Ich war noch niemals in New York. Leise wehte die Melodie an einem betriebsamen frühen Freitagabend durch die Leipziger Innenstadt. Die Menschen schleppten Einkaufstüten unterschiedlicher Größe und Luxuriösität mit sich herum, ein paar Teenager in "zerriss’nen Jeans" waren mit der WhatsApp-Gruppe draußen, ältere Paare in Steppjacken-Partnerlook stießen an einem Outdoor-Tresen mit etwas Sekt auf das Wochenende an, "... einmal verrückt sein und aus allen Zwängen flieh’n" . Die Musik wurde lauter.

Obwohl ich schon einmal in New York gewesen bin, wollte ich dennoch wissen, wer hier davon träumte, und ging nachschauen. An der Ecke eines Kaufhauses hatte sich eine Menschentraube um ein paar junge Straßenmusiker gesammelt, die mit den kichernden Hühnern aus der ersten Reihe flirteten.

Die Menge sang bald lauthals mit. Man zeigte sich textsicher, schreckte auch nicht davor zurück, eine Strophe des Liedes Kling-Klang der Band Keimzeit im sächsischen Heimatdialekt darzubieten. Die Stimmung war damit unverhofft auf dem Höhepunkt.

Fremde lachten einander an, ältere Anorak-Ehepaare schoben Kinder, die nicht ihre Enkel waren, in die vorderen Reihen: "Gomma her, mei Guddor, da gannste bessor sehn!"

Mir fiel sofort Klaus ein. Klaus ist Mitte siebzig, und ich habe ihn im Februar auf Fuerteventura kennengelernt. Er war stets einer der Disziplinierten, die am Morgen um halb sieben in höchst überschaubarer Anzahl in der Muckibude herumtobten und danach ganz für sich einmal nackig unten am Strand ins Meer sprangen, um dann im Bademantel schnell aufs Zimmer zu huschen, sich zu kämmen und frisch zum Frühstück zu erscheinen.

Dergestalt erfrischt, erfreute er mich mit seiner Lebensgeschichte, wenn ich meine Frauen-Gymnastik-Zumba-Hüpfstunden hinter mich gebracht hatte und angenehm ermattet mit meiner kleinen Bibliothek in der Sonne saß. Seine Lebensgeschichte hatte etwas mit einer Jugend in einer Band in Leipzig, einer Flucht in den Westen Ende der Sechziger, einer Zeit als Musiker auf Kreuzfahrtschiffen, mit Frauen und Freundschaften zu tun. In druckreifen Sätzen. Manchmal setzte er sich des Abends ans Hotelklavier und spielte irgendetwas aus seinem Repertoire. Für eine Zweijährige. Für uns. Für sich. Wir mochten einander und versprachen uns ein Treffen in Leipzig im September. Wir flogen am selben Tag von der Insel ab, trennten uns mit Gepäckwägelchen und in der Hektik der Schalterabfertigungshorrorszenerie und hörten lange nichts voneinander.

Ende September läutete an einem Abend das Telefon, Klaus war dran, erinnerte mich daran, dass jetzt September sei und überhaupt. Am übernächsten Tag war er da. Er hatte seine Gitarre, ein Paar Steppschuhe und ein Klappfahrrad dabei, mit dem er das halbe Leipzig seiner Kindheit durchstreifte, die Klingelschilder einschlägiger Häuser studierend. Er fotografierte mit seinem iPad, bis Speicher und Zeit knapp wurden, denn er wollte noch seine alten Bandkollegen treffen und unter einem Passagenbogen der Innenstadt ein halbes Stündchen mit etwas Stepptanz und Gesang performen. Was er dann auch tat. Die Frauen lachten, wenn er sich ihnen mit umgehängter Gitarre näherte: "Hallo, kleines Fräulein, haben Sie heut etwas Zeit ...?", die Männer machten immerhin gute Miene zum Spiel. Die Stimmung war gelöst, außergewöhnlich.

Warum ich das alles erzähle? Ganz einfach: Weil es immer wieder Menschen wie Klaus und damit Künstler sind, die der Zuversicht Nahrung geben, dass vielleicht doch noch nicht alles verloren ist auf dieser Welt. Die Menschen erreichbar machen. Vielleicht sogar "wieder erreichbar", "rückholbar in die Gesellschaft".

Eine Gesellschaft allerdings, die den Schatz dieser alltäglichen Kunst oft übersieht, nicht ausschöpft. Wenn ein Land ständig bockig auf einen gemeinsamen Wertekanon pocht, während es doch erst verzweifelt nach diesem sucht, ist wohl etwas in Schieflage geraten, nicht? Vielleicht liegen die Werte auch näher als gedacht. Vielleicht sind sie leichter teilbar, wenn mehr Menschen die Möglichkeit bekommen, ihre Zuversicht weiterzugeben, andere zu erreichen. So wie Klaus. Wenn also von Werten die Rede ist, dann läge es nah, jungen Menschen Hilfen mit auf den Weg zu geben, sich auszudrücken und anderen zuzuhören: indem man ihnen ermöglicht, ein Instrument spielen zu lernen, zum Beispiel. Indem, zum Beispiel, weniger herumgedoktert wird an schulischen Lehrplänen und hehren Diskussionen zu Leitkulturen und mehr investiert wird in den Musikunterricht, in Theater und Kultur.

Menschen wie Klaus führen uns immer wieder vor Augen: dass wir nichts weniger benötigen als eine ständig erneut aufflammende, abstrakte Diskussion unserer Werte. Weil wir wissen können, was unsere Werte sind, wenn wir nur hinsehen. Weil wir es wissen, wenn wir jemandem begegnen, der diese Werte lebt und teilt. Und uns dabei nicht selten seltsam gut fühlen können.

Und ganz gleich, aus welcher Richtung man sich "unseren Werten" auch nähert, es läuft doch stets auf eines hinaus: Der Schlüssel zu allem, was wir miteinander wollen, bleibt die Kultur. Wird daran gespart, wie es gerade im Osten Deutschlands allzu oft empfohlen wird, dann wird das Land nicht reicher, sondern ärmer. Sparen, bis es schmerzt, ist das Gegenteil jeglicher Fantasie.

Klaus würde es viel einfacher sagen: Die Welt braucht Lieder.