1. Was macht den Arbeitskampf im Jahr 2018 besonders schwierig?

Ach, wenn es bloß um Geld ginge! Dann wäre der Konflikt in Deutschlands wichtigstem Industriezweig Routine. Trillerpfeifen, ein paar Stunden Arbeitsniederlegung und eine lautstarke Kundgebung. Am Ende stünde ein Kompromiss, mit dem beide Seiten leben könnten. Doch diesmal dreht sich der Tarifstreit der Metall- und Elektroindustrie auch um Zeit. Und mit der ist es, trotz der geläufigen Redewendung "Zeit ist Geld", noch vertrackter als mit dem Lohn.

Die IG Metall fordert für die 3,9 Millionen Beschäftigten bei Daimler, Siemens und anderen Unternehmen der Branche nicht nur eine kräftige Lohnerhöhung um sechs Prozent. Sie setzt sich zugleich für einen neuen Anspruch auf Teilzeit ein. Jeder Beschäftigte solle seine wöchentliche Arbeitszeit für eine beschränkte Zeit auf bis zu 28 Stunden reduzieren dürfen, und der Arbeitgeber soll das in vielen Fällen auch noch finanziell unterstützen. Wer unter besonders belastenden Bedingungen arbeitet, etwa in wechselnden Schichten, oder wer sich um Kinder oder kranke Eltern kümmert, dem soll der Arbeitgeber bis zu 200 Euro im Monat dazuschießen. Der Lohn würde also nicht eins zu eins mit der verringerten Arbeitszeit gekürzt. Zumindest für einen Teil der nicht geleisteten Arbeit bekämen die Beschäftigten eine Ausgleichszahlung. Vor allem diesen Punkt im Forderungskatalog der Gewerkschaft lehnen die Arbeitgeber strikt ab.

Vordergründig erscheint auch das nur eine Geldfrage zu sein. Aber der Konflikt ist an dieser Stelle doch entschiedener als in einer normalen Lohnrunde. Denn das größte Problem der Branche ist im Moment nicht so sehr das Geld oder ein Mangel an Aufträgen. Die Konjunktur läuft glänzend. Die schwierigste Herausforderung zumindest für kleinere und mittelständische Firmen ist der Mangel an Fachkräften. Und diesen Mangel, empören sich die Arbeitgeber, sollen wir nun auch noch selbst durch eine "Stilllegungsprämie" verschärfen, indem wir mit unserem Geld Auszeiten versüßen? Niemals!

2. Was steht für die Gewerkschaft und die Arbeitgeber auf dem Spiel?

Für den Arbeitgeberverband Gesamtmetall ist die Sache klar: "Zukunft statt zu teuer" nennt er seine Kampagne rund um die Tarifauseinandersetzung. Verbandspräsident Rainer Dulger rechnet vor, dass sich die Tariferhöhungen seit 2012 auf rund 20 Prozent summieren, während die Produktivität im gleichen Zeitraum nur um ein Prozent gestiegen sei. Sein Fazit: "Wir zehren von der Substanz."

Diese Argumente sind indes so alt wie die Tarifpartner selbst, und die IG Metall hat sie daher schon im Vorfeld widerlegen wollen. Sie zitiert Studien der EU-Kommission, wonach die Lohnstückkosten, also der Anteil der Löhne an den Herstellungskosten, in Deutschland heute unter dem Niveau des Jahres 2000 liegen. Gelegen kommt der Gewerkschaft auch diese Nachricht vom Dienstag: Im November sind die Exporte der Industrie so stark gestiegen wie seit drei Jahren nicht.

Doch während sich der Streit um angemessene Lohnerhöhung mithilfe von Nachtsitzungen noch immer beilegen ließ, fürchtet der Arbeitgeberverband die kollektive 28-Stunden-Woche. Die Arbeitgeber sind wild entschlossen und drohen sogar schon mit Gerichtsprozessen, weil sie die Forderung nach einer teilweisen Arbeitszeitverkürzung für unzulässig halten. Ein entsprechendes Gutachten schrieb der Münsteraner Arbeitsrechtler Clemens Höpfner für den Verband. Die Hauptkritik: Wer schon heute in Teilzeit arbeite, würde unzulässig diskriminiert, wenn die Kollegen plötzlich einen Lohnausgleich für ihren Arbeitsverzicht erhielten. Die IG Metall hält dem entgegen, dass auch bei anderen Neuerungen Stichtagsregelungen gelten würden – es also normal sei, wenn nicht alle gleichermaßen profitierten. Außerdem könne man am Verhandlungstisch ja nach einer konstruktiven Lösung suchen, wenn die Arbeitgeber bereit wären, darüber zu reden. Ein juristisches Gegengutachten will die Gewerkschaft demnächst auch veröffentlichen.

Dass der Konflikt am Ende eine Sache für die Arbeitsgerichte wird, erscheint aber unwahrscheinlich. Zum einen würde der Gang zum Gericht, der in der Metallbranche nicht zum üblichen Repertoire von Tarifauseinandersetzungen gehört, das Verhandlungsklima extrem verschlechtern. Zum anderen wäre ungewiss, welche Rechtsauffassung am Ende tatsächlich obsiegt. Bisher betonen die Arbeitgeber jedenfalls, sie wollten den Konflikt am Verhandlungstisch lösen.