Wenn Walter Werzowa Hollywood verlässt und dorthin zurückreist, wo er herkommt, dann landet er mitten in einem Wiener Wartezimmer. Links geht es in die Arztpraxis, in der früher sein Vater ordinierte und heute sein Bruder Patienten empfängt. Rechts verschwindet gerade eben Werzowas Mutter durch eine hohe Flügeltür in das Wohnzimmer seiner Kindheit, nur ein paar Schritte vom Theater Ronacher entfernt gelegen. "Ich war immer das schwarze Schaf in der Familie", sagt Werzowa unversehens und so nonchalant, als würde er über das Winterwetter reden. "Alle sind Ärzte, und ich hing in den stinkenden Proberäumen ab."

Doch jetzt, mit seinen 57 Jahren, kommt Werzowa auf die Medizin zurück. Der Mozart of Jingles, wie ihn die Zeitung The Globe and Mail einmal nannte, ist in Los Angeles als Musikproduzent und Komponist groß geworden, hat Filmmelodien für Steven Spielberg und Wim Wenders komponiert, Opern ebenso wie trashige Nummer-eins-Hits geschrieben. Mit den Kennmelodien, die er Weltkonzernen wie Samsung, Toyota oder Intel verpasste, ist er einer der meistgehörten Komponisten der Gegenwart – einer, der weniger auf musikalische Selbstverwirklichung setzt, sondern an einen Sound herangeht wie ein Architekt an ein neues Gebäude.

Sein jüngstes Projekt knüpft wieder an die Familientradition an: Die Streamingplattform Health Tunes bietet Musik als Heilmittel an.

Am Vortag stand Werzowa auf einer Bühne in Berlin, um den Online-Dienst bei einer Gesundheitskonferenz vorzustellen. Patienten können sich auf der Plattform – allein oder vernetzt mit Ärzten – ein Musikprogramm zusammenstellen, das dabei helfen soll, Leiden zu lindern und schneller zu genesen. In Los Angeles arbeitet bereits die Universitätsklinik mit dem medizinischen Musikarchiv, noch in diesem Jahr, so hofft Werzowa, soll der Durchbruch in Europa folgen.

Ein Nebeneffekt: Werzowa wird wieder öfter bei seiner Mutter vorbeikommen – und damit in der Stadt, aus der er einst regelrecht geflüchtet war.

"Es war hier wahnsinnig hemmend", sagt Werzowa über jene Wiener Grundhaltung, nach der man sowieso nie gut genug sei. Auch Falco und die anderen Musiker, mit denen er gearbeitet hat, bevor er sich 1990 in die USA absetzte, "die haben Erfolg und Leiden gleichgesetzt". Viele Jahre später empfand er diese Mentalität erneut, als er – nunmehr erfolgreich und anerkannt – im Konzerthaus Orchester dirigierte, die seine Filmkompositionen einspielten. Er schwärmt von den Musikern, "nur hat man anfangs 80 schwerste Anzweifler vor sich, vor denen man sich erst bewähren muss, bis ihre ablehnende Skepsis verschwindet".

Aus Werzowas Mund klingt das weder verbittert noch nachtragend. Eher wirkt er wie einer, der ziemlich genau zu analysieren versucht, wie und warum er da gelandet ist, wo er heute steht. Er spricht sehr leise und langsam, die lang gezogenen Vokale des Wienerischen mischen sich mit kalifornischem Akzent, und oft flattern ihm so viele Gedanken zugleich durch den Kopf, dass kaum ein Satz ein Ende findet.

"Ich war extrem still als Kind und immer ein Spätzünder", erzählt er. Erst als Dreijähriger habe er zu sprechen begonnen. In der Musik fand er dann sein Ventil, seinen Weg, der Welt Geschichten zu erzählen.

Mit etwas weniger Ernst versehen, erzählt er diese Geschichte jedoch gern auch so: Der äußerst schüchterne Teenager sah, wie gut seine Gitarre spielenden Freunde bei den Mädchen ankamen, also musste eine Gitarre her. Und weil er immer schon "sehr competitive" gewesen sei, begnügte er sich nicht mit ein wenig Herumklimpern. Nach nur eineinhalb Jahren Gitarrenunterricht bewarb er sich am Konservatorium und begeisterte die Jury mit einer Bach-Sonate. "Die haben mich für ein Wunderkind gehalten", grinst Werzowa. Denn erst als er offiziell schon aufgenommen war und dem Lehrer eine simple Tonleiter vorspielen sollte, flog der Bluff auf: Der Junge konnte nahezu nichts, einzig diese Bach-Komposition hatte er bis zur Perfektion einstudiert.

Das Meisterstück, mit dem man den Namen Werzowa verbindet, gelang ihm Jahre später. An der University of Southern California hatte er Filmmusik studiert, dann als Komponist bei Walt Disney gearbeitet und sich schließlich selbstständig gemacht, als er einen vermeintlich einfachen Auftrag bekam: Der Chiphersteller Intel suchte ein zwei Sekunden langes Soundlogo. Der Intel Bong, den Werzowa 1994 komponierte, gehört bis heute zu den meistgespielten Markenklängen der Welt und machte ihn zum "Guru of Audio Branding" der USA.

Bald übersiedelte Werzowa aus der Hinterhofgarage, in der er an Klängen tüftelte, in ein Studio mit vielen Mitarbeitern mitten in Hollywood. Wer Soundtracks für Kinoerfolge wie Minority Report und kommerzielle Klänge für Weltkonzerne kreiert, muss in erster Linie die Wünsche der Kunden – eitle Regisseure, große Produzenten und komplizierte Marketingabteilungen – verstehen. Gefühle seien zwar wichtig, aber vor allem bei Soundlogos beschreibt der Mathematik- und Architekturfan seine Aufgabe eher als "eine Geschichte, die konstruiert werden muss".