Der Wiener Karlsplatz ist für Irene Köhler ein Ort der Toten. Auch heute noch. In den frühen neunziger Jahren erlebte sie hier das Elend der Drogenszene. Sie sah junge Menschen dahinvegetieren, sie reanimierte Junkies in den Büschen und in den weitläufigen U-Bahn-Passagen. Viele starben unter ihren Händen. Die Bilder begleiten die heute 50-Jährige noch immer, wenn sie hierherkommt.

Mittlerweile gehören Drogentote in der Wiener Innenstadt nicht mehr zum Alltag. Und das ist nicht zuletzt Irene Köhlers Verdienst. Kaum jemand hat öfter in die Abgründe anderer geblickt als die gebürtige Niederösterreicherin. Am Karlsplatz baute die damalige Mittzwanzigerin die erste Anlaufstelle für Drogenkranke mit auf. Mehrere Jahrzehnte lang hat sie Süchtige begleitet, ist ihnen so nahe gekommen wie kaum jemand, hat Unzählige von ihnen sterben sehen. Köhler kennt die vielen Gesichter der Sucht, sie weiß, was Abhängigkeit aus Menschen macht.

Die elegante, groß gewachsene Frau scheint aber selbst süchtig nach den Geschichten der Menschen zu sein. Köhler will in jedes Gegenüber hineinschauen, dorthin, wo es weh tut. Warum tut man sich das freiwillig an?

Köhler sitzt in ihrem Büro des Österreichischen Komitees für Soziale Arbeit im fünften Wiener Bezirk. "Das ist eine unglaubliche Portion Lebenserfahrung", sagt die Geschäftsführerin der sozialpolitischen Organisation mit ruhiger Stimme. Drogensucht, Mager- oder Kaufsucht sind für sie ein und dasselbe Symptom. Hinter jedem Schicksal befindet sich eine Biografie. Hinter jedem Tiefpunkt sieht Köhler eine logische Begründung. Wie eine Programmiererin entschlüsselt sie Code für Code. Oft habe sie sich vorgestellt, wie es wäre, auf der anderen Seite zu sitzen. Und das sei auch für ihr eigenes Leben bereichernd gewesen, sagt sie.

Um Lösungen zu suchen, reiste sie nach New York, Boston, Amsterdam, Berlin oder Toronto. Als eine der Ersten glaubte Köhler daran, dass man Drogensüchtigen helfen muss, statt sie zu bestrafen. Ein Paradigmenwechsel, den heute in der EU-Drogenpolitik längst niemand mehr infrage stellen würde. Damals war es ein Tabubruch.

In New York betreute sie heroin- und cracksüchtige Kinder und Jugendliche. Es war ihr erster Job in der Sozialhilfe. 16 Dollar gab es pro Woche, dazu Essen und Verpflegung. Die junge Studentin war als Freiwillige zum berühmten Covenant House gekommen, einer Hilfseinrichtung für junge Obdachlose, nachdem sie in Wien den Vortrag eines Franziskanerpaters gehört hatte.

Die Straßen waren voll von Kriegsveteranen und Dealern. Am Port Authority, Manhattans größtem Busbahnhof, flüchteten sich täglich Tausende Menschen aus allen Bundesstaaten in die Großstadt. Mörder, Kleinkriminelle, Vergewaltiger, Sektenanhänger, viele landeten bei der jungen Studentin aus Österreich. Am sogenannten special needs floor begleitete sie Tag für Tag Aidskranke beim Sterben.