Das Problem

Es gibt ein Grundgesetz. Die Öffentliche Gestaltungsberatung, mit deren Studenten das Ressort Z für die Werkstattserie kooperiert, hat es aufgestellt. Das Grundgesetz soll erklären, was das überhaupt bedeutet: Gestaltungsberatung. Was gemacht wird und was nicht. Man kann es als Richtschnur lesen, als Kodex. Für das Projekt, das hier vorgestellt wird, ist es durchaus hilfreich, dieses Grundgesetz zurate zu ziehen. Paragraf eins lautet: Alle Themen und Probleme können zum Gegenstand von Design-Prozessen werden. Alle, also auch ein Hauseingang. Einer, der, mit Verlaub, reichlich abgerockt aussieht. Vier Steinstufen, von einem Gerüst umkränzt, das einst weiß gelackt war, aber jetzt rot rostet und schwarz schimmelt, dazu milchverglast ist, und darüber in der Wellblechschräge die Ablagerungen der vergangenen Jahrzehnte. Patina, würde der Makler sagen. Abrissverdächtig, sagt der Journalist. Auch Heidi, der das Haus gehört, sagt: "Optisch eine Katastrophe, ich weiß einfach nicht, was ich damit machen soll." Was sie bisher dort gemacht hat: Schuhe an- und ausgezogen, sich vor dem Regen geflüchtet, bei Sonnenschein gar mal ein Buch gelesen. Sagt sie. Schwerlich zu glauben. Gemütliche Lektüre? Hier?

Die Eltern von Heidi haben das Haus, an dessen Seite der Eingang mehr klemmt, als dass er ins Innere lädt, 1956 gebaut. Ein Wirtschaftswunder-Eigenheim, anderthalb Etagen, in Bad Arolsen in Nordhessen, Waldecker Land. Heidi wuchs in diesem Haus auf, ging als junge Frau fort und kehrte vor drei Jahren zurück, weil ihre Mutter ins Altenheim gezogen und der Vater gestorben war. In fremde Hände sollte die Familienstätte nicht fallen. Deshalb bauen sie und ihr Mann Frieder seither um. Verlegen neue Böden, wechseln das Mobiliar, die Küche würde auch in ein Berlin-Mitte-Loft passen. Nur dieser Hauseingang, der ist eben immer noch da. Ihre letzte Baustelle. Vielleicht liegt genau darin das Problem. Vielleicht weiß Heidi nicht, was sie daran ändern soll, weil sie daran eigentlich gar nichts ändern will? Siehe dazu Paragraf 6 des Grundgesetzes: Hinter offensichtlichen Problemen liegen oft verborgene.

Die Diskussion

Im Juni ein Besuch in Bad Arolsen, das Zweierteam der Gestaltungsberatung macht sich ein Bild, und das gerät komplexer, als man zunächst vermuten durfte. Natürlich klingt es wenig sexy, einen Hauseingang zu entproblematisieren, zumal an einem Fünfziger-Jahre-Bau – aber kann das nicht auch eine Chance sein? Ist der Hauseingang als ästhetisches Element nicht grotesk vernachlässigt? Kennen wir alle nicht mehr hässliche als hübsche Eingänge, falls wir sie überhaupt wahrnehmen? Wann steigt man mal empor, und das Herz geht einem auf? Eben, fast nie! Aus einem Hauseingang muss man doch was machen können, auch aus diesem hier, über den das Team notiert: "zu divers, keine klare Linie; erst nur Treppen; Verschalung wurde in den Sechzigern nachgebaut".

Im Gespräch mit Heidi und Frieder wird klar, dass der Hauseingang mehrere Funktionen erfüllt: Rastort, Schutz gegen die Witterung. Vor allem aber: gegen die Nachbarn. Denn die Hecke bietet keinen Schutz mehr. Vom Gärtner ohne Absprache auf Knöchelhöhe gestutzt. Die nachgepflanzten Thujen können nicht kaschieren, dass in der Begrünung nun eine eklatante Lücke klafft und Blicke ermöglicht, die Heidi, das merkt man, gar nicht mag. Das Eingangsgerüst ist der letzte Schleier gegen die Nacktheit, es in Gänze abzureißen schon deshalb keine Option. Und dann bleibt noch unausgesprochen, aber nicht unbemerkt, dass wir es hier auch mit einer Chiffre zu tun haben: der Eingang als Symbol für Erinnerungen, die sich an das Haus knüpfen, gute wie schlechte. Heidi will ihn so nicht belassen, abreißen kann sie ihn auch nicht. Dem wird das Gestaltungsteam Rechnung tragen müssen, siehe Paragraf 8: Individuelle Unterstützung heißt auch, den strukturellen Kontext zu beachten.

