Es ist doch so: Laut der allgemein anerkannten Bedürfnispyramide von Einstein fußt selbst der Kunstgenuss auf total profanen Bedürfnissen, die wiederum auf ausnehmend vulgären, und ganz unten wird es dann regelrecht ekelhaft. Deswegen ist es seit je Brauch, diese niederen Triebe abzutöten, bevor ein Bühnenweihfestspiel oder ein Nackertentheater fachgerecht wegkonsumiert wird. Hierzu hat sich im Laufe der Jahrtausende eine eigene Kultur der Theatergastronomie entwickelt, die inzwischen ihre höchste Entwicklungs- und Standardisierungsstufe erreicht hat, nämlich in der sogenannten Brezelspeisung.

Vor, nach und mittendrin in einem Kunstereignis gibt es jetzt flächendeckend, sogar auf dem Lande und in den nicht hoch genug zu lobenden inhabergeführten Buchhandlungen mit ihrem reichhaltigen Programm (Paulo Coelho oder Darm mit Charme), nicht nur minderwertigen Wein und Erfrischungs-Cola zu trinken, sondern auch Brezeln zu speisen. Diese werden bei kleineren Veranstaltungen von der Praktikantin eingekauft; bei größeren Betrieben klappert ein sogenannter Caterer die Backwerk-Filialen ab. Sonst gibt es meistens nichts, und das ist auch gut so und erwünscht.

Die Brezel ist dabei ohne jeden Reiz und hat so billig wie möglich zu sein. Meist zieht der Einkäufer die "stille" Variante vor, wo der Bäckerbursche die Salzkörner noch einmal mit rosa Fingerspitzen abgeknapst hat, denn zu viel Salz ist ungesund, gerade für ältere Menschen, und für ältere Menschen wird die Kultur schließlich gemacht. Deshalb ist die Kulturbrezel auch sehr weich und gerade nicht kross ausgebacken; man kann sie fast schlürfen beziehungsweise schon zahnlos in sich hineinmümmeln. Der urbane Trend zur Craft-Bäckerei (Bakery) geht an der Kulturbrezel gänzlich vorbei; sie hat weder resch noch knusprig zu sein, noch auch nur vage laugig. Jede Überraschung, jede Individualität ist ausgelöscht, es herrscht der nackte Industriestandard, hurra!

Hat beispielsweise die Opernpause begonnen, muss das gesamte Publikum so schnell wie möglich zur Brezelausgabe rennen, da sonst eine durch das kraftraubende Zuhören eintretende Ohnmacht droht. Hier zeigt sich besonders stark die gleichmachende und todesähnlich anverwandelnde Kraft der Brezel: ob mittelloser Student oder jahrzehntelang abonnierender Generaldirektor, alle nähren sich vom selben Brot, nämlich den halb rohen oder ausgetrockneten Teigklumpen. Jüngling wie Greis, Ärmling wie Millionär stopfen sie sich in die Goschen; in der Art einer weltlichen Eucharistie oder eines vorweg und in effigie eskamotierten Elendskommunismus. Erlaubte Variationen: Brezenstange, Käsebreze, Käsestange. Der Käse muss dabei ein maschinell fabrizierter Eiweißglibber sein, der nur minimal über Zimmertemperatur erwärmt wurde, gerade so, um noch am Brezbrocken festzupappen. (Die Variante mit Käse ist im Wesentlichen für die Alkoholiker gemacht, die eine sogenannte Grundlage für den minderwertigen Wein brauchen.)

Die Ärmlichkeit der Speisung ist nicht nur ökonomischen Erwägungen geschuldet. Ähnlich wie durch den Lärm des Klatschens am Ende der Kunst die Illusion gebrochen werden soll, muss durch das Brezelfressen die Idee, an irgendeiner höheren Angelegenheit teilgenommen zu haben, ausgelöscht werden. Nachdem man Sphärenklängen lauschte, erinnert man sich in der Pause daran, was für eine widerliche, rohe Gestalt man in Wahrheit ist, und erniedrigt sich durch rohen Teigfraß selbst. Nicht umsonst leitet sich das Wort Brezeln von brachium ab: den verschränkten Armen, mit denen man stocksteif die Kultur über sich hat ergehen lassen. Dazu braucht es dann natürlich ein Brachialgericht, das jeglichen eventuell noch verbliebenen Feingeist austreiben soll. Die heiltätige Betkraft, welche man im Mittelalter der Brezel zuschrieb, kehrt hier wieder – mit Gottes Segen stärken wir uns gegen den Ansturm der Bilder, wappnen uns gegen Idee, Geist und Feinsinn. Wäre ja noch schöner.

Deshalb kann die Kulturbrezel gar nicht trocken, altbacken und lieblos genug dargereicht werden. Sie ist ein Ernüchterungsmittel, gegen Hoffart und Irrsinn, gegen Entrückung, Ekstase und Selbstvergessenheit, ja letztlich gegen den Gedanken selbst. Es ist bezeichnend, dass der sonst so um seine Gesundheit besorgte Kulturbürger hier jegliche Bedenken in den Wind schießt und einen rein aus Kohlenhydraten manifestierten, kaum geronnenen Nährschlamm in sich hineinwürgt. Nie hat sich je einer über schlechte Brezeln beschwert. Wie auch: Es geht gerade um Selbstkasteiung, um Selbstgeißelung; man bestraft sich, brezelt sich nieder statt auf. Ja, auch um eine kulturelle Immunisierung geht es – wo die Welschen Kanapees, Gebäck und dekadente Leckereien reichen, wo man in den USA sich an Riesenportionen raffiniert gewürzter Nachos labt, frisst der Deutsche stur Heil die deutsche Breze weg, um dem teils ausländischen Gedankengut, welches ihm auf den Bühnen zugemutet wird, wenigstens bauchwegs Paroli zu bieten.

So bleibt, wo schon alles um uns herum wegbricht, die Theater- und Lesungsbreze das letzte Refugium deutschen Geistes beziehungsweise seine finale Fossilierungsstufe, eine zum essbaren Symbol der Unendlichkeit gewundene und gedrillte Erinnerung an nie ganz ausgeträumte Größe. Daher: Guten Appetit!