Löst Zürich auf!

Es war stickig unterm Dach der Photobastei, mitten im Kreis 5. Die Sozialdemokraten hatten mich zu ihrem ersten nationalen Städtetag eingeladen. Mit dabei Corine Mauch. Was die Stadtpräsidentin von ihren Genossinnen und Genossen hörte, gefiel ihr. Sie waren ganz auf Linie: Mehr von allem für alle soll es in den Schweizer Städten geben. Aber auf dem abschließenden Podium war es mit der Minne vorbei. Der Stadtrat pflege einen sonderbaren Blick auf Zürich, merkte ich an: "Für Sie hört die Stadt doch schon am Albisriederplatz und hinterm Milchbuck auf." Nun schaltete Mauch in den Wahlkampfmodus.

Der 4. März 2018, der Tag, an dem die Stadtzürcher ihre neue Regierung wählen, war an diesem heißen Samstag im vergangenen Sommer noch weit weg. Doch Corine Mauch wusste schon damals: Diesmal wird sie um ihre Wiederwahl kämpfen müssen. Ein bisschen zumindest. Seit bald 30 Jahren regiert, ja, dominiert Rot-Grün in Zürich. Und wie immer, wenn politische Mehrheiten derart lange, derart stabil sind, werden sie satt. Also hielt die Stadtpräsidentin dagegen: Dass sich ihre Stadt abschotte, stimme überhaupt nicht, man arbeite mit den Nachbarn eng zusammen. Das funktioniere in der Regel auch gut – wenn nur die anderen nicht immer alles auf die Finanzpolitik herunterbrechen würden!

Zürich und seine Nachbarn, das ist seit je eine schwierige Beziehung. Im 18. und 19. Jahrhundert entlud sich der Streit um Freiheit und Macht in militärischen Konflikten, mal wurden Seegemeinden besetzt, dann wurde die Stadt vom Landvolk gestürmt. Im 20. Jahrhundert keiften die Stadt und das Land, nun friedlich, aber nicht minder verbissen, ums liebe Geld; also darum, wer für die Bahn, die Straße, das Theater, die Oper oder die Platzspitz-Junkies bezahlen soll.

Dabei ist Zürich im 21. Jahrhundert längst über sich hinausgewachsen. Die Stadt hat ihre politischen Grenzen gesprengt. Sie reicht heute von Aarau im Westen bis Weinfelden im Osten, von Schaffhausen im Norden bis Luzern im Süden – und das nicht nur auf den farbigen Karten der Standortvermarkter und Raumplaner, nein, in der Realität.

Auf dem Wahlkampfpodium der SP wurde mir klar: Es ist überfällig, Zürich ganz neu zu denken.

Nicht einfach größer, die "Greater Zurich Area" wird ewig eine Marketing-Idee bleiben, weil eine Megafusion nie eine Mehrheit finden wird. Chancenlos ist auch ein Kanton Zürich mit einer Stadt und starken Bezirken als Gegengewicht, wie er bereits einmal angedacht war.

Nein, die Lösung lautet: Löst Zürich auf – und teilt die Stadt und ihr Umland neu auf.

Vor ein paar Jahren haben NZZ-Inlandredaktor Paul Schneeberger und ich gemeinsam eine ausgedehnte Autofahrt durch die Agglomerationen der Schweiz unternommen. Entstanden ist unser Buch Daheim (NZZ Libro, 2013). Unsere Reise führte uns schließlich nach Zürich, und schon damals merkten wir: Die Agglomeration geht nahtlos in die Stadt über, am Straßenrand verkaufen dieselben Kebab-Stände ihre Döner, blinken dieselben Leuchtreklamen, stehen dieselben Wohnklötze mit den riesigen Fenstern und den glatten Fassaden, die uns über Monate hinweg begleitet haben. Die zehn Unterschiede zwischen Agglomeration und Stadt? Wir hätten Mühe gehabt, so viele zu benennen.

Im vergangenen Herbst, der Wahlkampf in Zürich nahm langsam Fahrt auf, haben Paul Schneeberger und ich uns wieder zusammengesetzt. Wir fragten uns: Welche Schlüsse müssen wir für die künftige Stadt Zürich aus unserem damaligen Befund ziehen? Die Stadt, die sich einst selbst den Titel "Downtown Switzerland" verlieh, ist zwar immer noch der bedeutendste Ort in der Region, aber nicht mehr das einzige Zentrum. Das nagt an ihrem Selbstverständnis.

