Vor 200 Jahren ereignete sich in Tübingen eine Revolution. Damals setzte sich die Staatsmacht gegen die Kirche durch, der württembergische König gegen den Vatikan, indem er das Verhältnis zur katholischen Kirche in seinem Machtbereich neu bestimmte. Wilhelm I. dekretierte: Religion und Glaube gehören unter staatliche Aufsicht! Vertrauen ist gut, Kontrolle besser! – ein Affront. Doch der war nötig. Denn er richtete sich gegen eine Religionsgemeinschaft, die jahrhundertelang durch ein unklares Verhältnis zur weltlichen Herrschaft und Politik aufgefallen war. Nach der Französischen Revolution, angesichts einer immer moderneren, aufgeklärteren, ja sich zunehmend säkular verstehenden Gesellschaft, meldete die Kirche verschärften Widerstand an – gegen angebliche "Verirrungen" dieser Moderne.

Tatsächlich handelte es sich um Errungenschaften, die eine neue Art des Zusammenlebens möglich machten und von denen wir bis heute profitieren: Glaubens-, Gewissens-, Religions- und Meinungsfreiheit. Dagegen sträubten sich Teile von Klerus und Gläubigen, es bildeten sich konservative Parallelgesellschaften. Doch es half nichts. Der König verpflichtete die katholische Kirche, die Ausbildung der Priester an die staatliche Universität Tübingen zu verlagern. Per Dekret erwirkte er die Integration der katholischen Theologie in die Uni und stellte sie neben die dortige evangelische Fakultät, die im Zuge der Reformation die mittelalterliche "prima scientia" abgelöst hatte. Sein Ziel: Die Ausbildung des Klerus sollte vom Muff des katholischen Milieus befreit werden und die frische Luft der Aufklärung atmen. So verdonnerte er den Katholizismus zu einer zeitgemäßen Art der Glaubensvermittlung, um die heute auch der Islam ringt: eine Theologie, die der intellektuellen Kontrolle und dem Legitimitätsdiskurs der Wissenschaften ausgesetzt ist.

Das war für die katholischen Theologen nicht nur schön. Sie wurden mit Skepsis, Misstrauen und oft auch Häme bedacht. Aber der Schritt ins Freie war unvermeidlich, und er ist es heute wieder, da die islamische Theologie sich in der deutschen Universitätslandschaft etabliert. Denn Religion darf sich der Gegenwart nicht verweigern. Im 19. Jahrhundert folgten mehrere Landesfürsten des Deutschen Reiches, die zwischen Aufklärung und Restauration schwankten, dem Vorbild Württembergs. Und siehe da! Was als staatskirchliche Kontrolle gemeint war, verwandelten die katholischen Theologen von Tübingen in ein neues Programm ihres Theologietreibens: in ein kritisches, konstruktives Gespräch mit Kirche, Staat, Gesellschaft – aber auch mit den Nachbarwissenschaften an der Universität. Ein Glaube, der sich mit den eigenen Fundamenten auseinanderzusetzen bereit ist, wurde zum Markenzeichen der Tübinger.

Das feiert die Fakultät nun am 17. und 18. Januar mit einem Kongress. Doch über die Feiern hinaus können wir aus dem historischen Beispiel noch lernen: Den eigenen Glauben dem läuternden Feuer des universitären Wissens auszusetzen ist nicht selbstverständlich. Die kritische Selbstreflexion, der rationale Umgang mit der eigenen Tradition, die Infragestellung fundamentalistischer Lesarten – all das zählt heute zur Wissenschaftsfreiheit. Es fordert die Religionsgemeinschaften aber auch immer neu heraus.

Beim Ringen um die Zentren für Islamische Theologie an deutschen Universitäten erleben wir es. Da prallen Vorurteile aufeinander. Die einen fragen: Ist der Islam überhaupt moderne-, pluralitäts- und damit wissenschaftsfähig? Die anderen fürchten: Eine Verwissenschaftlichung des Glaubens relativiert und verwässert ihn! Dass manche Vertreter islamischer Verbände die universitäre Theologie für eine Zumutung halten, ja für einen Angriff auf Muslime, wird mit Blick auf das alte Tübinger Beispiel besser verstehbar. Der heutige Staat aber muss alle Versuche unterbinden, kritische Islamtheologinnen und -theologen abzuwerten und einzuschüchtern.

Der Tübinger Weg mag steinig sein, aber er ist der richtige. Der säkulare Staat muss der Radikalisierung des Glaubens vorbeugen, indem er wissenschaftlich geschultes pastorales Personal ausbildet. Er muss verhindern, dass die Gewaltgeschichte der Religionen tabuisiert und der Glaube ins Private verdrängt wird. Er sollte alle Religionsgemeinschaften in den gesellschaftlichen Diskurs einbeziehen, nur so werden sie zum Nachdenken über ihre künftige Aufgabe in der Demokratie gezwungen. Also: Der Islam gehört an die Universität! Glaube kommt heute nicht mehr ohne kritische Auseinandersetzung mit anderen Denkhorizonten aus. Zugleich muss der Staat die Geschichte des Glaubens ebenso wie sein Veränderungspotenzial anerkennen. Nur dann gibt er Glaubenden die Chance, ihre Integrations- und Pluralitätsfähigkeit zu beweisen. Aus ihrem Glauben heraus!

Zu Recht werden alle Religionsgemeinschaften hier und heute, im spätmodernen Identitätsdiskurs, daran gemessen, ob ihre Gläubigen tolerant sind. Ob sie konkurrierende Wahrheitsansprüche akzeptieren – und zwar nicht zähneknirschend. Ein säkular geprägtes, religiös und kulturell vielfältiges, freiheitliches Staatsgebilde wie die Bundesrepublik hat ein Recht auf eine aufgeklärte Theologie. Und nur dieser Staat garantiert das Recht der Religion auf Selbstaufklärung – aus ihren eigenen Ressourcen heraus.