Allein, es hilft ja nichts. Das Gestaltungsteam vertieft sich, zurück in Hamburg, in Entwürfe: Man könnte erstens den Eingang komplett versetzen, um den Blicken zu entgehen. Man könnte zweitens den Windfang ganz öffnen, das Gerüst abbauen, denn die Hecke, sie wächst ja nach, nicht sofort zwar, aber bald. Man könnte drittens auf der anderen Seite des Hauses im Garten eine permanente Laube als neuen Verweilort installieren, dem Eingang seine Bedeutung nehmen. Die Funktionen reduzieren und damit auch seinen Problemcharakter. Das Team präsentiert die Ideen über Skype – doch Heidi lehnt jeden Eingriff ab, der zu extrem anmutet. Sie wünscht sich optische Veränderungen, die den Bau erhalten, "aber unbedingt verbessern", und das Team akzeptiert diesen Wunsch, muss es ja, denn, Paragraf 4: Lösungen werden nicht für, sondern immer mit dem Auftraggeber entwickelt. Dieser Paragraf wird noch wichtiger, als Heidi eine zweite Komplikation benennt, die mit dem Eingang erst mal nichts zu tun zu haben scheint: Sie und Frieder nutzen eigentlich nur die linke Gartenhälfte, von der Straße aus gesehen, der Eingang aber befindet sich rechts. Wollen sie Dinge in den Garten bringen, gehen sie nicht zu Fuß außen herum, sondern reichen ein Tablett durch das gartenseitige Wohnzimmerfenster hinaus.

Die Umsetzung

Das Gestaltungsteam errechnet anhand des Grundrisses, dass Eingang und improvisierte Durchreiche exakt auf einer Achse liegen, und denkt beides fortan als eine große Öffnung zu beiden Seiten, als zusammenhängendes System. Für die Durchreiche kommen nun einige Möglichkeiten in Betracht. Ein kleiner Lift am Fenster? Ein Seilzug? Eine modulare Außentreppe? Über dem Hauseingang wollen die Studenten ein neues Komplettdach installieren, das die Farben der Milchglasfenster aufnimmt. Kein Stilbruch, vielmehr ein Kompromiss, angesichts der Härte, mit der Heidi und Frieder um das Objekt ringen. Dabei auch Paragraf 5 erinnernd: Die Gestaltungsberatung macht so wenig Design wie möglich. Beim Eingang muss die Funktion stimmen, soll der sentimentale Wert behutsam ins Heute gerettet werden. Und tatsächlich begeistern sich die Arolsener für die neue Idee. Eine Lösung scheint gefunden. Alles wird bemaßt und kostenvorveranschlagt. Das dauert Wochen. Wochen, die den Zweifel wieder wachsen lassen.

Das Gestaltungsteam errechnet eine Summe um die 2.000 Euro, was nicht viel ist für einen neuen Eingang und erst recht wenig, verglichen mit dem Investment, das Heidi und Frieder bereits ins Haus gesteckt haben. Da kommt aus Bad Arolsen plötzlich eine Mail: bitte nicht, zu viel, zu teuer! Die vordere Hausfassade müsse erneuert werden, auch die Elektrik sei derzeit wichtiger. Bei der Renovierung des Eingangs wolle man sich nur vorantasten, fraglich, ob die überhaupt noch dieses Jahr stattfinden werde. Es ist ein gut begründetes Nein. Und es ist eine Enttäuschung. Selbst die geplante Ablage für die Durchreiche in den Garten scheint zu gewagt.

Was man nicht abreißen darf, kann man zumindest verkleiden. © Janosch Boerkel für DIE ZEIT

Das Projekt und mit ihm dieser Text könnten jetzt vorbei sein – hätten die Studenten nicht einen letzten Anlauf gewagt. Sie planen eine Intervention, ein gestaltungsberatendes Happening, um den gesamten Prozess, das Scheitern auch, zu reflektieren. Man müsse, sagt Fynn-Morten Heyer, einer aus dem Team, Heidi und Frieder ermutigen, sich das Haus in Zukunft stärker anzueignen. Ihnen die Angst vor der Veränderung nehmen. Ende September findet die Intervention in Bad Arolsen statt. Die Studenten montieren eine provisorische Durchreiche, Bretter, die, von Winkelklemmen gehalten, das Fensterbrett verlängern. Den Eingangsbereich, wie er hätte realisiert werden können, simulieren sie mit großen, aufgespannten Stoffplanen. Die Auftraggeber, zu Beginn skeptisch, entspannen merklich, als sie sehen, dass nichts von Dauer sein soll, es vielmehr um eine Ahnung, einen Input geht. Danach wird es noch lustig und laut. Bis zum Abend sitzt man zusammen. Die Blicke der Nachbarn scheinen diesmal egal.

Es ist, wenn kein richtiges Ende, so doch wenigstens ein Abschluss. Weniger, als man wollte, mehr als nichts und womöglich das Maximum, wenn man sieht, wie weit die Vorstellungen manchmal auseinanderlagen. Das Projekt bleibt ohne bauliche Vollendung. Das passiert manchmal, sagen die Studenten, siehe Paragraf 6 des Grundgesetzes: Am Anfang erforschen wir das Problem – Lösungen oder Nichtlösungen kommen später. Frieder wird nach der Intervention sagen, er und Heidi hätten viel über das Haus gelernt.