Zürich wächst über sich hinaus

Das urbane Zürich ist nicht nur in den Kreisen 3, 4 und 5 zu Hause

Gemeinden, Quartiere, die ihr einst als Hinterhöfe dienten, werden zu neuen Hotspots. In Schlieren, in Dietikon oder in Altstetten entstehen riesige Wohnüberbauungen und imposante Hochhaus-Alleen. Nicht in der Innenstadt, sondern an den Rändern und in den Agglomerationen glüht Zürich. Was die Stadt heute auszeichnet und am Laufen hält, ist ihre Verknüpfung mit immer größeren Teilen ihres Umlands – und dieses Netzwerk erstreckt sich immer weiter über die politischen Stadtgrenzen hinaus.

UBS-Banker arbeiten nicht mehr nur an der Bahnhofstraße, sondern auch in Glattbrugg und bald in Schaffhausen. In den Ikea-Häusern in Dietlikon und Spreitenbach wird fleißiger eingekauft als in den Globus- und Coop-City-Filialen am Bellevue. Die zweitgrößte Veranstaltungshalle der Region steht nicht neben dem Hauptbahnhof, sondern in Dübendorf. Der Güterbahnhof befindet sich längst in Dietikon und nicht mehr im Kreis 5. Und in Kloten wird neben dem Flughafen eine neue City errichtet: "The Circle". Eine direkte Konkurrenz zur Zürcher Innenstadt.

Es ist nicht das erste Mal, dass Zürich über sich hinauswächst. Im 19. Jahrhundert sprang die Stadt über die Sihl. Die Industrialisierung hatte aus dem kleinen Dorf Aussersihl eine Kleinstadt mit 30.000 Einwohnern gemacht, mit einer "Totalzentralisation" wurde sie ihre finanziellen und sozialen Probleme los. In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts nahm sich Zürich seiner verarmten Vorortsgemeinden von Albisrieden bis Schwamendingen an und baute in "amerikanischem Tempo" 22.000 Wohnungen und in jedem Quartier ein Schulhaus. Und nun also, zu Beginn des 21. Jahrhunderts, ist Zürich zum dritten Mal sich selbst zu klein geworden.

Aber etwas ist heute anders: Erstmals ist nicht nur die Stadt ins Umland hinaus-, sondern auch das Umland in die Stadt hineingewachsen. Früher war die Stadt der Marktplatz und das Land die Kornkammer. Dann wurde in der Agglomeration gewohnt und in der Stadt gearbeitet. Heute ist alles gleichzeitig überall.

Wie kam es dazu?

Um 1900 hat das Tram die politischen Stadtgrenzen ins Limmattal und nach Oerlikon überrollt. Heute definiert die S-Bahn, wo die Stadt Zürich tatsächlich endet. Gerade noch 15 Minuten dauert es mit der Bahn vom HB nach Baden, Uster, Winterthur und bald auch nach Zug. Eine Viertelstunde, das ist weniger, als eine Tramfahrt vom Zürcher Bahnhofplatz nach Höngg dauert oder eine Busfahrt nach Witikon.

Wie schon 1934 geht es auch heute darum, die administrativen Stadtgrenzen den gelebten anzupassen. Damals wurden die Vororte in die Stadt eingemeindet, die das Tram drei Jahrzehnte zuvor geschaffen hatte. Heute ist es bald drei Jahrzehnte her, seit die S-Bahn aus Zürich, Uster und Winterthur eine dezentrale Großstadt gemacht hat. Auch wenn das immer wieder behauptet wird: Das urbane Zürich ist nicht allein in den Kreisen 3, 4 und 5 zu Hause, in Wiedikon, Aussersihl und dem Industriequartier. Das urbane Zürich ist die Summe aller Lebensentwürfe in allen S-Bahn-Netz-Gemeinden.

Im Gegensatz zu früher ist ein Lebensentwurf aber nicht mehr an einen spezifischen Ort gebunden. Die Werthaltungen und politischen Ausrichtungen greifen über die Grenzen der Stadtkreise und Gemeinden hinaus. Die mentale, sozioökonomische Zürich-Karte deckt sich längst nicht mehr mit der geografischen. Das gut ausgebaute ÖV-Netz, die Autobahnen und Kantonsstraßen machen das richtige Leben am falschen Ort möglich. Aus dem einfachen Stadt-Land-Graben wurden viele unübersichtliche Bruchlinien, die sich überschneiden. Die einen sind tiefer, die anderen kleiner. Die einen breiter, die anderen schmaler. Einige unüberwindbar, andere leicht zu kitten.

