Ich habe ein Jahr, elf Monate und 29 Tage über diesen Text nachgedacht. Ich war unsicher, ob ich ihn schreiben soll. Dass ich es tue, hängt mit einem Sonntag im Juli 2017 zusammen. Und mit einem Samstag im Januar 2016.

Alles beginnt mit einer E-Mail. An einem kalten Wintertag vor zwei Jahren schreibt mir ein Mann namens Martin Kreuser. Er arbeitet als evangelischer Pfarrer in Dettenhausen, einem kleinen Ort in Baden-Württemberg. Kreuser ist der Vater einer Bekannten. Wir sind uns nie begegnet, aber er weiß, dass ich Jüdin bin.

Kreuser kümmert sich um etwa 40 Flüchtlinge, die meisten kommen aus Syrien und dem Irak. "Wir verstehen uns gut", schreibt er. "Es gibt nur einen Punkt, wo ich nicht recht beikomme."

Ein Anwalt aus der Gegend, erzählt Kreuser, hatte einem Syrer angeboten, ihn kostenlos zu beraten. Der Flüchtling lehnte ab. Der Nachname des Juristen klang jüdisch. Und von einem Juden wollte der Syrer sich nicht helfen lassen.

Viele Syrer und Iraker, fiel Kreuser auf, hatten antiisraelische Vorurteile. Er fürchtete, dahinter könnte Hass gegen Juden stecken. Wie solle man diesen Ressentiments begegnen?

In seiner E-Mail bittet Kreuser mich, vorbeizukommen und mit den Flüchtlingen zu sprechen. Vielleicht, so hofft er, bringe die Begegnung mit einem jüdischen Menschen sie zum Nachdenken.

Für mich hat das Judentum etwa die gleiche Bedeutung wie für andere ihr Heimatort. Wenn ich jemanden treffe, der zufällig auch Jude ist, spüre ich eine Verbindung – aber nur, weil wir so wenige sind und ein Treffen so unwahrscheinlich ist. Ich glaube nicht an Gott, und wenn ich in Jerusalem an der Klagemauer stehe, rührt sich nichts in mir. Zu Israel, vor allem zu seiner Regierung, habe ich ein gespaltenes Verhältnis.

Aber es gibt Momente, in denen ich spüre, dass mein Jüdischsein für andere eine größere Rolle spielt als für mich. Wenn ich neuen Bekannten erzähle, dass ich Jüdin bin, sehe ich oft ein Erschrecken in ihren Augen. Mit "den Juden" verbindet man in Deutschland die Bilder ausgemergelter KZ-Häftlinge. Ein Freund sagte mir mal: "Es ist, als würde deine Anwesenheit einen rosa Elefanten in den Raum stellen: den Holocaust."

Doch "die Juden" stehen noch für etwas anderes: für Israel, das einzige jüdische Land der Welt, in den Augen vieler ein Unrechtsstaat. Ich habe als Journalistin oft über den Nahen Osten berichtet. Mehr als einmal wurde ich dort als Deutsche zu Hitler beglückwünscht. Und wenn man die Menschen im Gazastreifen fragt, wer sie bombardiert hat, antworten sie: "Al-Jahud." Die Juden.

Als deutsche Reporterin wurde ich zwischen Kairo und Ramallah mit Gastfreundschaft überschüttet. Über die Hitler-Kommentare hörte ich hinweg. Was soll’s, ist ja nur Gerede. Dann kommt das Jahr 2015, in dem rund 900.000 Flüchtlinge Deutschland erreichen. Ich fühle mit den Menschen, frage mich aber auch, wie es gelingen kann, so viele Migranten zu integrieren. Sie haben Krieg und Elend überlebt – nun kommen sie in ein Land, in dem Asylunterkünfte brennen. Ich fürchte um die Flüchtlinge, ich fürchte um den Zusammenhalt in Deutschland. Um mich fürchte ich nicht.

"Ich komme gerne", antworte ich Martin Kreuser.