutterleib drängen, eine "Weg da! Das ist meine Lieblingszitze!"-Sprechblase zuordnet.

Gemeinsam erzählen von der Gathen und Kuhl auf knapp 150 Seiten von Verführungsritualen und Balzverhalten, von Paarung, Schwangerschaft und Geburt sowie von der Aufzucht des Nachwuchses und den unterschiedlichsten Formen von Familienleben im Tierreich.

Dabei erfährt man als Leser und Betrachter nicht nur allerlei Wissenswertes, sondern auch viele kuriose Details. Etwa dass der männliche Laubenvogel in monatelanger, mühsamer Arbeit ein Liebesnest bastelt, mit dem er zwar sein Weibchen anlockt, das aber nach der Paarung keine Rolle mehr spielt. Oder dass so manch ein Seepferdchen-Paar viele Stunden gemeinsam Pirouetten dreht und in schillernden Farben leuchtet, bevor das Weibchen seine Eier in der Brusttasche des Männchens parkt. Dass Große Pandas nur zweimal im Jahr Sex haben, Löwen hingegen bis zu vierzigmal am Tag. Oder dass es auch im Tierreich Verkehr gegen Bezahlung gibt, genauso wie Gruppensex und Selbstbefriedigung.

Besonders eindrucksvoll sind die ausklappbaren Panoramaseiten: Eine lässt eine ganze Tierkinderparade aufmarschieren, eine andere versammelt die erstaunlichsten Penisse aus dem Tierreich – der des Erpels ist gedreht wie ein Korkenzieher, das Alpenfledermausmännchen hat ein geknicktes Geschlechtsteil, das ein struppiges Fellchen ziert. Riesig ist der Penis des Blauwals, drei Meter lang und dick wie ein Baumstamm. Heraus schießen bei jedem Samenerguss zwei Eimer voll Sperma.

So skurril einiges anmuten mag, stets ist es das Ergebnis einer langen Entwicklung und sichert das Überleben der jeweiligen Tierart. Auch davon erzählt dieses Buch. Wenn Pinguinväter beim Brüten eng zusammenrücken, ist das überaus klug. So können sie sich nämlich gegenseitig wärmen. Und weil sie dazu noch die Positionen wechseln, hockt jeder mal in der warmen Mitte oder am zugigen Rand.

All das zusammen macht Das Liebesleben der Tiere zu einem wunderbar frischen und handwerklich gut gearbeiteten Nachschlagewerk (sauber strukturierte Kapiteleinteilung, Register aller Tiere am Ende des Buchs), das selbst gruselige Momente des tierischen Sex- und Fortpflanzungslebens nicht ausspart, was auch dem kleinen Leipziger Klett Kinderbuchverlag zu verdanken ist. Sich nicht in vorauseilendem Gehorsam ob möglicher kritischer Stimmen zu begrenzen, das ist zu einer Art Markenzeichen des Verlags geworden, der mit seinem Programm immer wieder beweist, wie begeisternd und mitreißend Kinderbücher sein können – wenn man sich was traut und Autorinnen und Illustratorinnen wie von der Gathen und Kuhl mal machen lässt.

Katharina von der Gathen/ Anke Kuhl (Illustrationen): Das Liebesleben der Tiere. Klett Kinderbuch Verlag 2017; 144 S., 18,– Euro