Die Stadt neigt zur Überregulierung

So wollen nicht alle Zürcher ihre Stadt zur Velo-City machen, und nicht in jeder Agglomerationsgemeinde steht der niedrige Steuerfuß über allem. Heute wohnt man auch in Dübendorf in genossenschaftlich organisierten Wohnexperimenten, und Coop lagert mehr Getreide denn je mitten im Kreis 5 im Swissmill-Tower.

Trotzdem wirken die politischen Grenzen weiterhin. Stadt und Agglomeration werden anders regiert – und vor allem: völlig unterschiedlich verwaltet.

Die Stadt mit ihrer traditionell großen Administration neigt zur Überregulierung. Die Vorortsgemeinden sind schnell überfordert, wenn die Probleme zu komplex werden; ihre Apparate sind zu klein. In der Stadt führt jedes Bau- und Infrastrukturprojekt zu epischen Debatten und nicht selten, wie zum Beispiel im Fall des Koch-Areals, zu einem ideologischen Hickhack. Demgegenüber handeln die Gemeindeverwaltungen in den Agglomerationen zwar schnell, dafür oft wenig reflektiert. So wurden auf dem Rapid-Areal in Dietikon zwar Wohnungen und Läden gebaut, aber das Schulhaus für die Kinder, die dort leben werden, wurde schlicht vergessen.

Bei allen Unterschieden: Die Herausforderungen sind in Stadt und Agglomeration dieselben. In den nächsten Jahrzehnten müssen zum Beispiel die Gemeinden im Großraum Zürich ein Viertel bis ein Fünftel mehr Menschen als heute beherbergen – vorzugsweise im bereits bebauten Gebiet. Das ist nicht nur technisch, sondern auch mental eine riesige Aufgabe.

Doch die aktuellen politischen Strukturen sind dafür nicht geeignet. Sie sind entweder zu groß, wie die Stadt Zürich, wo sich die Regierung nicht allen Quartieren mit derselben Akribie annimmt. Oder sie sind zu klein, sodass die Gemeinden schlicht überfordert sind.

Die naheliegendste Lösung wäre die Megafusion: die faktische Stadt Zürich – mindestens bis zur Kantonsgrenze – zu einer einzigen Stadtgemeinde machen. Aber wie gesagt: Ein solches Konstrukt ist politisch chancenlos. Erstens, weil es in sich wieder einer Dezentralisierung bedürfte, damit sich Staat und Bürger nicht entfremden. Und zweitens: Die Idee, dass die Agglomeration sich total verstädtern soll, ist außerhalb der Stadt nie und nimmer mehrheitsfähig.

Erneuerungswahlen: Löst Zürich auf!

© ZEIT-Grafik

Deshalb der Vorschlag:

Löst die Stadt Zürich auf!

Das klingt radikal, nach postkolonialistischen Schreibtischtätern, die mit ein paar Strichen auf einer Landkarte die Welt neu zeichnen. In Tat und Wahrheit ist der Ansatz durch und durch schweizerisch. Es geht nicht um eine Reform der Reform willen, sondern um ein zeitgemäßes Management der heutigen öffentlichen Aufgaben. Unser Ansatz besinnt sich auf zwei Grundsätze, welche die Schweiz stark gemacht haben: die Bürgernähe und die Subsidiarität – das Prinzip, dass sich jede Staatsebene jenen Aufgaben annehmen soll, für die sie am besten geeignet ist.

Konkret heißt das: An die Stelle der Stadt Zürich und ihrer Vorortsgemeinden treten neu gegründete Stadtgemeinden von jeweils 50.000 bis 100.000 Einwohnern. Sie garantieren eine größere Bürgernähe als die heutige Stadt und eine professionellere Verwaltung als die Agglomerationsgemeinden. Aus einer ungleichen Beziehung wird eine Partnerschaft auf Augenhöhe.

