Wenn man verstehen will, warum Alex Katz der Maler der Stunde ist, dann muss man zu Birgit Schimming, 60, gehen. In ihrer Galerie am Klosterstern sitzt sie einem gegenüber, blonde Pferdeschwanzfrisur, Hornbrille, beigefarbene Seidenbluse, und zeigt auf ein Frauenporträt im Katalog: "Eigentlich kann man dieses Bild nicht nicht kaufen!" Nicht nicht kaufen heißt noch nicht kaufen, es heißt aber auch, verschärft darüber nachzudenken, und deshalb ist Schimming so eine exzellente Kunsthändlerin: weil sie einen nicht drängt, sondern auf sehr angenehme Weise manipuliert.

Alex Katz passt perfekt zu dieser Galerie und zu jenem Hamburg, das Schimming beliefert. Es geht um eine Klientel, die einerseits nicht genügend Geld hat, um sich zwecks Ressourcenbildung Wohnungen zu kaufen, andererseits aber auf der Suche ist nach soliden Wertanlagen. Und weil man Geschmack hat, sollte das Ganze auch noch gut aussehen.

Katz erfüllt diese Kriterien in beispielhafter Weise. Der 1927 in New York geborene Pop-Art-Künstler hängt in allen großen Museen, von MoMA bis Centre Pompidou. Er gehört in eine Liga mit Warhol, Hockney und Koons, ohne sich wie diese als Wartezimmertapete ästhetisch verbraucht zu haben.

Und er ist ein Künstler, dessen Werke kontinuierlich am Markt zulegen: "In dem Moment, da Sie mit dem Bild aus der Galerie gehen, ist es schon mehr wert", sagt Frau Schimming, und man selbst rechnet im Kopfe fieberhaft durch, wie man das schaffen könnte, zum Beispiel eines dieser sehr schicken Landschaftsbilder zu kaufen.

Erste Wahl wäre die Waldszene 10.30 AM, ein Tableau aus stilisiertem Blattgrün mit ein paar Baumstämmen dazwischen. Kosten: rund 20.000 Euro. Oder die Stadtimpression Purple Wind, eine Häuserwand in dunklem Lila, davor ein winterlich ausgezehrtes Baumgerippe, durch das spärlich erleuchtete Fenster schimmern (15.200 Euro). Die Bilder sind dekorativ, ideal für die Entrees großer Altbauwohnungen. Aber wenn man lang genug in sie hineinschaut, dann werden sie unheimlich. Der poppig grüne Wald entwickelt eine mysteriöse Tiefe, die lila Häuserwand verdichtet sich zur allegorischen Kulisse. Ist das nicht die berüchtigte urbane Einsamkeit, die hier zum Ausdruck kommt?

Katz selbst würde sich das verbitten. "Die Aufgabe des Künstlers ist es nicht, die Wahrheit zu finden, sondern ein interessantes Bild zu malen", hat er im Interview erklärt.

Interessantheit als artistische Kategorie, das ist vielen Kritikern nicht genug. Entsprechend wird das Werk von Katz als Chiffre für die Oberflächlichkeit der kapitalistischen Kultur gedeutet. Und es stimmt ja auch; vor allem seine Porträts sehen aus wie Nahaufnahmen aus Werbeclips. Es wirkt, als seien sie mit Schminke gemalt.

Aber dann steht man mit Frau Schimming vor dem Konterfei des Models Christy Turlington, und je länger man schaut, desto merkwürdiger wird die Gestalt. Ist dieser Blick nun leer, oder birgt er ein Geheimnis, eine Geschichte? Man würde das gern ergründen, am liebsten in den eigenen vier Wänden, aber da, wo es passen könnte, steht die Garderobe, und der Preis (14. 900 Euro) ist auch nicht ganz ohne. Und so wird Christy woanders rätselhaft schauen und an Wert gewinnen.