Martin Ahrends lebt als Schriftsteller in Werder an der Havel. © Christine Oppe

In meinem Supermarkt gibt es keine Plastikbeutel zum Einkaufen mehr. Ich musste mir so einen Jutesack kaufen und darf ihn nun nicht mehr vergessen, wenn ich einkaufen gehe. "Eine Nötigung!", schimpft mein Nachbar und sieht mich fragend an. Da ich ihm nicht zustimme, setzt er kleinlaut fort: "Das Peinliche ist: Ich hab dieses Verbot gebraucht, um vernünftig zu handeln. Und was noch peinlicher ist: Es fühlt sich nicht wie eine Bevormundung, sondern wie eine Befreiung an." – "Ach ja", pflichte ich nun bei, "man hält sich für vernünftig, weil man alles so wunderbar durchschaut. Vernünftig zu handeln ist dann noch mal ein ander Ding." – "Richtig. Immer wenn ich mir so einen Plastiksack vor der Kasse rausgezupft habe, hab ich mein Gewissen damit beruhigt, dass ich allein die Welt nicht retten kann. Dass es genereller Verbote bedürfte, an die sich alle halten müssten, auch die Uneinsichtigen. Jetzt ist so ein schüchternes Verbotchen in der Welt, und ich bin beschämt, dass ich seiner bedurfte."

– "Ach ja, die Einsichtigen wähnen sich der dummen Masse überlegen, die ihnen andererseits ein Alibi dafür gibt, sich wider bessere Einsicht zu verhalten. Da stimmt etwas nicht mit der Freiheit der Vernünftigen." – "Was für eine irrationale Angst vor vernünftigen Verordnungen. Als stünde gleich eine Ökodiktatur ins Haus. Ich lasse mir die Gewissenslast beim Beutelzupfen gern abnehmen durch ein Verbot. Aber das allein zu denken fühlt sich schon wie ein Tabubruch an. Es gibt nichts Verächtlicheres, als sich ein Verbot zu wünschen, eine Einschränkung der heiligen Freiheit, und sei es in Sachen Beutelzupfen." – "Verbote können befreiend wirken und Freiheit kann unzumutbar werden, wenn man sich tagtäglich sehenden Auges falsch entscheidet."

– "Das Gewissen wird unzumutbar, man schaltet es ab. Ich schalte es ab." – "Ach ja, Gewissenskultur, Gewissenshygiene. Wozu taugen wir Menschen denn noch, wenn wir mit uns nicht im Reinen sind?" – "Verbote dienen der Gewissensökonomie. Und weil sie für alle gelten, Einsichtige wie Uneinsichtige, verbinden sie uns mit all den anderen, wo es sonst kaum mehr Verbindendes gibt. Eigentlich jämmerlich, auf diese verneinende Art mit all den anderen verbunden zu sein."

– "Das können die Religionen besser: Die bieten uns keine Illusion von Freiheit. Ihre Gebote wurzeln in der Bejahung von uns Menschen in unserem sündhaften – und das heißt wissend fehlenden, also unvernünftigen – Handeln, in unserer Verführbarkeit. Mit irrationalen Begründungen bejahen sie uns irrational Handelnde, neigen sich freundlich zu uns hin und dürfen so auch ein paar Verbote aussprechen, die in keinem Gesetzbuch stehen."