Die neue "Eugen-Huber-Stadt"

Die neuen Gemeinden sollen die ihnen übertragenen Aufgaben selbst finanzieren können: von der Kinderbetreuung über die Volksschule bis zu den Gemeindestraßen. Für alle übergeordneten Aufgaben soll der Kanton aufkommen. Ziel ist es, Transferleistungen über den Finanzausgleich möglichst zu vermeiden. Aber auch die Stadtzürcher profitieren: Bis heute müssen sie gewisse Zentrumslasten selber tragen. Das kostet sie 3.700 Franken pro Kopf und Jahr. Die neuen Gemeinden dürfen weder Ghetto noch Schlafstädte sein. Sie sollen möglichst durchmischt sein: sozial, weltanschaulich und funktional. Unter anderem ist darauf zu achten, dass es in jeder Gemeinde ein Minimum an Arbeitsplätzen gibt.

Die Zürcher Kantonsverfassung sieht solche Neugründungen übrigens vor, obschon die Verfassungsväter etwas vage blieben. So steht in Artikel 84, Absatz 4: "Die Bildung neuer Gemeinden, welche die Zahl der Gemeinden vergrößert, erfolgt durch Gesetz." Regierungs- und Kantonsrat können also eine "Löst Zürich auf!"-Vorlage entwerfen, die zuerst im Kanton und dann einzeln in allen betroffenen Gemeinden zur Abstimmung kommt.

Eine dieser Neo-Gemeinden könnte ein Zusammenschluss der Stadtquartiere Altstetten und Albisrieden mit den Gemeinden Schlieren, Urdorf und Uitikon sein. Ihr Name: "Eugen-Huber-Stadt", benannt nach dem Verfasser des Schweizerischen Zivilgesetzbuches, dessen Eltern in Altstetten zur Welt kamen. Am Ausgang des Reppisch- und Eingang des Limmattals gelegen, mit dem "Buechhoger" als Park, wäre diese neue Stadt mit ihren 80.000 Einwohnern ein ökonomisches Kraftwerk sowie ein gewichtiger Bildungs- und Forschungsstandort.

In Albisrieden hat Siemens einen seiner Schweizer Hauptsitze. In Altstetten arbeiten Tausende bei der SBB, ABB, BASF oder der Großbank UBS. In Schlieren wiederum wuchs in den vergangenen Jahren auf dem ehemaligen Wagi-Areal ein Biotech-Cluster mit zahlreichen ETH-Spin-offs. Während in Urdorf bereits Ende der siebziger Jahre eine Kantonsschule eröffnet wurde.

In der neuen "Eugen-Huber-Stadt" wächst zusammen, was längst zusammen gehört

In sich verbunden, wird die "Eugen-Huber-Stadt" durch die S-Bahn-Linie 9, die bereits heute in Altstetten, Schlieren und Urdorf hält, sowie durch die Autobahnen 1 und 3. Ende 2019 kommt entlang der Achse Altstetten-Schlieren die Limmattalbahn hinzu. Ein feinmaschiges Busnetz besteht bereits, nur Uitikon müsste noch besser ans ÖV-Netz angebunden werden.

Politisch wären die bürgerlichen Quartiere Schlieren, Urdorf, Uitikon und die linken Altstetten und Albisrieden ungefähr gleich stark. Keiner würde den anderen dominieren können. Auch mental funktioniert die "Eugen-Huber-Stadt". Das dörfliche Albisrieden, das jeden September eine Viehschau feiert, ist die geistige Brücke aus der City ins ländliche Uitikon. Das urbane Altstetten ist schon heute mit Schlieren und Urdorf verwachsen. Und wer auf den Ausläufern des Üetlibergs spaziert, der findet im Wald bei der Fägsandi den Viergemeindestein – hier wächst also zusammen, was schon lange zusammentrifft.

In der Photobastei im Kreis 5 hatte sich die Stimmung auf dem Podium wieder beruhigt. Das Wahlkampfgewitter war verzogen. Da sagte die Zürcher Stadtpräsidentin Mauch einen bemerkenswerten Satz. Einen Satz, der ein Anfang sein könnte. Dafür, dass sich Zürich und die Agglomeration, dass sich die politischen Lager aufeinander zubewegen, wenn sie die kommenden Herausforderungen erfolgreich meistern wollen. Sie fände es gar nicht so gut, sagte die Sozialdemokratin, wenn es bei den kommenden Wahlen neben der rot-grünen Mehrheit im Stadtrat auch eine im Gemeinderat gäbe. "Bei dieser Konstellation besteht die Tendenz, übermütig zu werden."