DIE ZEIT: Gibt es ein spezielles Fitnesskonzept des DFB, nach dem die deutsche Nationalmannschaft trainiert?

Nicklas Dietrich: Das gibt es. Allerdings ähneln sich mittlerweile in Vereinen und Verbänden die Philosophien fürs fußballspezifische Athletiktraining.

ZEIT: Sie haben als Athletiktrainer der Nationalmannschaft mit Ihrem Kollegen Yann-Benjamin Kugel ein Buch geschrieben, mit 130 Übungen im Praxisteil. Trainieren so wirklich die Weltmeister?

Dietrich: Mit der Nationalmannschaft gehen wir immer erst ins richtige Training, wenn sie sich auf ein Turnier vorbereitet. Bei den kurzen Treffen vor den Länderspielen steht eher im Vordergrund, die Jungs spielbereit zu machen und sie verletzungsfrei zu halten. Gewiss, das sind Übungen für Profis. Aber auch Vereine aus den Amateurligen oder Jugendmannschaften können das Buch als Leitfaden nehmen und für sich einzelne Elemente herausziehen.

ZEIT: Sie haben bei der TSG Hoffenheim gearbeitet, sind jetzt bei RB Leipzig. Wie wird man zusätzlich Athletiktrainer beim DFB?

Dietrich: Der DFB hat einen Vertrag mit dem US-Unternehmen Exos, das Elite-Trainingszentren betreibt und von Mark Verstegen unter dem Namen Athletes’ Performance gegründet wurde. Die Firma stellt für den DFB die Athletiktrainer. Ich war 2010 bei Exos in Arizona über mehrere Monate Praktikant. Und als man 2015 jemand Neuen suchte, der die Exos-Philosophie vertreten kann und Erfahrung in Deutschland hat, da habe ich einen Anruf bekommen. So fing es an.

ZEIT: Ist also das heutige Fitnesskonzept die Weiterentwicklung jenes Athletiktrainings, das 2004 unter Cheftrainer Jürgen Klinsmann die Amerikaner eingeführt haben? Die mit ihren Gummibändern kamen?

Dietrich: Ganz genau. Damals gab es noch viel Kritik. Auf dieser Basis wurde das Programm nach und nach immer mehr fußballorientiert verfeinert.

ZEIT: Mark Verstegen hat im Fitnessbereich das sogenannte funktionelle Training populär gemacht, bei dem nicht mehr einzelne Muskelgruppen isoliert trainiert werden, sondern der Körper als Ganzes – mit Übungen, die den Anforderungen im Alltag ähneln. Ist Ihr Training da gewissermaßen eine Fortführung? Die Spieler rennen nicht mehr in Dauerläufen, sondern in kurzen, intensiven Intervallen wie im Fußballspiel.

Dietrich: Exakt, das ist der Sinn dahinter. Man kann sich das Belastungsprofil des Fußballs anschauen, die Bewegungsmuster, und daraus die Trainingsideen entwickeln. Da muss man nicht streng sportwissenschaftlich vorgehen und bestimmte Leistungsparameter wie Kraft, Ausdauer, Schnelligkeit isoliert trainieren. Die ganz normale Fußballeinheit ist der Hauptentwickler der physischen Leistungsfähigkeit. Man muss nicht zusätzlich Konditionstraining machen.

ZEIT: Wozu dienen dann noch die Übungen Ihres Athletiktrainings?

Dietrich: Der Fußball steht im Vordergrund. Aber an den athletischen Fähigkeiten, die man dazu braucht, kann man punktuell noch schrauben. Bei Profis geht es da nur um Nuancen. Wir haben ja heute viele Daten zur Verfügung, wir analysieren jeden Laufmeter, den die Jungs zurücklegen. Daraus steuern wir die Belastung. Der eine braucht ein bisschen mehr Beweglichkeit, der andere mehr Stabilität. Wir unterstützen, dass die Spieler ihr Optimum abrufen können. Es geht nicht darum, dass die einzelnen Leistungsparameter maximal ausgeprägt sein müssen.