© Petra Bahr

Das Lesen und Deuten biblischer Texte ist eine Kunst für sich. Vor ein paar Tagen hatte ich ein Gespräch über dieses Thema mit einem Bekannten. Er ist Rabbiner und hat seine eigenen Gottesdienste – und seine eigenen Erfahrungen mit der öffentlichen Auslegung biblischer Texte. "Man muss in biblischen Texten wandern wie in Wäldern", sagt er und fährt mit seinen Augen den buckeligen Horizont des Harzes ab. Erst mal den großen Wegen folgen, immer der Beschilderung nach, da entlang, wo schon ungezählte andere entlanggelaufen sind. Hier stehen Bänke, es gibt Unterstände, Grillstationen und Kartenmaterial, Hinweise auf einfachere, kürzere Routen und allerlei Informatives über Flora und Fauna. Richtig aufregend wird es aber erst, wenn man sich ins Textgestrüpp schlägt, querfeldein, immer der Nase nach. Da macht man sich auch mal die schwarzen Talarschuhe dreckig, es krabbelt was im Nacken, und ein Ast schlägt unversehens ins Gesicht. Vielleicht bekommt man es zwischendurch sogar mit der Angst zu tun. Wo bin ich denn hier gelandet? Komme ich je wieder hier raus? Der Orientierungssinn kann schon mal verloren gehen, vermeintlich Vertrautes sieht anders aus. "Erst wenn man sich auch mal richtig verlaufen hat und an Stellen angekommen ist, an denen man noch nie war, wird eine gute rabbinische Auslegung draus", sagt er. Das ist schweißtreibend.

Und weil er so seine Erfahrungen mit christlichen Geistlichen hat, sagt er: "Ihr traut der Größe der Texte oft zu wenig zu. Oder habt ihr Angst vor dem dunklen Wald? Ihr behandelt biblische Sätze wie Stadtparks, wo der Ausgang die ganze Zeit vor Augen steht. Ein guter Rabbiner nimmt Proviant mit und geht für eine Weile im Wald verloren. Er schnuppert an Rinden und staunt über unbekannte Blätterformen, riecht am Boden und guckt zwischendurch immer wieder in die Baumkronen, bis ihm schwindelig wird." Es ist das Gleichnis eines Weisen. Mit sanftem Lächeln, wie um mich zu trösten, erzählt er dann von all den ungeduldigen, kurzatmigen oder bewegungsfaulen Rabbinern der Tradition, die Abkürzungen genauso lieben wie Katholiken oder Protestanten.

Das merke ich mir. Wenn ich Predigten vorbereite, ziehe ich ab jetzt meine Wanderstiefel an. Bin dann mal weg.